Studenten ohne Eltern Stell dir vor, es ist Uni, und du bist ganz allein

Von Hannah König

4. Teil: Roxan, 20 - "Manche Leute sind sehr unsensibel"


Roxan war nur wenige Monate alt, als das Jugendamt sie wegen Misshandlung und Verwahrlosung aus ihrer Familie holte und bei Pflegeeltern unterbrachte. Heute studiert die 20-Jährige Lehramt für Sonderpädagogische Förderung in Dortmund. Die Wunden von damals sind verheilt - viele Probleme bleiben.

"Eigentlich bin ich kein klassischer Care Leaver, weil ich mit meinen Pflegeeltern so was wie eine richtige Familie habe. Wenn ich sie brauche, stehen sie mir immer mit Rat und Tat zur Seite.

Finanziell ist es aber trotzdem schwierig. Wenn man nicht adoptiert ist, müssen die Pflegeeltern keinen Unterhalt zahlen. Für den Bafög-Antrag brauche ich deshalb die finanzielle Auskunft meiner leiblichen Eltern. Zu denen habe ich aber seit meiner Kindheit keinen Kontakt mehr.

Man merkt ziemlich schnell, dass es in Deutschland nur wenig Verständnis oder überhaupt Bewusstsein für Menschen wie uns gibt. Bei der Beratungsstelle an der Uni kannten sie nicht mal das entsprechende Formblatt 8, das ich für den Bafög-Antrag gebraucht hätte.

Und eine Frau beim Studentenwerk meinte, ich soll doch einfach mal bei meinen leiblichen Eltern vorbeigehen und nachfragen. Das hat mich wirklich wütend gemacht. Wenn man mit Knochenbrüchen aus einer Familie genommen wurde, dackelt man danach nicht einfach dort vorbei und fragt nach Geld. Manche Leute sind sehr unsensibel und haben kein Gespür dafür, was es bedeutet, Care Leaver zu sein.

Im Moment versucht das Bafög-Amt Kontakt aufzunehmen. Der Antrag hängt in der Schwebe, weil mein leiblicher Vater irgendwo in Spanien und nicht zu erreichen ist. Bis zu meinem 21. Geburtstag bekomme ich noch Hilfe für Junge Erwachsene vom Jugendamt. Wenn der Antrag bis dahin nicht durch ist, habe ich ein Problem."



insgesamt 109 Beiträge
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tailspin 08.05.2013
1. Haertere Auslese
Das glaube ich unbesehen, dass es schwieriger ist, ohne elterlichen Rueckhalt zu studieren. Diejenigen, die es dennoch schaffen, duerften allerdings einen Startvorteil im Beruf haben. 1.) Weil sie bereits nachgewiesen haben, dass sie haertere Zeitgenossen sind. 2.) Weil sie zwangslaufig fruehzeitig gelernt haben, sich ein soziales Netz aufzubauen. Beides hilft im spaeteren Leben.
Noctim 08.05.2013
2. LoL
Also ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
schnasel 08.05.2013
3. Grundvertrauen
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
Hier geht es aber in erster Linie darum, das die sog. "Care Leaver" nicht das Grundvertrauen besitzen, das Sie wahrscheinlich haben. Unter Grundvertrauen verstehe ich, das wenn was schief läuft, eine Anlaufstelle das ist (z. B. die Eltern). Auch wenn die meisten Studenten (um mal bei diesem Beispiel zu bleiben) das jetzt weit von sich weisen würden. Aber man gestaltet sein Leben nun mal anders, wenn man weiß, das es eine Art "Ausfallsicherung" gibt. Die dann zwar unter Umständen peinlich ist in Anspruch zu nehmen, aber sie ist halt da. Diese Sicherung fehlt den Care Leavern. Da ist nichts, was einen im Notfall wie auch immer auffängt.
Somethinglost 08.05.2013
4. Sie..
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
...haben immerhin Eltern. Egal ob diese Sie durchfüttern oder nicht. Aber niemanden als seine biologische Familie bezeichnen zu können ist da eine ganz andere Nummer. Das LOL können Sie also getrost steckenlassen. Und nein, eine Ausnahme sind Sie sicher nicht.
nordend-klaus 08.05.2013
5. Meine Güte
In welchen Zeiten leben wir? Wohlbehütet bis in welches Alter? Und was macht ein Arbeiterkind, dessen Vater selbst von der Akademischen Welt nichts versteht? Wollen wir alle Selbsthilfegruppen gründen, damit wir immer behütet sind?
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