Unis in der NS-Zeit Bei der antisemitischen Hetze ganz vorn

Die deutschen Hochschulen waren tief in Nazi-Verbrechen verstrickt. Die braune Ideologie dominierte in der Akademikerzunft erschreckend früh, wie eine aktuelle Studie aus Tübingen belegt. Dort meldete die Universität bereits im Jahr 1933: "Judenfrage gelöst".

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Die angebliche Studentenschwemme war schon in den dreißiger Jahren ein Thema an Deutschlands Hochschulen - sie musste damals als Argument dafür herhalten, um Schikanen gegen jüdische Studenten zu rechtfertigen. Das "Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" vom 25. April 1933 verfügte, dass höchstens 1,5 Prozent der Erstsemester "Nichtarier" sein durften.

Bücherverbrennung im Jahr 1933: "Deutsche Studenten marschieren wider den undeutschen Geist"
DER SPIEGEL

Bücherverbrennung im Jahr 1933: "Deutsche Studenten marschieren wider den undeutschen Geist"

Die Universität Tübingen wendete die diskriminierende Richtlinie nicht an: Sie war schlicht schneller. Denn in Tübingen waren die jüdischen Kommilitonen so früh aus Hörsälen und Bibliotheken geekelt worden, dass sie bereits in der Anfangszeit des NS-Regimes nur noch eine verschwindend kleine Gruppe stellten.

"Die Universität Tübingen hatte eine lange anti-jüdische Tradition", stellt Urban Wiesing, Professor für Ethik und Geschichte der Medizin an der Eberhard-Karls-Universität, fest. Er untersuchte gemeinsam mit dem Arbeitskreis "Universität Tübingen im Nationalsozialismus" die Vergangenheit seiner Alma Mater während des "Dritten Reiches". Die Ergebnisse wurden kürzlich vorgestellt.

Späte Gesten

Vom Rektorat gefördert, ist der Bericht ein Beispiel für das wachsende Bemühen der deutschen Hochschulen, sich ihrer Rolle während des NS-Regimes zu stellen. Im Dezember des vergangenen Jahres hatte etwa die Kölner Universität während einer Gedenkveranstaltung Doktoren rehabilitiert, deren Titel einst von den Nazis aberkannt worden waren. Ähnliche Initiativen hatten zuvor unter anderem die Unis in Tübingen, Hamburg, Kiel, Frankfurt, Bonn und die Humboldt-Universität ergriffen.

Diese Gesten kamen deshalb spät, weil bis weit in die neunziger Jahre hinein die Hochschulen ihre Archive lieber in Frieden ruhen ließen, als dort nach unbequemen Fakten zu fahnden. Viele tiefbraune Wissenschaftler gelangten nach 1945 wieder in Amt und Würden, und ihre Schüler zeigten wenig Interesse daran, an ihren Förderern und akademischen Denkmälern zu kratzen.

Die plakative Forderung der 68er, unter den Talaren den Muff des "tausendjährigen Reiches" zu lüften, blieb bloße Parole - an den Hochschulen tat sich wenig. "Belastende Schriften, die noch häufig in den Bibliotheken schlummerten, wurden erst im Umfeld der Studentenbewegung von 1968 wieder ausgegraben und republiziert, sehr zum Unwillen ihrer Verfasser", erklärte der Berliner Historiker Michael Grüttner in einem UniSPIEGEL-Interview. "Die meisten Fächer haben erst in den achtziger Jahren angefangen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Da hatten die Professoren, die vor 1945 gelehrt hatten, bereits die Emeritierungsgrenze erreicht oder waren verstorben."

Neuere Forschungen lassen die Rolle vieler Universitäten im "Dritten Reich" als wenig ruhmreich erscheinen. Von unpolitischer Wissenschaft konnte damals keine Rede sein. Die Bildungsanstalten entließen jüdische Professoren, exmatrikulierten jüdische Studenten, beschäftigten Zwangsarbeiter, publizierten nach politischen Vorgaben und betrieben verbrecherische Forschung.

Vorauseilende Schikane

Die aktuelle Tübinger Studie wirft ein Licht darauf, wie salonfähig Antisemitismus in der Akademikerzunft bereits während der Weimarer Republik war. Schon im Vorfeld des NS-Regimes mussten jüdische Studenten und Wissenschaftler Anfeindungen erdulden - wenn sie überhaupt an die Hochschulen gelassen wurden. So legte die Leitung der Universität Tübingen im Jahr 1922 ihre rassistischen Kriterien bei der Zulassung freimütig offen: "Das akademische Rektorat nimmt insofern Einfluss auf die Zusammensetzung der Studentenschaft, als es, wenn irgend möglich, rassefremde Ausländer (namentlich Ostjuden) nicht zulässt und deren Deutschstämmigkeit, wenn sie behauptet wird, verneint."

Die Nazi-Handlanger an den Hochschulen rannten deshalb 1933 vielerorts offene Türen ein. So gab es an der Universität Tübingen zum Zeitpunkt der Machtergreifung kaum noch jüdische Lehrende und Studenten. Der Universitätskanzler August Hegler brüstete sich im Februar 1933 stolz im Großen Senat, "man habe hier die Judenfrage gelöst", ohne groß "davon gesprochen" zu haben.

Ab Sommersemester 1933 erhielten jüdische Studenten in Tübingen keine Stipendien mehr, sie durften die Mensa nicht mehr benutzen. Die Juristen der Universität ließen ab Sommer 1933 nur diejenigen jüdischen Studenten zur Promotion zu, die die Voraussetzungen für eine Karriere im öffentlichen Dienst erfüllten - eine vorauseilende Klausel, denn Reich und Länder hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine entsprechenden Gesetze erlassen.

Zu Beginn des Wintersemester 1935/36 waren an der Universität Tübingen keine Juden mehr immatrikuliert. Der letzte jüdische Student, der Mediziner Ulrich Sander, emigriert nach Palästina - die Hochschule meldete sich "judenfrei".

Antisemitische Wissenschaft

Nicht besser erging es jüdischen Wissenschaftlern. Insgesamt wurden in Tübingen acht Professoren, Dozenten und Assistenten wegen "nichtarischer" Herkunft entlassen, darunter ein späterer Nobelpreisträger: Der Physiker Hans Bethe emigrierte nach England und später in die USA.

Die fanatischsten unter den nichtjüdischen Kollegen machten sich unterdessen zu Vordenkern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. So tat sich der Tübinger Neutestamentler Gerhard Kittel mit dem Vorschlag hervor, man müsse wohl alle Juden umbringen, sollte die Rassentrennung nicht gelingen. Der katholische Dogmatiker Karl Adam erklärte, die Ziele des Christentums und des nationalsozialistischen Antisemitismus stimmten weitgehend überein.

1936 schuf die Universität Tübingen eine "Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland". Die lokale Presse bejubelte das neue Aushängeschild: Die Arbeit der Tübinger Forscher beweise, dass "der Antisemitismus keine Sache des Radaus, sondern eine Sache ernster wissenschaftlicher Erkenntnis" sei.

In der Folge schrieben Tübinger Professoren an vorderster Front dabei mit, die Rassepolitik des Dritten Reiches wissenschaftlich zu legitimieren. Der Rassebiologe Hans Fleischhacker habilitierte sich beispielsweise mit einer Arbeit über die Fingerabdrücke von Juden, die er im Ghetto Litzmannstadt - so bezeichneten die Nazis das polnische Lodz - genommen hatte. Andere Studienobjekte wählte er im Konzentrationslager Auschwitz aus - für eine geplante Skelettsammlung von Juden.



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