Uni-Trainerin Cohen Eine Nachhilfe-Lehrerin für 32.995 Dollar

Der Wettstreit um Studienplätze an amerikanischen Elite-Unis wie Yale und Harvard eskaliert - und ein kurioser Berufsstand profitiert davon. Private College-Trainer wie die trendbewusste Katherine Cohen, 36, geben Tipps für die ideale Bewerbung, polieren Lebensläufe auf Hochglanz. Dafür zahlen Eltern märchenhafte Preise.

Von , New York


Beraterin Cohen: "Es gibt dieses Vorurteil, dass wir geldgierige Leute sind"
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Beraterin Cohen: "Es gibt dieses Vorurteil, dass wir geldgierige Leute sind"

New York - Katherine Louisa Cohen hat gerade Kundschaft im Büro, und die hat einen mächtig weiten Anflug hinter sich. Das High-School-Mädchen im schwarzen Rolli, ihr Dad und die Mutter sind an diesem Freitag eigens aus Texas nach New York City gejettet. Jetzt hocken die drei aufgereiht auf dem Sofa in Cohens Büro in Midtown Manhattan. Sie sehen so aus, als würde gleich ein Gerichtsurteil über sie gefällt.

Katherine Cohen sitzt vor ihnen, studiert Zeugnisse. Dann intoniert sie Slogans und Tipps. "Du könntest für eine Zeit bei einer Lokalzeitung arbeiten", rät sie dem Mädchen auf dem Sofa, und verspricht: "Wir helfen dir bei der Suche nach Biokursen für die Ferien." Der Vater, mit Krawatte und Sakko, schaut nervös aus, die Tochter spricht kaum. Ihre Augen wandern hin und her. Schließlich sagt Cohen: "Ich habe jetzt ein Interview". Das Trio macht sich bereit für 2200 Kilometer Heimflug nach Dallas. Für die 90 Minuten auf Kat Cohens Sofa haben sie 1000 Dollar bezahlt.

"Die Konkurrenz ist härter geworden"

"Manchmal kommen Leute aus Israel oder Argentinien, um mich zu sehen", berichtet Cohen später, und ihr Tonfall sagt: "Das ist doch ganz angemessen." Dollars und Mühe spielen für die meisten ihrer Klienten keine Rolle. Die 36-Jährige mit dem Faible für legere Designer-Kleidung ist die wohl berühmt-berüchtigste Repräsentantin eines neuen, wachsenden und gut entlohnten Berufsstandes. Kat Cohen ist "College Counselor", freiberufliche Beraterin für Uni-Bewerbungen.

Ihre Firma IvyWise liegt 30 Schritte von der Carnegie-Konzerthalle in Manhattan entfernt, in einem Haus mit Marmor und Concierge. In ihrem Büro hängen abstrakte Gemälde und Spiegel, alles entworfen vom Szeneparty-Star Lulu de Kwiatkowski.

IvyWise spezialisiert sich darauf, die Kids der Begüterten und Ambitionierten - und ein paar Stipendiaten - in Edelcolleges wie Amherst unterzubringen, oder eben in Unis der "Efeu-Liga": Columbia, Dartmouth und die anderen, von denen stolze Studenten-Mamas so gern ihren Nachbarn erzählen.

"Am liebsten Neuntklässler"

"Die Konkurrenz um Plätze an den anspruchsvollen Unis ist härter geworden", sagt Cohen - eben darauf fußt ihr Geschäft. Weil die Sprösslinge der 68-er in Scharen erwachsen werden, buhlen wachsende Bewerbermassen um eine konstante Zahl von Eintrittskarten. An der Uni Yale bewarben sich 1993 noch 10.705 Aspiranten, 2003 waren es 17.733. Im selben Zeitraum schrumpfte die Zahl der Plätze um 300 - auf gut 2000 pro Jahr.

Yale-Campus: 15.700 Absagen in einem Jahr
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Abebben wird diese Schwemme erst nach 2010. "Sogar Unis, an denen die Zulassung sicher war, sind heute wählerisch", sagt Cohen. Exzellente Noten allein reichen schon lange nicht mehr, auf Vita und Charakter kommt es an - und eben auf Selbstinszenierung.

Kein Wunder, dass Princeton-fixierte Eltern hysterisch werden - und für Söhne und Töchter nach einem "Wettbewerbsvorteil" suchen, wie Cohen es nennt. Sechs Prozent aller Uni-Bewerber in den USA lassen sich von Beratern wie Cohen helfen, doppelt so viele wie vor fünf Jahren. In Manhattan und anderen Zentren des Geldadels erreicht die Quote oft 25 Prozent. Der Boom habe sie selbst überrascht, sagt Cohen. "Als ich 1998 anfing, dachte ich nie, dass eine Firma daraus wird." Heute arbeiten noch zwei weitere Uni-Beraterinnen für IvyWise, eine davon in Los Angeles.

"Kann ich noch Lippenstift auftragen?"

Das gängige Beratungspaket bei IvyWise beginnt zwei Jahre vor der Immatrikulation. "Am liebsten aber fange ich mit Neuntklässlern an", sagt Cohen, "da kann man am meisten bewirken." Ihre Botschaft: Eine Bewerbung für ein Elite-College schludert man nicht an einem Wochenende herunter - sie ist ein Gesamtkunstwerk. Am besten, die halbe Schulkarriere läuft darauf zu.

"Ich plane Stundenpläne an der High School, helfe bei der Auswahl der richtigen Freizeit-Aktivitäten. Ich helfe, das Verhältnis zu den Lehrern zu pflegen, lese die Bewerbungen mit den persönlichen Aufsätzen, bereite die Auswahlgespräche vor", sagt Cohen und ist mit ihrer Liste noch lange nicht fertig.

Cohens "Platin-Paket", ein zweijähriges Komplettprogramm für 32.995 Dollar, ist das teuerste, das die ohnehin nicht günstige Branche zu bieten hat. Ein eintägiger Campus-Besuch mit Cohen als Reiseführerin kostet immer noch 4000 Dollar, das Redigieren einer Uni-Bewerbung einen Tausender. Ihren Platin-Kunden bietet Cohen 24 Einzelsitzungen à 90 Minuten, dazu pro Woche eine Stunde Beratung am Telefon - wenn's Not tut auch sonntags um 23 Uhr. Eigentlich sei sie nicht nur College-, sondern Lebensberaterin, sagt Cohen. "Ich helfe Schülern, die Feuer in ihrem Leben zu löschen." Den Eltern fehle oft die Zeit dafür.

"Spart euch das Geld für Studiengebühren"

"Kann ich noch Lippenstift auftragen?", fragt Cohen, bevor sie sich fotografieren lässt. Äußerlichkeiten sind ihr wichtig. Schon als Teenager in L.A. suchte sie Flohmärkte nach Gucci-Taschen ab; ihr Papa arbeitete damals als Investmentbanker. Als Cohen ihren Literatur-Doktor machte - an der Uni Yale - fiel sie durch ihre Liebe zu Chanel-Pullis auf.

Wunschziel Harvard im Internet: "Ungerechtigkeit gibt es überall"

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Bei IvyWise hängen zwei Fotos neben der Tür, die Cohen in Model-Pose zeigen. Auf einem, es erschien in "People", wird Cohen von Efeu umrankt. Auf dem anderen, aus dem Magazin "W", räkelt sie sich im Kleid auf einem Bett. Die kalauernde Schlagzeile: "Tutor-Stil".

Cohen kann wirken, als wäre sie einer Folge von "Sex and the City" entlaufen. Sie ist die Art Person, deren Erscheinen bei Partys in Klatschblättern vermerkt wird: glamourös, Single. Gerne prunkt sie damit, dass sie mit Film-Regisseuren bekannt sei, ihren Schülern Praktika am Set vermitteln könne.

Ihr Aussehen, ihr Alter - für Cohen sind das Pluspunkte im Wettbewerb mit anderen Beratern. "Ich höre die Musik, die meine Schüler hören. Ich sehe die Serien und Filme, die sie sehen. 50 Cent, Six Feet Under, Kill Bill. Mein Job hält mich jung."

"Wir leben nicht im Kommunismus"

Hinter Cohens madonnaesquen Selbstinszenierung verberge sich nicht viel, finden Kritiker. Cohen erzähle oft und gern, dass sie in der Zulassungsstelle der Uni Yale gearbeitet, dort Bewerbungen gelesen und ausgewählt habe. Doch sie jobbte dort nur kurz und als Freiwillige. Immer noch lehnen es manche Direktoren der Uni-Zulassungsstellen ab, mit privaten Beratern wie ihr auch nur zu reden. Sie halten die ganze Branche für überflüssig, gar schädlich. "Spart euch das Geld für die Studiengebühren", sagte ein Uni-Zulassungschef im Magazin "Bloomberg Markets".

"Es gibt dieses Vorurteil, dass wir geldgierige Leute sind, die Ängste der Eltern ausbeuten", sagt Cohen, und klingt richtig streng dabei. "Aber was ist denn der gerechte Preis für Beratung wie meine? Ich kann es Ihnen sagen: der Preis, den der Markt hergibt."

Cohen ärgert sich, wenn man ihr vorwirft, dass sie den Uni-Eintritt mit Tipps für die Superreichen noch ungerechter macht. "Wir leben nun mal nicht in einer kommunistischen Gesellschaft", sagt sie. "Ungerechtigkeit gibt es überall." Sie bemühe sich ja um Fairness. Ein Drittel ihrer Schüler seien Stipendiaten. Einmal jährlich fahre sie in die Bronx, halte dort einen Vortrag, berate gratis. "Ich erzähle meinen Schülern, wie wichtig soziales Engagement ist. Wenn ich mich selbst nicht dran hielte, wäre ich eine Betrügerin."

"Kat ist die Beste"

Kurz vor 17 Uhr an diesem Freitag rauscht Sabrina durch die Tür, ganz in Jeans-Stoff gekleidet und mit roten Sneakers. Sabrina ist eine Supernova der guten Laune - ganz anders als das schüchterne Mädchen aus Texas. Sie lacht ausgelassen und oft, gestikuliert und läuft durch Cohens Büro, als wäre sie daheim bei einer 18-jährigen Freundin. Zur Begrüßung gibt Cohen ihrer "Brine" Küsschen. "Ich hab' meinen Führerschein!", quietscht Sabrina, und Kat Cohen quietscht zurück: "Oh, right!" Beide schlagen die Hände gegeneinander wie Sportler beim Spiel.

Sabrina geht auf eine private Schule: klein, edel und teuer. Eigentlich wollte sie sich an der New York University bewerben. Das Image gefiel ihr, viel mehr wusste sie nicht. Cohen zweifelte an der Wahl. Kenyon College, sagte sie, wäre wohl besser geeignet: viel persönlicher, auf Literatur spezialisiert.

Und tatsächlich: Als sie den Campus besuchte, erzählt Sabrina, habe sie sich prompt verliebt in die Uni. "Kat ist die Beste. Sie ist eine Art Guru." Bevor Sabrina weiter spricht, lächelt sie noch ein paar Sekunden.



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