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Iranische Studentinnen: In manchen Fächern unerwünscht

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Frauenbann an iranischen Unis Kinder produzieren geht über Studieren

Die Überraschung war groß, die Empörung noch größer: 36 Universitäten in Iran haben Frauen aus 77 Fächern verbannt. Einige davon widersprächen "der weiblichen Natur", heißt es im Wissenschaftsministerium. Das sorgt nun sogar bei konservativen Studenten für Unmut.
Von Mohammad Reza Kazemi

Als "Talibanismus", "Rückfall in die Steinzeit" und "Patriarchalisierung der Wissenschaft" bezeichnen Iranerinnen in Internetforen die Entscheidung, Frauen von 77 Studiengängen an 36 der rund 120 staatlichen iranischen Universitäten auszuschließen, wenn das neue Studienjahr Ende September beginnt.

Wie im Jahr zuvor hatten im Juni mehr als eine Million Studienbewerber die zentrale Aufnahmeprüfung für die iranischen Hochschulen geschrieben. Erfolgreiche Kandidatinnen durften diesmal allerdings aus weniger Fächern wählen als ihre Vorgängerinnen. Den Frauen bleiben besonders oft die traditionell hoch angesehenen Ingenieurwissenschaften verwehrt, vereinzelt waren auch Sprach- und Naturwissenschaften sowie Wirtschaftsstudiengänge von dem Frauenbann betroffen.

Die Regierung hatte diese Einschränkung nicht angekündigt, und als sie Anfang August bekannt wurde, erntete sie sogar von manchen konservativen Medien und Verbänden scharfe Kritik. Der regierungsnahe Studentenverband Tahkim-e Wahdat nannte die Aktion eine "Heuchelei im Namen der Islamisierung der Universitäten" und kündigte Proteste an.

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Hardliner Mahmud Ahmadinedschad und seine Regierung machen es Frauen, die in den Beruf und ins öffentliche Leben streben, nicht leicht. Die "Islamisierung" der iranischen Hochschulen mit ihren 3,5 Millionen Studenten, über zwei Millionen davon Frauen, gehörte von Beginn an zur Agenda des Präsidenten. Er liegt damit ganz auf der Linie der Mullahs, einer Riege mächtiger geistlicher Führer in Iran. Manche Kritiker glauben, dass die jüngste Aktion den sehr hohen Frauenanteil an den Universitäten drosseln soll. Andere vermuten, dass die Machthaber damit die Geschlechtertrennung an den Hochschulen vorantreiben.

"Sie versuchen, Frauen in die Häuser zurückzudrängen"

Die iranische Friedensnobelpreisträgerin und Juristin Schirin Ebadi schrieb in einem offenen Brief an die Uno-Frauenrechtsorganisation UN Women , dass das Regime die aufstrebende Frauenbewegung im Land bekämpfen wolle. Die Machthaber hätten offenbar ein Problem damit, die Gegenwart von Frauen in der Öffentlichkeit zu tolerieren. "Sie versuchen, Frauen in die Privatsphäre ihrer Häuser zurückzudrängen, damit sie von ihrem Widerstand und ihren rechtmäßigen Forderungen ablassen."

So dürften Frauen an der Arak-Universität in Westiran zum Beispiel nicht länger englische Sprache und Literatur, Erziehung, Informatik, Chemie und verschiedene Ingenieursfächer studieren, schreibt Ebadi. An der Isfahan-Universität in Zentraliran seien unter anderem Politikwissenschaft, Rechnungswesen, Business Management und englische Übersetzung nur noch für Männer. Der Anteil weiblicher Studenten an iranischen Hochschulen werde deswegen von zwei Drittel auf weniger als die Hälfte fallen.

Seyed Abolfazl Hassani, ein Beamter im Wissenschaftsministerium, sagte, manche Fächer wie Bergbau und landwirtschaftliche Maschinenkunde eigneten sich nicht für die weibliche Natur, zum Teil weil sie "harte Arbeit" beinhalteten. "Die Erfahrung zeigt, dass Frauen in diesen Bereichen nicht beruflich tätig werden", zitierte ihn die iranische Nachrichtenagentur IRNA. "Das führt zu Arbeitslosigkeit unter Absolventen." Später sagte Hassani, die Unis hätten die Einschränkung eigenmächtig erlassen.

Aus 75 Millionen Iranern sollen 150 Millionen werden

Wissenschaftsministers Kamran Daneschdschu wies Kritik am Frauenbann für bestimmte Studiengänge als "Propaganda ausländischer Medien" zurück. "In 90 Prozent der Fächer können sowohl Frauen als auch Männer studieren", sagte er auf einer Pressekonferenz Mitte August. Die beruhigenden Worte kauft ihm allerdings kaum jemand ab: Daneschdschu hatte im vergangenen Juli verkündet, dass er einen Beschluss des Hohen Rats der Kulturrevolution von 1987 durchsetzen wolle, wonach eine Trennung von weiblichen und männlichen Studenten "notwendig" sei.

Mehrere Zeitungen erinnerten Präsident Ahmadinedschad an seinen Brief an den Wissenschaftsminister vom vergangenen Jahr, in dem er die Maßnahmen des Ministers zur Geschlechtertrennung als "unwissenschaftlich und oberflächlich" bezeichnet hatte. Allerdings hatten Kritiker das Schreiben auch damals schon als politisch motivierten Populismus abgetan.

Iranische Frauen haben sich in den letzten Jahren durch ihr gesellschaftspolitisches Engagement besonders hervorgetan. Sie kämpften nicht nur in mehreren Nichtregierungsorganisationen für mehr Gleichberechtigung, sondern sie waren auch eine wichtige Stimme bei regimekritischen Protesten der vergangenen Jahre.

Dem konservativen Klerus, der Frauen als Mütter und Hausfrauen begreift, ist dieser Umstand ein Dorn im Auge, er fürchtet einen Zusammenbruch patriarchaler Strukturen. Zudem hatte sich der geistliche Führer Ajatollah Chamenei erst vor einigen Wochen über das niedrige Bevölkerungswachstum beschwert und verlangt, dass die iranische Bevölkerung von heute 75 Millionen auf 150 bis 200 Millionen anschwellen möge. Mit gut ausgebildeten Frauen, die sich mit Verhütung auskennen und Karriere machen wollen, kann das Ziel wohl kaum erreicht werden.

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