Streit über Neuregelung Erfurter Studenten stimmen gegen Präsenzpflicht

Die Präsenzpflicht ist an deutschen Hochschulen stark umstritten - vor allem in Erfurt. Nachdem sie hier zunächst abgeschafft wurde, haben Studenten jetzt darüber abgestimmt, ob es sie nicht doch wieder geben soll.
Studenten gehen durch den Eingang der Universität Erfurt

Studenten gehen durch den Eingang der Universität Erfurt

Foto: Martin Schutt/ picture alliance / dpa

Einige Unis in Deutschland haben sie, andere nicht: die Präsenzpflicht. Dabei wird die Anwesenheit von Studenten in Lehrveranstaltungen strikt kontrolliert, meist mit Listen. So will man verhindern, dass Studenten unentschuldigt fehlen und Dozenten vor halbleeren Seminarräumen unterrichten. Ist das eine unnötige Gängelung? Oder geht es nicht ohne Zwang? In Erfurt wird darüber gerade heftig gestritten.

Mehr als 70 Prozent der Studenten sprachen sich bei einer Abstimmung am Dienstagabend dagegen aus, die Anwesenheitspflicht an ihrer Universität zumindest teilweise wieder einzuführen. Gut ein Fünftel der 5700 Studenten hatten sich an der Befragung beteiligt, die der Studierendenrat organisiert und mit Sprüchen wie "Lehre dem Seminar. Leere den Listen" seit Wochen befeuert hatte.

Die Präsenzpflicht ist an deutschen Hochschulen unterschiedlich geregelt. Einige Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben sie größtenteils abgeschafft. Andere wie Baden-Württemberg und Berlin überlassen es den Hochschulen, ob sie die Anwesenheit kontrollieren.

Für die Abstimmung in Erfurt gibt es einen aktuellen Anlass: An diesem Mittwoch will der Senat der Universität Erfurt den Angaben zufolge über eine Neuregelung der Präsenzpflicht entscheiden - und möglicherweise eine alte Regel zumindest teilweise wieder einführen. Die Studenten wollten dazu vorab ein Votum abgeben.

"Eingriff in Studier- und Lernfreiheit"

Bis zum Frühjahr 2015 hatte es in Erfurt eine "teilweise sehr rigide gehandhabte Praxis der Anwesenheitskontrollen" von Studenten gegeben,wie der Präsident der Uni vor zwei Jahren erläuterte.  Davon waren auch Zulassungen zu Prüfungen betroffen. Dann aber war die Präsenzpflicht auf Druck des Thüringer Wissenschaftsministeriums abgeschafft worden: Sie greife in die "landeshochschulrechtlich garantierte Studier- und Lernfreiheit" ein, hieß es in einem Brief des Ministeriums. 

Fast zwei Jahre lang lief der Erfurter Unibetrieb deshalb offiziell ohne Anwesenheitspflicht. Einige Dozenten hätten danach gar keine Veränderung festgestellt, heißt es von der Pressestelle der Universität. Andere dagegen beklagten, dass sich die Leistungen der Studenten verschlechtert hätten, weil viele nicht mehr regelmäßig in den Lehrveranstaltungen aufgetaucht seien.

"Wir haben ein sehr heterogenes Bild", meinte die Pressesprecherin. Es habe außerdem eine verbindliche Regel gefehlt, in welchen Lehrveranstaltungen eine Anwesenheit nötig sei, um Lernziele zu erreichen - und in welchen nicht. Der Ausschuss für Studienangelegenheiten erarbeitete vor einigen Wochen deshalb einen Kompromiss, der nun dem Senat vorliegt. Demnach soll es zwar keine generelle Anwesenheitspflicht aber folgenden neuen Passus in der Prüfungsordnung geben:

"Für Exkursionen, Sprachkurse, Praktika, künstlerischen Einzel- und Gruppenunterricht sowie praktische Übungen besteht Anwesenheitspflicht. Darüber hinaus kann ausnahmsweise eine verpflichtende Teilnahme geregelt werden, wenn das mit der Lehrveranstaltung verfolgte Lernziel nur durch die Teilnahme des Studierenden, und nicht auf andere Weise, erreicht werden kann."

Aus Sicht der Kritiker könnten sich damit "durch die Hintertür" doch wieder rigide Anwesenheitskontrollen durchsetzen. Studenten seien aber erwachsene Menschen, die am besten selbst entscheiden könnten, wie sie lernen, meinte die studentische Senatorin der Uni, Nadine Weber:"Auch hat sich in der Praxis gezeigt, dass Studierende freiwillig ihre Seminare und Vorlesungen besuchen - Sanktionen braucht es also nicht."

Das sehen allerdings nicht alle so. Auf der Facebook-Seite des Studierendenrates  wird kontrovers diskutiert: Eine Nutzerin verweist auf den Fairness-Aspekt und den Ruf der Uni. Sie mahnt: Wenn nicht sicher sei, ob einige Studenten nur zum eigenen Referat zum Seminar gingen, ansonsten aber nicht, litten am Ende alle Erfurter Absolventen darunter, "insbesondere eben die, die am meisten Zeit investiert haben".

fok
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