Universität Bielefeld Missbrauchsgerüchte verunsichern Studenten

Eine Bielefelder Doktorandin beschuldigt ihren Professor, sie vergewaltigt zu haben. Klar ist bislang nur: Die beiden hatten eine intime Beziehung. Juristisch ist der Vorwurf noch nicht geklärt, doch im April kehrt der suspendierte Professor an die Uni zurück. Studenten rufen zum Boykott auf.

Flyer: Unbekannte fordern, den Professor zu boykottieren (geschwärzt von SPIEGEL ONLINE)

Flyer: Unbekannte fordern, den Professor zu boykottieren (geschwärzt von SPIEGEL ONLINE)

Von Britta Mersch


An der Uni Bielefeld kursieren zurzeit Flugblätter, darauf: das Bild eines Professors. Es trägt die Überschrift "Studenten/innen informieren. Bestrafter Professor kommt zurück an die Uni". Der Name des Professors wird genannt, seine Fakultät, seine Raumnummer. Die Studenten rufen zum Boykott seiner Veranstaltungen auf. Denn: Nach einer Suspendierung soll der Professor ab April wieder an der Universität forschen und lehren.

Es geht um den Vorwurf sexueller Gewalt, der bislang aber von keinem Gericht bestätigt wurde. Und an der Uni kursieren viele Gerüchte über ein Fehlverhalten des Professors. Beweisen lassen sie sich nicht.

Die Doktorandin, die die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen den Professor erhebt, begann im Jahr 2006 ihre Promotion an der Universität Bielefeld. Mit ihrem Doktorvater versteht sie sich zunächst gut. Offenbar auch besser, als es zwischen Doktorvater und Doktorandin üblich ist. Sie tauschen private E-Mails und SMS aus. Ihr Anwalt Torsten Giesecke spricht von einer Beziehung, die "relativ intim" gewesen sei. Für die Doktorandin habe es aber eine Grenze gegeben. Die habe der Professor überschritten.

Anfang 2008 soll es zu sexuellen Übergriffen durch den Doktorvater gekommen sein, auch zu einer Vergewaltigung. "Die Übergriffe haben über einen langen Zeitraum stattgefunden", sagt Anwalt Giesecke.

Johann Wegener, Anwalt des Professors, stellt die Situation anders dar. Gegenüber SPIEGEL ONLINE spricht er von einer "erotischen Beziehung", auf die sich die Doktorandin freiwillig eingelassen habe. Es gehe um eine "Eifersuchtsgeschichte". Die Doktorandin habe nicht verkraftet, dass sein Mandant sie zurückgewiesen habe.

Im April 2009 wendet sich die Doktorandin an das Rektorat der Universität. Sie erhebt den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs. Die Universität leitet ein Disziplinarverfahren ein, entzieht dem Professor die Betreuung der Doktorandin. Der beschuldigte Professor wird angehört, Mitarbeiter werden befragt.

Der Fall beschäftigte schon mehrere Gerichte

Der Professor wehrt sich und erstattet Anzeige wegen Verleumdung. Die Doktorandin stellt daraufhin Strafanzeige wegen Vergewaltigung und sexueller Übergriffe. Die Universität übergibt den Fall an die Staatsanwaltschaft. Im Juli 2009 wird der Professor suspendiert.

Zur einer Anklage kommt es nicht. Im Oktober 2009 stellt die Staatsanwaltschaft Bielefeld das Verfahren aus Mangel an Beweisen ein. Die Doktorandin legt daraufhin Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft Hamm ein. Ohne Erfolg. Sie geht den nächsten Schritt, ein Klageerzwingungsverfahren beim Oberlandesgericht Hamm, das die Entscheidung der Staatsanwaltschaft überprüfen soll. Das Gericht will mittels Gutachten die Glaubwürdigkeit der Doktorandin überprüfen. Es sollte eigentlich im Dezember fertig sein, liegt allerdings noch nicht vor.

Die Universität Bielefeld erhebt derweil eine Disziplinarklage gegen den Professor beim Verwaltungsgericht in Münster. Im November 2010 verhängt das Gericht gegen den Professor eine Geldbuße von 6000 Euro, sexuelle Gewalt erwähnt das Gericht in seinem Urteil nicht. Wörtlich heißt es: "Durch das Eingehen einer Beziehung mit Frau S. über einen Zeitraum von nahezu zwei Jahren, obwohl diese ihm dienstlich untergeordnet und er zudem ihr Doktorvater war, hat er gegen seine innerdienstlichen Pflichten verstoßen und ist nicht dem Vertrauen gerecht geworden, die sein Beruf erfordert." Von gegenseitiger menschlicher Zuneigung ist die Rede, sexuelle Belästigungen seien nicht erkennbar.

Zwei Instanzen können den Vorwurf der Vergewaltigung also nicht bestätigen, zu einer Anklage ist es bislang nicht gekommen. Im November 2010 widerruft die Universität Bielefeld deshalb auch die Suspendierung: "Nach der aktuellen rechtlichen Beurteilung durch Staatsanwaltschaft und Disziplinarkammer ist der Professor in der Frage des sexuellen Missbrauchs unschuldig", teilt die Universität SPIEGEL ONLINE in einer schriftlichen Stellungnahme mit.

Gleichzeitig legt sie Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichtes ein. Sie erklärt dies mit "formalen Gründen", um nach dem Ausgang des Klageerzwingungsverfahren gegebenenfalls weitere Handlungsmöglichkeiten zu haben.

Studenten und Beobachter mischen sich ein

Doch die Situation beruhigt sich nicht. Eine Studentin, die namentlich nicht genannt werden möchte, meldet sich bei SPIEGEL ONLINE und erhebt schwere Vorwürfe gegen den Professor. Dieser "vernasche" nach und nach Studentinnen und missbrauche immer wieder seine Machtposition. Außerdem bevorzuge er bestimmte Studentinnen, die dann auch bessere Noten bekämen. Das Problem der anonymen Vorwürfe: Die Studentin ist selbst nicht betroffen, kann ihre Aussagen nicht beweisen und will keine Betroffenen namentlich nennen.

Von ähnlichen Vorwürfen berichtet auch Barbara Degen, pensionierte Rechtsanwältin für Arbeitsrecht und sexualisierte Gewalt. Während einer Gastprofessur an der Universität Bielefeld im laufenden Wintersemester habe sie eine Veranstaltung über sexuelle Gewalt in der Rechtsgeschichte gehalten. Einige Studentinnen seien daraufhin zu ihr gekommen, hätten über diverse Vorfälle berichtet, die den Professor betreffen sollen. Details nennt sie nicht, doch sie glaubt den Studentinnen. "Die mir anvertrauten Vorfälle ziehen sich über viele Jahre. Man steht fassungslos davor", sagt Degen.

Problematisch ist, dass offenbar gezielt Falschinformationen in Umlauf gebracht werden. Auf dem Flyer, den Studenten an der Universität verteilen, ist von einem "Disziplinarverfahren wegen Machtmissbrauchs, sexueller Verhältnisse mit Abhängigen und Bedrohung von Mitarbeitern" die Rede. Nach Auskunft des Münsteraner Verwaltungsgerichts ging es in dem Verfahren aber allein um die Beziehung zu der Doktorandin. Der anonyme Flyer nennt außerdem eine "frühere Abmahnung von der Uni wegen sexistischer Verhaltensweisen"- was die Uni wiederum bestreitet.

Handelt es sich also um eine Kampagne? Um Rufmord? Oder ist es der verzweifelte Versuch, einen für Studentinnen gefährlichen Professor vom Campus zu vertreiben?

In ihrer Stellungnahme äußert sich die Universitätsleitung vorsichtig: "Die Universität hat den Eindruck, dass es Personen gibt, die nicht bereit sind, die von den einschlägigen Instanzen getroffenen Bewertungen zu akzeptieren und deswegen über Flugblätter, Internetseiten und sonstige Aktionen versuchen, ein anderes Bild vom Sachverhalt und von der Person zu zeichnen." So sei eine Situation entstanden, die speziell bei Studentinnen Ängste auslösen könne.

Die Uni sanktioniert den Prof - aber sagt nicht wie

Die Studentin, die sich bei SPIEGEL ONLINE gemeldet hat, erhebt noch einen weiteren Vorwurf. Dieses Mal gegenüber der Universität. Die versuche, "das Ganze unter den Teppich zu kehren". In einer Mail, die in Kopie vorliegt und die von der Hochschulleitung stammen soll, werden Mitarbeiter darauf hingeweisen, dass sie zur "Verschwiegenheit verpflichtet" seien. Und weiter: "Die streng vertrauliche Behandlung der Angelegenheit ist zur Vermeidung weiterer Störungen des Betriebsablaufes von besonderer Bedeutung." Zuwiderhandlungen würden "unverzüglich dienstrechtlich" geahndet.

Die Universität bestätigt in ihrer Stellungnahme, dass "Personen, die aufgrund ihrer Funktionen mit diesem Fall betreut sind oder waren, schriftlich auf Vertraulichkeit hingewiesen" wurden. Es gehe darum, die Situation zu beruhigen. Der Vorwurf der Vertuschung wird auch dadurch entkräftet, dass die Universität eine Disziplinarklage gegen den Professor betrieben hat und das Verfahren weiter offen hält.

Zu einem Interview mit SPIEGEL ONLINE, in dem er Stellung zu den Vorwürfen nehmen könnte, ist der beschuldigte Professor nicht bereit, teilte sein Anwalt mit.

Es ist ein komplizierter Fall, der viele Fragen aufwirft: Wie eng darf die Beziehung zwischen einem Professor und seinen Mitarbeitern sein? Was passiert, wenn sich Doktorandin und Professor offenbar näher kommen, als sie sollten? Wenn der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Raum steht - er aber juristisch nicht bewiesen werden kann?

Im April wird der umstrittene Professor zurück an die Uni Bielefeld kommen und wieder Lehrveranstaltungen halten. Die von der Disziplinarkammer festgestellte Verquickung von privaten und dienstlichen Interessen habe die Universität zum Anlass genommen, dem Professor Vorgaben zu machen, wie diese zu verhindern seien. Welche das sind, dazu möchte sich die Universität nicht äußern. In der schriftlichen Stellungnahme heißt es dazu: "Die Universität Bielefeld muss und wird aus rechtlichen Gründen diese Vorgaben vertraulich behandeln."



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