Unicard auf dem Vormarsch Chip, Chip, hurra?

Die Uni Freiburg ist das jüngste Beispiel, aber nur eines von vielen: Die Hochschulen mustern diverse Ausweise aus und ersetzen sie durch eine Chipkarte. Die soll Wunder wirken gegen Warteschlangen und Arbeit sparen. Doch Studentenvertreter warnen weiter vor einem Datenschutz-Risiko.

Von Carsten Heckmann


Die Freiburger Unicard: Nur Wundermittel oder auch Risikofaktor?

Die Freiburger Unicard: Nur Wundermittel oder auch Risikofaktor?

Der Studentenausweis aus Papier kann ganz schön peinlich wirken. Und die Pappkarte für die Bibliothek ist auch schnell zerknickt. Ganz zu schweigen vom Kartonkärtchen für das Rechenzentrum. Aber im Grad der Altertümlichkeit werden sie alle noch übertroffen von den Essensmarken in der Mensa.

Die meisten der 19.000 Studenten an der Uni Freiburg müssen sich noch mit diesen Utensilien zufrieden geben. Doch 800 von ihnen haben sie schon, die Plastikkarte, die alles in einem ist, dank eines kleinen eingebauten Chips. "Unser Probebetrieb läuft, und er läuft gut", freut sich Michael Kraus, Dezernent für Organisation und EDV an der Universität im Südwesten.

Im Wintersemester 2002/03 sollen dann alle Studenten mit der kleinen Karte ausgerüstet sein, damit essen gehen, Bücher ausleihen, sich zu Prüfungen anmelden und einiges mehr. Einfach die Unicard in eines der extra aufgestellten Terminals schieben, und los geht's. Das spart meist Wartezeit.

Noch immer Angst vor dem "gläsernen Studenten"

"In der Tat bringt diese Karte einige Vorteile", sagt Jens Reyer, AStA-Vorsitzender an der Freiburger Uni. "Aber ich bin immer noch skeptisch", ergänzt er. Seine Skepsis bezieht sich auf ein Thema, dass auch anderen Studentenvertretern der Republik schon Sorgenfalten auf die Stirn getrieben hat: Datenschutz.

Kaum hatten die ersten Universitäten die Einführung von Chipkarten angekündigt, warnten Sprecher der Hochschüler im ganzen Land vor dem "gläsernen Studenten", der mit Hilfe des Chips ausspioniert werden könne. Trotz aller gesetzlichen Bestimmungen. "Ich fühle mich noch immer nicht datengeschützt", sagt René Voss, stellvertretender AStA-Vorsitzender in Bochum. "Man fragt sich doch: Was könnten die da speichern?"

"So eine Karte birgt Möglichkeiten, mit denen wir nicht einverstanden wären", klagt auch Jens Reyer. Doch im Konjunktiv liegt der Knackpunkt. Denn in den meisten Fällen enthält der Chip selbst nicht viele Daten. "Auf unserer Karte sind wenige Identifikationsnummern verzeichnet, keine persönlichen Angaben", versichert Dezernent Kraus. "Nicht einmal der Name des Studenten, geschweige denn Studien- oder Prüfungsstatus sind erkennbar."

Eine Karte für Mensa und McDonald's

Die Karte diene ja nur als Schnittstelle zu den Datenbanken. Die würden über die Terminals angezapft, dazu brauche man die Chipkarte selbst und eine fünfstellige Geheimzahl. Missbrauch sei unwahrscheinlich bis unmöglich. "Die einzelnen Datenbanksysteme können nicht miteinander verknüpft werden", so Kraus.

Die Hochschulen geloben immer den Schutz der Daten und stellen immer die Vorteile der Chipkarten heraus. An einigen Standorten, so in Hamburg, Cottbus und Trier, haben sie sich sogar mit den Sparkassen verbündet, um die Unicard mit deren Geldkarte zu kombinieren. Dadurch verlängert sich zwar zumeist die Zeit für eine Transaktion um ein paar Sekunden, dafür können die Benutzer aber sowohl in der Mensa als auch bei McDonald's die gleiche Karte zum Bezahlen nutzen.

Misstöne bei der Zukunftsmusik

Doch Misstöne gibt es weiterhin allerorten, mindestens bei der Zukunftsmusik. Schon jetzt dienen die Chipkarten an einigen Hochschulen auch dazu, den Studenten außerhalb der eigentlichen Öffnungszeiten Zugang zum Beispiel zu den Computerpools zu verschaffen. Schon bald könnten sie auch dazu verwendet werden, zu überprüfen, wer zu welchem Zeitpunkt einen Hörsaal betreten hat, befürchten Studentenvertreter.

"Das könnte zu einer Zugangskontrolle führen, wenn mal Studienkonten eingeführt werden", befürchtet René Voss, der davon als nordrhein-westfälischer Student wohl bald betroffen sein würde. Schließlich plant die dortige Landesregierung ebenso wie die von Rheinland-Pfalz die Einführung von Studienkonten. Stünde dann vielleicht vor verschlossener Hörsaaltür, wer sein Konto aufgebraucht hat?

In den Universitäten selbst denkt soweit offiziell noch niemand. Vorerst freut man sich lieber über die Einsparungen, die die Unicard verheißt. Was die Studenten an den Terminals selbst erledigen, braucht schließlich kein Sachbearbeiter zu machen, und wenn es nur der Ausdruck einer Studienbescheinigung ist. "Wir machen unsere Verwaltungsabläufe dadurch bestimmt effizienter", formuliert das Michael Kraus von der Uni Freiburg. Und das geschieht nicht im luftleeren Arbeitsmarktraum, wie der Dezernent einräumt: "Klar, auch wir müssen Stellen abbauen."



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