Streit über Neuregelung Erfurter Studenten stimmen gegen Präsenzpflicht

Die Präsenzpflicht ist an deutschen Hochschulen stark umstritten - vor allem in Erfurt. Nachdem sie hier zunächst abgeschafft wurde, haben Studenten jetzt darüber abgestimmt, ob es sie nicht doch wieder geben soll.

Studenten gehen durch den Eingang der Universität Erfurt
DPA

Studenten gehen durch den Eingang der Universität Erfurt


Einige Unis in Deutschland haben sie, andere nicht: die Präsenzpflicht. Dabei wird die Anwesenheit von Studenten in Lehrveranstaltungen strikt kontrolliert, meist mit Listen. So will man verhindern, dass Studenten unentschuldigt fehlen und Dozenten vor halbleeren Seminarräumen unterrichten. Ist das eine unnötige Gängelung? Oder geht es nicht ohne Zwang? In Erfurt wird darüber gerade heftig gestritten.

Mehr als 70 Prozent der Studenten sprachen sich bei einer Abstimmung am Dienstagabend dagegen aus, die Anwesenheitspflicht an ihrer Universität zumindest teilweise wieder einzuführen. Gut ein Fünftel der 5700 Studenten hatten sich an der Befragung beteiligt, die der Studierendenrat organisiert und mit Sprüchen wie "Lehre dem Seminar. Leere den Listen" seit Wochen befeuert hatte.

Die Präsenzpflicht ist an deutschen Hochschulen unterschiedlich geregelt. Einige Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben sie größtenteils abgeschafft. Andere wie Baden-Württemberg und Berlin überlassen es den Hochschulen, ob sie die Anwesenheit kontrollieren.

Für die Abstimmung in Erfurt gibt es einen aktuellen Anlass: An diesem Mittwoch will der Senat der Universität Erfurt den Angaben zufolge über eine Neuregelung der Präsenzpflicht entscheiden - und möglicherweise eine alte Regel zumindest teilweise wieder einführen. Die Studenten wollten dazu vorab ein Votum abgeben.

"Eingriff in Studier- und Lernfreiheit"

Bis zum Frühjahr 2015 hatte es in Erfurt eine "teilweise sehr rigide gehandhabte Praxis der Anwesenheitskontrollen" von Studenten gegeben,wie der Präsident der Uni vor zwei Jahren erläuterte. Davon waren auch Zulassungen zu Prüfungen betroffen. Dann aber war die Präsenzpflicht auf Druck des Thüringer Wissenschaftsministeriums abgeschafft worden: Sie greife in die "landeshochschulrechtlich garantierte Studier- und Lernfreiheit" ein, hieß es in einem Brief des Ministeriums.

Fast zwei Jahre lang lief der Erfurter Unibetrieb deshalb offiziell ohne Anwesenheitspflicht. Einige Dozenten hätten danach gar keine Veränderung festgestellt, heißt es von der Pressestelle der Universität. Andere dagegen beklagten, dass sich die Leistungen der Studenten verschlechtert hätten, weil viele nicht mehr regelmäßig in den Lehrveranstaltungen aufgetaucht seien.

"Wir haben ein sehr heterogenes Bild", meinte die Pressesprecherin. Es habe außerdem eine verbindliche Regel gefehlt, in welchen Lehrveranstaltungen eine Anwesenheit nötig sei, um Lernziele zu erreichen - und in welchen nicht. Der Ausschuss für Studienangelegenheiten erarbeitete vor einigen Wochen deshalb einen Kompromiss, der nun dem Senat vorliegt. Demnach soll es zwar keine generelle Anwesenheitspflicht aber folgenden neuen Passus in der Prüfungsordnung geben:

"Für Exkursionen, Sprachkurse, Praktika, künstlerischen Einzel- und Gruppenunterricht sowie praktische Übungen besteht Anwesenheitspflicht. Darüber hinaus kann ausnahmsweise eine verpflichtende Teilnahme geregelt werden, wenn das mit der Lehrveranstaltung verfolgte Lernziel nur durch die Teilnahme des Studierenden, und nicht auf andere Weise, erreicht werden kann."

Aus Sicht der Kritiker könnten sich damit "durch die Hintertür" doch wieder rigide Anwesenheitskontrollen durchsetzen. Studenten seien aber erwachsene Menschen, die am besten selbst entscheiden könnten, wie sie lernen, meinte die studentische Senatorin der Uni, Nadine Weber:"Auch hat sich in der Praxis gezeigt, dass Studierende freiwillig ihre Seminare und Vorlesungen besuchen - Sanktionen braucht es also nicht."

Das sehen allerdings nicht alle so. Auf der Facebook-Seite des Studierendenrates wird kontrovers diskutiert: Eine Nutzerin verweist auf den Fairness-Aspekt und den Ruf der Uni. Sie mahnt: Wenn nicht sicher sei, ob einige Studenten nur zum eigenen Referat zum Seminar gingen, ansonsten aber nicht, litten am Ende alle Erfurter Absolventen darunter, "insbesondere eben die, die am meisten Zeit investiert haben".

fok



insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mertrager 01.02.2017
1. Unnötig
Bei uns an der TH Darmstadt gab es das damals nicht. Und es wurde auch nicht gebraucht. Denn gerade die Eigenverantwortung soll doch gelernt werden. Ich muss den Stoff doch zur Prüfung können. Und wenn ich fehle, warum auch immer, dann muss ich das irgendwie nachholen. - Was sollen mir da Anwesentheitskontrollen bringen ?
vox veritas 01.02.2017
2. Fernstudium?
Die Studenten werden mit Steuergeldern weitestgehend unterstützt, damit sie studieren dürfen, sie wollen studieren (haben die selbst so ausgesucht) und dieses Studium wahrscheinlich auch erfolgreich abschließen, damit sie später einen gut bezahlten Job haben. So weit, so gut. Aber sie wollen bei Vorlesungen nicht anwesend sein? Hallo? Alles noch in Ordnung?
dachauerthomas 01.02.2017
3. Nannystaat?
Wer zu seinem Abschluss kommen will, wird die dazu notwendigen Veranstaltungen besuchen. Gute vorlesungen immer. doch es gibt und gab schon immer Veranstaltungen, die durch das Lesen von (ein paar Kapiteln aus) Lehrbüchern schneller und besser gelernt werden können. außerdem gibt es Testate und Scheine, die gemacht werden müssen. Anwesenheitspflicht ist eine Gängelung und Machtdemonstration.
gbpa005 01.02.2017
4.
Zitat von MertragerBei uns an der TH Darmstadt gab es das damals nicht. Und es wurde auch nicht gebraucht. Denn gerade die Eigenverantwortung soll doch gelernt werden. Ich muss den Stoff doch zur Prüfung können. Und wenn ich fehle, warum auch immer, dann muss ich das irgendwie nachholen. - Was sollen mir da Anwesentheitskontrollen bringen ?
So etwas lässt sich nicht unabhängig vom Studienfach und Lehrformat bestimmen. Es gibt Formen wie Übungen im naturwissenschaftlichen Bereich, wo es jedem selbst überlassen ist. In anderen Bereich, wie z. B. den Sprachen oder Fächern, wo in Seminaren diskutiert wird, bricht dagegen die Lehre zusammen, wenn eine Mindestzahl unterschritten wird. In Vorlesungen ist es wiederum völlig egal, weil dort i.d.R. nicht auf Interaktion gesetzt wird.
vox veritas 01.02.2017
5.
Zitat von MertragerBei uns an der TH Darmstadt gab es das damals nicht. Und es wurde auch nicht gebraucht. Denn gerade die Eigenverantwortung soll doch gelernt werden. Ich muss den Stoff doch zur Prüfung können. Und wenn ich fehle, warum auch immer, dann muss ich das irgendwie nachholen. - Was sollen mir da Anwesentheitskontrollen bringen ?
Aber wenn Studenten fehlen und den Stoff nicht mitbekommen, besteht die nicht geringe Wahrscheinlichkeit, daß sie das Studium abbrechen. Die Zahlen der Abbrecher belegen das ja irgendwie auch (auch wenn das nicht der einzige Grund sein dürfte). Das bedeutet in Folge aber auch verschwendete Ressourcen und belegte Studienplätze, die evtl. von anderen Studienbewerbern hätten genutzt werden können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.