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08. Mai 2013, 12:38 Uhr

Studenten ohne Eltern

Stell dir vor, es ist Uni, und du bist ganz allein

Von Hannah König

Nie ein Rat von Papa, keine Hilfe von Mama: Waisen und Pflegekinder haben es im Studium schwer. Weil sich Janine, Roxan, Sascha und Christian an der Uni wie Sonderlinge vorkamen, haben sie ein Netzwerk gegründet. Einblicke in ein Leben ohne Sicherung.

Neue Stadt, neue Leute, neue Erfahrungen - der Übergang zwischen Schule und Studium ist für die meisten jungen Erwachsenen eine spannende Zeit. Für Janine war es dagegen "der absolute Horror". Weil ihr Einzugstermin spontan um zwei Wochen nach hinten verschoben wurde, war die 21-Jährige plötzlich obdachlos. Zurück ins Elternhaus? Für Janine unmöglich. Sie wuchs in einer Pflegefamilie auf.

150.000 junge Menschen leben deutschlandweit in Heimen, Wohngruppen, Pflegefamilien und anderen Erziehungseinrichtungen. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein: Manche Eltern sind mit ihren Kindern überfordert, andere haben Suchtprobleme oder sind gewalttätig. In den meisten Fällen endet die staatliche Fürsorge mit Vollendung des 18. Lebensjahres. Doch was passiert, wenn die Jugendlichen die stationäre Hilfe verlassen?

Für die Bundesrepublik gibt es bisher keine breit angelegte Studie, die sich mit dieser Frage befasst. So liegen auch keine Zahlen vor, wie viele ehemalige Heim- und Pflegekinder es nach ihrem Abschluss an eine Hochschule schaffen - und wie man sie dabei unterstützen kann. Das Problem beginnt schon beim Namen: Im internationalen Diskurs hat sich der Begriff Care Leaver eingebürgert. Die sperrige Übersetzung: Kinder und Jugendliche mit stationärer Jugendhilfeerfahrung. In Deutschland sind Care Leaver bislang kaum Thema.

Junge Erwachsene ohne Zuhause

An der Universität Hildesheim wurde deshalb das Forschungsprojekt "Higher Education without Familiy Support" ins Leben gerufen. Es untersucht den Übergang zwischen Schulzeit und Studium und soll Hindernisse identifizieren, die es an Hochschulen für Care Leaver gibt.

Im Moment gebe es kaum Hilfe für die jungen Erwachsenen, die nicht auf die Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen können, erklärt Sozialpädagogin Katharina Mangold. Auch werde der Zugang zu höheren Bildungswegen in der Regel nicht gefördert. Ziel des Projekts ist es deshalb, für das Thema zu sensibilisieren. Helfen würde schon, wenn Care Leaver zuerst einen Platz im Wohnheim bekommen, sagt Mangold. "Schließlich haben sie sonst kein Zuhause."

Mit über 40 jungen Erwachsenen haben die Forscher Interviews geführt, erste Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen. Doch schon jetzt können die Initiatoren einen Erfolg verzeichnen: Aus dem Projekt ist ein Netzwerk entstanden, in dem sich die Studenten untereinander austauschen können.

Sie alle haben ihre eigene Geschichte - aber sie haben auch viel gemeinsam. Hier erzählen vier Mitglieder des Netzwerks, was ihnen das Studium abverlangt, wer sie unterstützt hat und was sich verändern sollte. Klicken Sie auf die Überschriften, um zu den einzelnen Protokollen zu gelangen.

Janine, 21 - "Der Umzug war der absolute Horror"

Als Janine acht Jahre alt war, heiratete ihre Mutter einen Alkoholiker. Vier Jahre lebte sie mit Armut und Gewalt, landete sogar im Krankenhaus. Mit 14 kam sie zu einer Pflegefamilie, kurze Zeit später wechselte sie zu einer zweiten. Doch auch dort fühlte sie sich alleingelassen. Trotzdem hat sich Janine durchgekämpft. Heute studiert sie Pädagogik der Kindheit in Bielefeld.

"Eine Pflegefamilie ist in den meisten Fällen etwas ganz anderes als eine richtige Familie. Ich bin nicht in eine Wohngruppe gezogen, weil ich mir mehr Unterstützung gewünscht habe, vor allem auf emotionaler Ebene. Aber auch in der Pflegefamilie kümmert sich nicht wirklich jemand um einen. Man ist oft auf sich gestellt.

Sobald ich mit der Schule fertig war, hörte die Betreuung über das Jugendamt auf, auch die finanzielle Unterstützung war weg. Ich musste alles selbst regeln. Schüler-Bafög bekam ich ab August nicht mehr, das Bafög fürs Studium erst ab Oktober.

Deshalb musste ich für zwei Monate Arbeitslosengeld II beantragen. Man füllt einen Riesenpacken Papier aus, wird schlecht behandelt und kriegt das Geld am Ende doch zu spät. Und dann verlangte das Amt auch noch, dass ich für 1,20 Euro die Stunde putzen gehe - dabei wollte ich doch nur studieren.

Die Beamten versetzen sich überhaupt nicht in unsere Lage. Man verlässt mit 18 die Pflegefamilie, ohne Erspartes, muss aber Miete und Essen bezahlen. Wenn dann das Geld nicht gleich da ist, bekommt man sofort Panik.

Vor allem der Umzug war für mich der absolute Horror. Ich wusste nicht, wie ich das bezahlen oder wie ich überhaupt nach Bielefeld kommen soll. Als ich endlich alles organisiert hatte, wurde mein Einzugstermin um zwei Wochen nach hinten verschoben - und ich war plötzlich obdachlos. Ich konnte dann bei einer Freundin in der Garage unterkommen. Aber in solchen Momenten verzweifelt man schon.

Komisch ist es auch in den Semesterferien. Eigentlich leben mehr als 1000 Studenten in meinem Wohnheim. Aber wenn die Uni vorbei ist, fahren sie alle nach Hause, und ich bin plötzlich ganz allein."

Sascha, 28 - "Der elterliche Rückhalt fehlt"

Mit 14 Jahren hat Sascha es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Seine Mutter war bei seiner Geburt erst 19, danach bekam sie noch drei Kinder und war damit völlig überfordert. Sascha durfte deshalb in eine Wohngruppe ziehen. Dort und in der Schule bekam er die Unterstützung, die er brauchte. Dieses Jahr schließt der 28-Jährige in Tübingen sein Biologie- und Chemiestudium ab.

"Als Care Leaver zu studieren ist schwierig, weil einem der elterliche Rückhalt fehlt - finanziell aber auch emotional. Ich hatte Glück: Meine Erzieher und meine Grundschullehrerin haben sich sehr für mich eingesetzt. Deshalb war ich von Anfang an auf dem Gymnasium. Weil viele meiner Freunde studieren wollten, war für mich klar, dass ich das auch mache. Aber ich hatte immer Bammel, dass ich es nicht schaffen könnte.

Das größte Thema war die Finanzierung. Bafög hilft zwar sehr, aber das allein reicht nicht. Man merkt einfach ständig, dass man keine Rücklagen hat. Deshalb habe ich immer nebenher gearbeitet. Aber auch ganz banale Dinge können zum Problem werden. Beim Umzug aus meiner alten Wohnung in die Studienstadt wusste ich zum Beispiel nicht, wo ich meine Waschmaschine unterstellen soll.

Am Anfang habe ich mich gefühlt, als wäre ich kein vollwertiger Student. Ich war immer sehr gestresst und dachte 'Um Gottes Willen, ich überleb das erste Semester nicht'. Ich musste erst vier Jahre studieren, bevor ich richtig angekommen bin.

Ich glaube, uns fehlt einfach ein Gefühl der Grundsicherheit. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man nicht völlig allein dasteht, vor allem in Krisenzeiten. Ich hatte immer meine Ersatzfamilie, ein Netzwerk an Leuten, die mich unterstützt haben. Aber auch das Projekt in Hildesheim kann helfen. Es tut einfach gut, andere zu treffen, die in einer ähnlichen Situation sind."

Roxan, 20 - "Manche Leute sind sehr unsensibel"

Roxan war nur wenige Monate alt, als das Jugendamt sie wegen Misshandlung und Verwahrlosung aus ihrer Familie holte und bei Pflegeeltern unterbrachte. Heute studiert die 20-Jährige Lehramt für Sonderpädagogische Förderung in Dortmund. Die Wunden von damals sind verheilt - viele Probleme bleiben.

"Eigentlich bin ich kein klassischer Care Leaver, weil ich mit meinen Pflegeeltern so was wie eine richtige Familie habe. Wenn ich sie brauche, stehen sie mir immer mit Rat und Tat zur Seite.

Finanziell ist es aber trotzdem schwierig. Wenn man nicht adoptiert ist, müssen die Pflegeeltern keinen Unterhalt zahlen. Für den Bafög-Antrag brauche ich deshalb die finanzielle Auskunft meiner leiblichen Eltern. Zu denen habe ich aber seit meiner Kindheit keinen Kontakt mehr.

Man merkt ziemlich schnell, dass es in Deutschland nur wenig Verständnis oder überhaupt Bewusstsein für Menschen wie uns gibt. Bei der Beratungsstelle an der Uni kannten sie nicht mal das entsprechende Formblatt 8, das ich für den Bafög-Antrag gebraucht hätte.

Und eine Frau beim Studentenwerk meinte, ich soll doch einfach mal bei meinen leiblichen Eltern vorbeigehen und nachfragen. Das hat mich wirklich wütend gemacht. Wenn man mit Knochenbrüchen aus einer Familie genommen wurde, dackelt man danach nicht einfach dort vorbei und fragt nach Geld. Manche Leute sind sehr unsensibel und haben kein Gespür dafür, was es bedeutet, Care Leaver zu sein.

Im Moment versucht das Bafög-Amt Kontakt aufzunehmen. Der Antrag hängt in der Schwebe, weil mein leiblicher Vater irgendwo in Spanien und nicht zu erreichen ist. Bis zu meinem 21. Geburtstag bekomme ich noch Hilfe für Junge Erwachsene vom Jugendamt. Wenn der Antrag bis dahin nicht durch ist, habe ich ein Problem."

Christian, 26 - "In der Jugendhilfe wird nicht mehr gemacht als nötig"

Als Christians Eltern sich scheiden ließen, verlor der damals Elfjährige sein Zuhause. In der Familie des Vaters war kein Platz mehr für ihn, seine Mutter war mit der Situation überfordert. Mit 13 kam Christian deshalb ins Heim. Dort fand er ein neues Zuhause. Doch auf seinem schulischen und beruflichen Weg musste er sich alles allein erkämpfen. Heute ist er Rettungssanitäter und wartet auf einen Studienplatz für Medizin.

"Für Medizin habe ich mich schon immer interessiert. Aber ein Studium hatte ich nie ins Auge gefasst, weil es einfach zu utopisch schien. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, das Gymnasium war wie eine andere Welt. Deshalb haben mich meine Eltern auf die Realschule geschickt. Im Heim waren alle anderen auf der Haupt- oder Sonderschule.

Obwohl ich die Schule in der 10. Klasse abgebrochen habe, habe ich danach eine Ausbildungsstelle als Kaufmann im Einzelhandel bekommen. Ein Jahr habe ich in dem Beruf gearbeitet, dann habe ich gemerkt, dass mir das nicht reicht. Mit Anfang 20 bin ich deshalb auf ein Gymnasium für Erwachsene und habe mein Abi nachgemacht.

Unterstützt hat mich dabei eigentlich niemand. Die Heimleitung meinte immer nur, ich solle doch eine Ausbildung machen. Wenn ich dort gesagt hätte, dass ich Abi machen will, hätten die mich wahrscheinlich ausgelacht.

Ich hatte immer das Gefühl, dass nicht mehr gemacht wird als nötig. Mit der Volljährigkeit hat die Jugendhilfe ihren Auftrag erledigt. Sie kümmern sich darum, dass man einigermaßen selbstständig den Alltag bewältigen kann, aber es wird nicht viel getan, um uns eine berufliche Zukunft zu bieten. Man muss eben alles allein machen.

Als Care Leaver hat man kein familiäres Nest, wo man sich in Ruhe orientieren kann. Man muss erst mal lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, und mit den alltäglichen Schwierigkeiten klarkommen. Bildung und Ausbildung stehen dann oft hintenan."

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