Studenten ohne Eltern Stell dir vor, es ist Uni, und du bist ganz allein

Von Hannah König

5. Teil: Christian, 26 - "In der Jugendhilfe wird nicht mehr gemacht als nötig"


Francisco Vogel
Als Christians Eltern sich scheiden ließen, verlor der damals Elfjährige sein Zuhause. In der Familie des Vaters war kein Platz mehr für ihn, seine Mutter war mit der Situation überfordert. Mit 13 kam Christian deshalb ins Heim. Dort fand er ein neues Zuhause. Doch auf seinem schulischen und beruflichen Weg musste er sich alles allein erkämpfen. Heute ist er Rettungssanitäter und wartet auf einen Studienplatz für Medizin.

"Für Medizin habe ich mich schon immer interessiert. Aber ein Studium hatte ich nie ins Auge gefasst, weil es einfach zu utopisch schien. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, das Gymnasium war wie eine andere Welt. Deshalb haben mich meine Eltern auf die Realschule geschickt. Im Heim waren alle anderen auf der Haupt- oder Sonderschule.

Obwohl ich die Schule in der 10. Klasse abgebrochen habe, habe ich danach eine Ausbildungsstelle als Kaufmann im Einzelhandel bekommen. Ein Jahr habe ich in dem Beruf gearbeitet, dann habe ich gemerkt, dass mir das nicht reicht. Mit Anfang 20 bin ich deshalb auf ein Gymnasium für Erwachsene und habe mein Abi nachgemacht.

Unterstützt hat mich dabei eigentlich niemand. Die Heimleitung meinte immer nur, ich solle doch eine Ausbildung machen. Wenn ich dort gesagt hätte, dass ich Abi machen will, hätten die mich wahrscheinlich ausgelacht.

Ich hatte immer das Gefühl, dass nicht mehr gemacht wird als nötig. Mit der Volljährigkeit hat die Jugendhilfe ihren Auftrag erledigt. Sie kümmern sich darum, dass man einigermaßen selbstständig den Alltag bewältigen kann, aber es wird nicht viel getan, um uns eine berufliche Zukunft zu bieten. Man muss eben alles allein machen.

Als Care Leaver hat man kein familiäres Nest, wo man sich in Ruhe orientieren kann. Man muss erst mal lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, und mit den alltäglichen Schwierigkeiten klarkommen. Bildung und Ausbildung stehen dann oft hintenan."



insgesamt 109 Beiträge
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tailspin 08.05.2013
1. Haertere Auslese
Das glaube ich unbesehen, dass es schwieriger ist, ohne elterlichen Rueckhalt zu studieren. Diejenigen, die es dennoch schaffen, duerften allerdings einen Startvorteil im Beruf haben. 1.) Weil sie bereits nachgewiesen haben, dass sie haertere Zeitgenossen sind. 2.) Weil sie zwangslaufig fruehzeitig gelernt haben, sich ein soziales Netz aufzubauen. Beides hilft im spaeteren Leben.
Noctim 08.05.2013
2. LoL
Also ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
schnasel 08.05.2013
3. Grundvertrauen
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
Hier geht es aber in erster Linie darum, das die sog. "Care Leaver" nicht das Grundvertrauen besitzen, das Sie wahrscheinlich haben. Unter Grundvertrauen verstehe ich, das wenn was schief läuft, eine Anlaufstelle das ist (z. B. die Eltern). Auch wenn die meisten Studenten (um mal bei diesem Beispiel zu bleiben) das jetzt weit von sich weisen würden. Aber man gestaltet sein Leben nun mal anders, wenn man weiß, das es eine Art "Ausfallsicherung" gibt. Die dann zwar unter Umständen peinlich ist in Anspruch zu nehmen, aber sie ist halt da. Diese Sicherung fehlt den Care Leavern. Da ist nichts, was einen im Notfall wie auch immer auffängt.
Somethinglost 08.05.2013
4. Sie..
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
...haben immerhin Eltern. Egal ob diese Sie durchfüttern oder nicht. Aber niemanden als seine biologische Familie bezeichnen zu können ist da eine ganz andere Nummer. Das LOL können Sie also getrost steckenlassen. Und nein, eine Ausnahme sind Sie sicher nicht.
nordend-klaus 08.05.2013
5. Meine Güte
In welchen Zeiten leben wir? Wohlbehütet bis in welches Alter? Und was macht ein Arbeiterkind, dessen Vater selbst von der Akademischen Welt nichts versteht? Wollen wir alle Selbsthilfegruppen gründen, damit wir immer behütet sind?
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