Unis und Prüflinge auf Kuschelkurs Wertlose Traumnoten

In vielen Studienfächern schließen fast alle Examenskandidaten mit Bestnoten ab. Kein Grund zur Freude, denn die Konjunktur der Traumnoten ist inzwischen auch den Personalchefs aufgefallen. Jetzt prangert eine neue Studie erstmals Kuschel-Unis an.

Die Frau hatte wirklich Pech mit Professoren. Als einzige unter 3092 erfolgreichen Absolventen im Fach Psychologie bekam die Studentin im vergangenen Jahr nur die Note "ausreichend".

Ein in der Tat herausragendes Ergebnis, denn über 95 Prozent der Diplomanden in Psychologie bestanden mit "gut", "sehr gut" oder gar mit Auszeichnung. Allein mehr als die Hälfte der Prüflinge schaffte eine Eins. Auch in anderen Fächern sieht es entsprechend gut aus für Abgänger: Bei Biologen, Physikern und Mathematikern, Literaturwissenschaftlern, Philosophen oder Historikern betrug der Anteil der Absolventen mit Topnoten ebenfalls rund 95 Prozent; die Durchschnittsnoten in diesen Fächern liegen zwischen 1,3 und 1,6.

Alles Kuschelnoten, von konfliktscheuen Dozenten verschenkt? Oder rechtmäßig errungene Erfolge im Uni-Dschungel gestählter Einzelkämpfer? Klar ist: Wenn es nach den Zensuren geht, sind Höchstleistungen an deutschen Hochschulen kein Sonderfall, sondern Normalität. Aus der Masse der Einser und Zweier stechen die Ausreißer nach unten hervor: Gerade 3,5 Prozent aller im Jahr 2001 bestandenen Hochschulexamen wurden mit der eben noch genügenden Note 4 bewertet, aber ein Viertel mit der Spitzenzensur 1 oder sogar mit Auszeichnung. "Ausreichend" wird für Prüfer wie Prüflinge langsam zum Fremdwort.

Die Benotung als zentrales Steuerungsinstrument des Bildungssystems sei "durch Inflationierung in die Krise getrieben", rügt denn auch Dietrich Schwanitz, inzwischen ausgeschiedener Anglistikprofessor und leidenschaftlicher Kritiker seiner Ex-Kollegen: "Es funktioniert aber nur, wenn gute Noten knapp sind: Wenige kriegen sie, aber alle strengen sich an." Doch das gesunde Mittelmaß ist, statistisch gesehen, in vielen Fächern fast schon verschwunden. Nur in wenigen Studiengängen, vor allem in Jura (Durchschnittsnote 3,3), in den Wirtschaftswissenschaften (2,4) oder im Fach Maschinenbau herrschen strengere Urteile vor.

Eine Debatte über die anhaltende Konjunktur der Kuschelnoten will nun der Wissenschaftsrat anstoßen. Ende Dezember legt er einen Bericht zur Notengebung an deutschen Hochschulen vor. In "bestimmten Studiengängen" werde "das Notenspektrum unvollkommen ausgeschöpft", heißt es in einer ersten "Analyse zu Prüfungsnoten an Hochschulen" für den Bericht, der noch in Arbeit ist.

"Von Zahlen fühlt sich niemand angesprochen"

Erstmals will der Wissenschaftsrat vor allem die Benotungspraxis der einzelnen Hochschulen durchleuchten - bisher weisen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes die Notenverteilung nur nach Fächern aus. "Von zusammengefassten Zahlen fühlt sich niemand angesprochen", sagt Friedrich Tegelbekkers, beim Wissenschaftsrat zuständig für den Bericht. "Nur wenn Sie Namen nennen, werden die Ergebnisse zur Kenntnis genommen."

Unis mit überdurchschnittlich guten Noten werden dann ein Problem haben. "Wenn es stark abweichende Bewertungsmuster gibt, ist das ein aufklärungsbedürftiges Phänomen", so Tegelbekkers. "Kuschelnoten-Fakultäten, sofern es welche geben sollte, werden erklären müssen, warum ihr Produkt so preiswert ist."

Wie brisant die Analyse des Wissenschaftsrats sein könnte, zeigen entsprechende Zahlen aus Bayern, für das ein solcher Uni-Vergleich bereits vorliegt. Die bislang unveröffentlichten Daten des Bayerischen Landesamtes für Statistik belegen zum Teil eklatante Bewertungsunterschiede selbst innerhalb eines Bundeslandes.

In Würzburg etwa erhielten im Jahr 2001 über die Hälfte der erfolgreichen Prüflinge in Germanistik ihren Abschluss mit Auszeichnung oder einem "sehr gut" - an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität dagegen wurden beide Noten im gleichen Fach nicht ein einziges Mal vergeben. Dafür verteilten die Münchner Profs ein paar Mal das seltene "ausreichend", was wiederum in Würzburg nicht vorkam.

Inflation der Spitzennoten auch in den USA

Bei den Diplompädagogen bestand in Augsburg über ein Drittel der Prüflinge mit einer Eins. Doch im 130 Kilometer entfernten Regensburg wurde nicht ein einziger Einser verteilt, dafür bekamen siebenmal so viele Kandidaten wie in Augsburg lediglich eine Drei.

Bei der Frage nach Abhilfe bringt der sonst übliche Blick in Richtung USA nichts - amerikanische Unis klagen seit Jahren ebenfalls über eine Inflation der Spitzennoten. In Harvard legen mittlerweile fast die Hälfte der Abgänger ihr Examen mit der Bestnote "A" ab, in Princeton beträgt der Anteil der Topzensuren inzwischen gar über vier Fünftel.

Die in den USA diskutierten Erklärungsmuster lassen sich auch nicht ohne weiteres auf deutsche Hochschulen übertragen: Dass die überdurchschnittliche Häufung von Bestnoten Folge einer strengen Vorauswahl und optimalen Förderung sei, etwa. Oder dass die Studis für ihre hohen Studiengebühren einfach Anspruch auf gute Abschlüsse hätten.

Für Deutschland erklärt vielleicht eher die Arbeitslosenstatistik manche gute Zensur. Kaum ein Professor will sich nachsagen lassen, seine Schützlinge sehenden Auges in die Erwerbslosigkeit geschickt zu haben - die geschönte Note, auch ein Ablassbrief für das soziale Gewissen auf Lebenszeit beamteter Hochschullehrer.

"Wir sind doch nicht auf dem Mond"

Es gebe bei der Benotung "Dinge, die nicht ausgesprochen werden, die aber zweifellos eine Rolle spielen", konzediert der Erlanger Geschichtsprofessor Gregor Schöllgen, 50. Die Universitäten könnten die äußeren Umstände, etwa den Arbeitsmarkt, nicht einfach ignorieren: "Wir sind doch nicht auf dem Mond."

Schöllgen sieht das nicht als bequemen Weg des geringsten Widerstandes, sondern als eine absolute Notwendigkeit angesichts eines fundamentalen Wandels: "Die Notengebung orientierte sich früher vor allem an der akademischen Laufbahn. Die Kriterien waren folglich vornehmlich wissenschaftsinterne, nicht praktische. Wir bilden heute aber kaum mehr für die Uni aus." Folglich müssten Hochschullehrer die Maßstäbe der Welt "draußen" bei der Benotung berücksichtigen und nicht nur die eigenen.

Klar ist aber: Ein "gut" mag noch so gut gemeint sein - wenn alle es kriegen, verliert es seinen Sinn. Auch strenge Professoren können kaum anders, als ihren Schützlingen ein "upgrading" zu gewähren, weil die Personalchefs bei jedem Bewerber schon einen Sozialzuschlag für die Zensuren einkalkulieren.

Eine Folge: Absolventen mit ehrlicher Benotung werden doppelt bestraft. "Ein Einser ist heute kein Hingucker mehr", konstatiert Klaus Peter Nebel vom Nivea-Produzenten Beiersdorf AG, der jedes Jahr rund 40 Hochschulabsolventen einstellt. Zwar liege die Bedeutung von Noten für die Bewerberauswahl mittlerweile "unter 50 Prozent", andere Faktoren wären weitaus wichtiger. Eine Vier allerdings ist für Nebel schon wieder "grenzwertig".

So ist das Fazit einigermaßen deprimierend: Gute Noten nützen nicht mehr, schlechte schaden immer noch.

HANS MICHAEL KLOTH

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