Studenten ohne Eltern Stell dir vor, es ist Uni, und du bist ganz allein

Von Hannah König

2. Teil: Janine, 21 - "Der Umzug war der absolute Horror"


Als Janine acht Jahre alt war, heiratete ihre Mutter einen Alkoholiker. Vier Jahre lebte sie mit Armut und Gewalt, landete sogar im Krankenhaus. Mit 14 kam sie zu einer Pflegefamilie, kurze Zeit später wechselte sie zu einer zweiten. Doch auch dort fühlte sie sich alleingelassen. Trotzdem hat sich Janine durchgekämpft. Heute studiert sie Pädagogik der Kindheit in Bielefeld.

"Eine Pflegefamilie ist in den meisten Fällen etwas ganz anderes als eine richtige Familie. Ich bin nicht in eine Wohngruppe gezogen, weil ich mir mehr Unterstützung gewünscht habe, vor allem auf emotionaler Ebene. Aber auch in der Pflegefamilie kümmert sich nicht wirklich jemand um einen. Man ist oft auf sich gestellt.

Sobald ich mit der Schule fertig war, hörte die Betreuung über das Jugendamt auf, auch die finanzielle Unterstützung war weg. Ich musste alles selbst regeln. Schüler-Bafög bekam ich ab August nicht mehr, das Bafög fürs Studium erst ab Oktober.

Deshalb musste ich für zwei Monate Arbeitslosengeld II beantragen. Man füllt einen Riesenpacken Papier aus, wird schlecht behandelt und kriegt das Geld am Ende doch zu spät. Und dann verlangte das Amt auch noch, dass ich für 1,20 Euro die Stunde putzen gehe - dabei wollte ich doch nur studieren.

Die Beamten versetzen sich überhaupt nicht in unsere Lage. Man verlässt mit 18 die Pflegefamilie, ohne Erspartes, muss aber Miete und Essen bezahlen. Wenn dann das Geld nicht gleich da ist, bekommt man sofort Panik.

Vor allem der Umzug war für mich der absolute Horror. Ich wusste nicht, wie ich das bezahlen oder wie ich überhaupt nach Bielefeld kommen soll. Als ich endlich alles organisiert hatte, wurde mein Einzugstermin um zwei Wochen nach hinten verschoben - und ich war plötzlich obdachlos. Ich konnte dann bei einer Freundin in der Garage unterkommen. Aber in solchen Momenten verzweifelt man schon.

Komisch ist es auch in den Semesterferien. Eigentlich leben mehr als 1000 Studenten in meinem Wohnheim. Aber wenn die Uni vorbei ist, fahren sie alle nach Hause, und ich bin plötzlich ganz allein."



insgesamt 109 Beiträge
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tailspin 08.05.2013
1. Haertere Auslese
Das glaube ich unbesehen, dass es schwieriger ist, ohne elterlichen Rueckhalt zu studieren. Diejenigen, die es dennoch schaffen, duerften allerdings einen Startvorteil im Beruf haben. 1.) Weil sie bereits nachgewiesen haben, dass sie haertere Zeitgenossen sind. 2.) Weil sie zwangslaufig fruehzeitig gelernt haben, sich ein soziales Netz aufzubauen. Beides hilft im spaeteren Leben.
Noctim 08.05.2013
2. LoL
Also ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
schnasel 08.05.2013
3. Grundvertrauen
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
Hier geht es aber in erster Linie darum, das die sog. "Care Leaver" nicht das Grundvertrauen besitzen, das Sie wahrscheinlich haben. Unter Grundvertrauen verstehe ich, das wenn was schief läuft, eine Anlaufstelle das ist (z. B. die Eltern). Auch wenn die meisten Studenten (um mal bei diesem Beispiel zu bleiben) das jetzt weit von sich weisen würden. Aber man gestaltet sein Leben nun mal anders, wenn man weiß, das es eine Art "Ausfallsicherung" gibt. Die dann zwar unter Umständen peinlich ist in Anspruch zu nehmen, aber sie ist halt da. Diese Sicherung fehlt den Care Leavern. Da ist nichts, was einen im Notfall wie auch immer auffängt.
Somethinglost 08.05.2013
4. Sie..
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
...haben immerhin Eltern. Egal ob diese Sie durchfüttern oder nicht. Aber niemanden als seine biologische Familie bezeichnen zu können ist da eine ganz andere Nummer. Das LOL können Sie also getrost steckenlassen. Und nein, eine Ausnahme sind Sie sicher nicht.
nordend-klaus 08.05.2013
5. Meine Güte
In welchen Zeiten leben wir? Wohlbehütet bis in welches Alter? Und was macht ein Arbeiterkind, dessen Vater selbst von der Akademischen Welt nichts versteht? Wollen wir alle Selbsthilfegruppen gründen, damit wir immer behütet sind?
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