Uni-Zwist in Hohenheim Fördergeld für Campus-Sternelokal empört Studenten

Ein Luxuslokal mit 75-Euro-Menüs direkt auf dem Campus - kann das gutgehen? Um den Trakt eines Edelrestaurants in Hohenheim zu sanieren, lässt Baden-Württemberg viel Geld aus der Landeskasse springen. Gleich nebenan sitzen Studenten auf kaputten Stühlen im engen Hörsaal und ärgern sich.

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Hohenheimer Uni: Keine Bockwurst im Barockschloss
Universität Hohenheim

Hohenheimer Uni: Keine Bockwurst im Barockschloss

Wenn einer weiß, wie man mit Geld umgeht, dann ja wohl die Schwaben. So sehen das auch Studenten, die teils von weit her kommen, um in Stuttgart an der Universität Hohenheim in einem Barockschloss zu studieren. Manche fuchst eine Baumaßnahme gewaltig: Der sogenannte Speisemeistereiflügel des Schlosses wird derzeit mit 700.000 Euro aus der Landeskasse renoviert. Darin befinden sich das Uni-Archiv im ersten Stock - und die Räume eines Edelrestaurants.

Mit dem Budget werden Dach und Fenster des Nebengebäudes geflickt, aber auch ein neues Parkett verlegt und neue Kühlräume eingebaut - für die "Speisemeisterei", eine bis Ende 2007 verpachtete Luxusgaststätte, die bald einem neuen Pächter so hübsch wie möglich übergeben werden soll. "Unfassbar, wenn man berücksichtigt, dass nebenan desolate Zustände in den Hörsälen herrschen", zürnt die Fachschaft Wirtschaftswissenschaften.

Studenten hatten mit dem Edelrestaurant auf dem Campus, eines von nur zwei Dutzend deutschen Zwei- oder Drei-Sterne-Restaurants, bislang wenig bis nichts zu tun. Ein günstiges Menü beim inzwischen pensionierten Haubenkoch Martin Öxle, der über 14 Jahre in der "Speisemeisterei" rührte und briet, kostete zuletzt 72,50 Euro. Das Acht-Gänge-Menü inklusive "Roulade von Zander und Lachsforelle mit Gewürzkürbis und Verjus-Soße" war für 146 Euro zu ordern. Direkt Bafög-kompatibel ist das nicht, serviert wurde außer sonntags nur am Abend.

Studenten neben Luxusfresstempel: Auf gute Nachbarschaft

Die Spitzengastronomie im Barockschloss steht in scharfem Kontrast zur universitären Raumnot im gleichen Gebäude. Die genaue Zahl der Wirtschaftserstsemester zum Wintersemester steht noch nicht fest, zugelassen wurden bisher 842. Der größte Hörsaal fasst aber nur 450 Studenten.

Darum ist die Fachschaft verärgert: "Sterne-Restaurant wichtiger als Hörsaalbedingungen", lautet ihr Vorwurf. Wenn die "Speisemeisterei" im Oktober fertig renoviert sei, "werden wieder viele Studenten keinen Sitzplatz im Hörsaal erhalten". Die Uni Hohenheim scheint so morsch wie viele andere deutsche Hochschulen: Projektoren funktionierten nicht, die Sitzgelegenheiten seien in einem miserablen Zustand. "Die Beseitigung dieser Mängel scheint aber keine Priorität zu haben", so Wirtschaftsstudent Marcus Lesser.

"Die Studenten werden mit den vorhandenen Bedingungen allein gelassen und gleich nebenan solche Maßnahmen aus staatlichen Töpfen bezahlt", sagte der Fachschafter SPIEGEL ONLINE. Der notwendige Hörsaalneubau sei vom Land wegen fehlender Mittel vertagt worden.

In punkto Raumnot stimmt die Universität ihren Studenten zu: "Wir brauchen einen neuen Hörsaal, das ist ein immer dringenderer Wunsch", sagte Pressesprecherin Johanna Lembens-Schiel. Keineswegs werde aber lediglich ein Nobelrestaurant für einen neuen Pächter aufgehübscht. Der Flügel des Barockschlosses, in dem auch die "Speisemeisterei" liegt, beherberge im ersten Stock das Archiv der Universität. "Der Gebäudeteil war marode", sagt Lembens-Schiel. Die 700.000 Euro würden auch im Sinne der Universität vom Uni-Bauamt verwendet.

Neuer Hörsaal? Von wegen, das Land winkt ab

Für die Restauranträume selbst werde nur ein Teil der Gesamtsumme ausgegeben, verteidigt auch Lothar Knaus, Sprecher des Finanzministeriums, die Investition in Mörtel und Stuck. Der Großteil der 700.000 Euro sei für Fenster, Dach und Fassade des ganzen Gebäudes bestimmt, nur 245.000 Euro für den Innenbereich mit Parkett und neuen Kühlräumen.

Das Schloss gehört dem Land Baden-Württemberg. Dass ein Teil des historischen Gebäudes verpachtet werde, sei normal und üblich, erklärt Knaus. Er hält es für angemessen, dass dort in den letzten 14 Jahren ein Spitzenkoch illustre Gäste verköstigte - eine "hochwertige Nutzung" entspreche dem barocken Schloss. In dem Flügel sei schon im 19. Jahrhundert die Speisemeisterei gewesen, demnach stehe die Nutzung als Restaurant in der Kontinuität des Baus, sagte Lothar Knaus SPIEGEL ONLINE.

All das sei aber unabhängig vom Wunsch der Uni und der Studenten nach einem neuen Hörsaal. "Der Hörsaalbau wird nicht kommen", sagte Knaus deutlich, "auch das Wissenschaftsministerium hält das nicht für nötig." Stattdessen empfehle das Finanzministerium, "die Nutzungszeiten an Montagen und Freitagen auch bis 20 Uhr auszuweiten" und ansonsten "Veranstaltungen zu teilen". Die von der Uni vorgelegte Nutzungsanalyse zeige, dass die Ausnutzung "akzeptabel" sei.

Mehr Platz bekommen die Studenten also nicht, sie sollen sich damit bescheiden, dass es in einigen Gebäuden nicht mehr tropft und zieht. Die Uni verweist ebenfalls darauf, dass neben dem Speisemeistereiflügel auch andere Bauten saniert wurden, etwa der Neubau der Biowissenschaften.

Hungrige Gäste und Studenten: Wir sehen uns im Oktober

Wegen der desolaten Bausubstanz an der Uni wollen sich die aufgebrachten Studenten nicht beschwichtigen lassen. "Wir würden uns wünschen, dass auch unsere Anliegen mit demselben Engagement vorangetrieben werden und eine ähnliche Finanzierung sichergestellt werden kann", so Fachschaftssprecher Marcus Lesser. Schon im Oktober, zum Start des Wintersemesters, solle der neue Pächter sein aus Landesmitteln frisch renoviertes Edellokal beziehen.

Der heißt Frank Oehler, auch er ein mit Michelin-Stern-dekorierter Edelkoch und Saucenbinder, wie die "Stuttgarter Nachrichten" erfreut berichten. Die künftigen "Schlossherren" kündigten an, bei ihnen solle man auch mittags einkehren können. Die "Speisemeisterei" solle "etwas asiatisch" und weniger elitär werden, sagten die neuen Pächter der Zeitung.

Doch auch im Hotelrestaurant Erbprinz, der bisherigen Kochstelle des neuen Pächters in Hohenheim, kosten Menüs aktuell zwischen 75 und 98 Euro. Zu Mensatarifen dürfte es auch in der neuen "Speisemeisterei" nichts auf die Gabel geben - und die Studenten sehen die feinen Leute wohl weiter hinter Glas oder riechen das Essen auf dem Weg über den Campus. Mahlzeit.

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klausotto 01.09.2008
1. Ich habe Fragen.
Entwickelt sich der "Spiegel" jetzt zur "Bild". Bilder und Text sprechen nicht dafür, dass der Autor die tiefen Teller erfunden hat. Kann es sein, dass eine solche Bildungseinrichtung auch repräsentative Lokalitäten braucht? Sind die Fenster, Gardinen und Sitze von allein defekt geworden?
GM64 01.09.2008
2. Das Hochschulparadigma in Deutschland ist falsch
Im Ostblock gab es genau so viele Studienplätze wie gebraucht wurden, am Beginn des Studiums gab es eine Eignungsprüfung, wer die bestanden hatte, konnte damit rechnen, dass er das Studium auch schafft. Das war den jungen Menschen gegenüber auch fair . Wer die Prüfung nicht bestanden hatte und ein Gymnasium absolviert hat, war dennoch kein Verlierer, weil er während des Gymnasiums eine Lehre abgelegt hat, die Humanisten sind Schneider geworden, die Realisten, Elektriker oder Schlosser. Im Westen waren aber schon zu meiner Zeit, viele Studenten zum Ausschuss geworden. Von meinen Kommilitonen haben nur 40% das Diplom erworben. Wir wurden aber schon am ersten Tag gewarnt. "Sie sitzen zu fünft auf einem Platz" Bei den nbg. Elektrotechnikern (FH) ist es noch viel schlimmer. Da kann man noch bei Diplom durchfallen. Bei uns konnte man nach dem Vordiplom ausgehen, dass man für den Job geeignet ist. Das ist eine große Verschwendung von Menschen. Das ist im Grundgesetz so vorgesehen, aber dennoch nicht menschlich. Aber es passt zum Paradigma unserer Gesellschaft wo jeder nach dem Kuckucks Prinzip funktioniert, und die Lehrer möglichst wenig Nachfolger produzieren wollen. Wenn man in Badenwürtenberg keine Lehrer hat, dann ist es weil die alle als Studenten schon ruiniert wurden.
pressport, 01.09.2008
3. -
Zitat von GM64Im Ostblock gab es genau so viele Studienplätze wie gebraucht wurden, am Beginn des Studiums gab es eine Eignungsprüfung, wer die bestanden hatte, konnte damit rechnen, dass er das Studium auch schafft. Das war den jungen Menschen gegenüber auch fair . Wer die Prüfung nicht bestanden hatte und ein Gymnasium absolviert hat, war dennoch kein Verlierer, weil er während des Gymnasiums eine Lehre abgelegt hat, die Humanisten sind Schneider geworden, die Realisten, Elektriker oder Schlosser. Im Westen waren aber schon zu meiner Zeit, viele Studenten zum Ausschuss geworden. Von meinen Kommilitonen haben nur 40% das Diplom erworben. Wir wurden aber schon am ersten Tag gewarnt. "Sie sitzen zu fünft auf einem Platz" Bei den nbg. Elektrotechnikern (FH) ist es noch viel schlimmer. Da kann man noch bei Diplom durchfallen. Bei uns konnte man nach dem Vordiplom ausgehen, dass man für den Job geeignet ist. Das ist eine große Verschwendung von Menschen. Das ist im Grundgesetz so vorgesehen, aber dennoch nicht menschlich. Aber es passt zum Paradigma unserer Gesellschaft wo jeder nach dem Kuckucks Prinzip funktioniert, und die Lehrer möglichst wenig Nachfolger produzieren wollen. Wenn man in Badenwürtenberg keine Lehrer hat, dann ist es weil die alle als Studenten schon ruiniert wurden.
Wie man die Geschichte doch verklären kann. Erst einmal gab es eine Linientreueprüfung durch die Stasi. Wenn sie ein SED-Parteibuch hatten, dann war der Studienplatz so gut wie sicher. Wer als Risiko eingestuft wurde, hatte kaum Chancen.
ascension83, 01.09.2008
4. Sanierung
Ich verstehe die Situation voll und ganz. Ich kann aber dabei froh sein, dass meine Hochschule gerade generalsaniert wird. Dabei wird der Campus verkleinert und alle Einrichtungen zentralisiert. Aber der Ausgangszustand war noch schlimmer als in Stuttgart, keine Frage als ehemalige technische Hochschule für Chemie. Aber die Frage ist doch, warum wurde in den letzten Jahren nichts getan? Meiner Meinung nach hat der Staat zu starke Investionen in den Straßenbau getätigt, damit ein Rad zum rollen gebracht.. ein Teufelskreis -mehr Straße - mehr Autos. Natürlich auch die verfehlte Wirtschaftspolitik, die das Staatsbudget durch gezahlte Sozialleistungen fast aufgefressen hat. Nicht zu vergessen das Desinteresse der Politiker, den ein Politiker denkt in der Regel auch nur von Wahl zu Wahl langfristige strategische Entscheidungen einer kontinuierlichen Sanierung der Hochschulen, auch schon am Anfang der 80er Jahre hätte manche böse Überraschung heute vermieden. Schlimm wenn man sich überlegt, das ein beträchtlicher Teil der Politiker selbst Hochschulabsolventen sind.
gonjo 01.09.2008
5. Fair?
Zitat von GM64Im Ostblock gab es genau so viele Studienplätze wie gebraucht wurden, am Beginn des Studiums gab es eine Eignungsprüfung, wer die bestanden hatte, konnte damit rechnen, dass er das Studium auch schafft. Das war den jungen Menschen gegenüber auch fair . Wer die Prüfung nicht bestanden hatte und ein Gymnasium absolviert hat, war dennoch kein Verlierer, weil er während des Gymnasiums eine Lehre abgelegt hat, die Humanisten sind Schneider geworden, die Realisten, Elektriker oder Schlosser. Im Westen waren aber schon zu meiner Zeit, viele Studenten zum Ausschuss geworden. Von meinen Kommilitonen haben nur 40% das Diplom erworben. Wir wurden aber schon am ersten Tag gewarnt. "Sie sitzen zu fünft auf einem Platz" Bei den nbg. Elektrotechnikern (FH) ist es noch viel schlimmer. Da kann man noch bei Diplom durchfallen. Bei uns konnte man nach dem Vordiplom ausgehen, dass man für den Job geeignet ist. Das ist eine große Verschwendung von Menschen. Das ist im Grundgesetz so vorgesehen, aber dennoch nicht menschlich. Aber es passt zum Paradigma unserer Gesellschaft wo jeder nach dem Kuckucks Prinzip funktioniert, und die Lehrer möglichst wenig Nachfolger produzieren wollen. Wenn man in Badenwürtenberg keine Lehrer hat, dann ist es weil die alle als Studenten schon ruiniert wurden.
coole Vorstellung, eine dahergelaufene Eignungsprüfung zu Beginn sagt alles über die Fähigkeiten zum Studium und dessen Abschluss aus. Scheiß auf Fleiß, vergiss eine Spezialisierung auf ein Themengebiet....am Anfang macht man einen kleinen Test und das Diplom wird unterschrieben für ein paar Jahre bei der Uni-Verwaltung in den Tresor gesperrt....gabs in der dieser DDR denn dann auch eine bessere Note bei Fleiß oder Talent, oder Parteibuch??? Finde das auch total fair das jeder ein Diplom schaffen kann,egal ob er gut ist oder nicht. Wer dann nicht eine 1 vorm Komma hat, dessen Diplom ist dann doch auch nichts wert.... Kinder Kinder....redet doch nicht immer über Fairniss. Unterschied zwischen Kommunisten und Liberalen? Bei den Liberalen haben alle die gleichen Startvorraussetzungen und können damit erreichen was sie wollen. Bei den Kommunisten haben alle am Ende das geleiche, ob sie es verdient haben oder nicht....Fairness ist so ein schönes Wort ;-)
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