Uno-Tagebuch Zwischen Militär und Studium

An der Uni Heidelberg simulieren 800 Studenten aus aller Welt eine Uno-Konferenz. Für Aufsehen sorgen vor allem die Studenten der US-Militärakademie West Point - sie vertreten ausgerechnet Frankreich, einen entschiedenen Gegner des Irak-Kriegs. Alles nur ein Spiel?

Von Christina Bramsmann


Pompös: Abendessen unter Kronleuchtern
Nick Schneider

Pompös: Abendessen unter Kronleuchtern

"Hiermit eröffne ich die erste Sitzung der Unesco auf der WorldMun 2003. Zuerst muss die Tagesordnung festgelegt werden. Gibt es einen Antrag im Plenum?" Das ist das Startzeichen. Sofort heben die Studenten, die China und Frankreich vertreten, ihre Schilder. Sie wollen für eines von zwei Themen argumentieren, die zur Auswahl stehen: Rückführung afrikanischer Kunst oder die Erhaltung einheimischen Wissens.

Die Themen wurden von Komiteeleiterin Leila Chirayath vorgeschlagen. Die Harvard-Studentin hat selbst viel Zeit in Afrika verbracht, bei Entwicklungsprojekten geholfen und geforscht. Am liebsten würde sie gleich nach Afrika ziehen und dort leben.

Zuerst erteilt sie allerdings Costa Rica das Wort. Der chinesische Junior-Diplomat verdreht die Augen - als ob China nicht viel wichtiger wäre als Costa Rica. Wichtig ist dem Studenten aus Yale aber vor allem, dass er so oft wie möglich zu Wort kommt.

Urkunden sind wichtig fürs Stipendium

Für einige der Amerikaner bedeutet die Uno-Konferenz nicht nur Spaß und Interesse an der Diplomatie. Die Studenten brauchen die Urkunden, die am Ende der Konferenz an die besten Redner vergeben werden, um zu Hause ein Stipendium zu bekommen. In der echten Unesco wären die afrikanischen Länder bei soviel Engagement von China vermutlich zu Tränen gerührt.

Es gibt aber auch viele in den Komitees, die nach Heidelberg gekommen sind, um die internationale Atmosphäre zu genießen, viele neue Leute kennen zu lernen und um zu erleben, wie ein Diplomat arbeitet. Wann hat man schon mal die Chance, mit Studenten aus allen Kontinenten Ideen auszutauschen? Jede freie Minute wird genutzt, um an Resolutionen zu feilen - während der Mittagspause im Garten der Heidelberger Uni liegt kaum einer faul in der Sonne. Die meisten sind noch mittendrin in der Diskussion, ob der Euro sinnvoll für Europa ist oder ob afrikanischen Ländern alle Schulden erlassen werden sollten.

Als die Sitzung der Unesco am Montag beendet war, kam allerdings Hektik auf. Schnell wurden noch die letzten Informationen über Kleider ausgetauscht, dann ging es endlich zum Ball. Auf dem Schwetzinger Schloss versammelten die Teilnehmer sich zunächst zum Abendessen unter Kronleuchtern.

Der Kongress tanzt: Elitestudenten sind bewegungsfaul
Nick Schneider

Der Kongress tanzt: Elitestudenten sind bewegungsfaul

Dann die Überraschung: Von all den versammelten Elitestudenten aus Harvard, Cambridge, Oxford und Yale konnte kein einziger tanzen. Als die Band zum Walzer aufspielte, standen die Studenten vom europäischen Festland schnell allein auf dem Parkett. Auf einer zweiten Tanzfläche kamen dann aber auch die Disko-Tänzer zu ihrem Recht.

Einige der Gruppen waren in ihren traditionellen Trachten gekommen, von den Deutschen indes hatte sich keiner zu einem Dirndl durchringen können. Auffallend war aber vor allem eine Gruppe. In weißen Uniformen mit roten Borten um den Bauch erinnerten die Jungen ein bisschen an arabische Staatsmänner. Tatsächlich waren es die Studenten der West Point-Militärakademie in ihren Ausgehuniformen.

"Ich liebe mein Land und will es verteidigen"

Was bei einigen Amerikanerinnen große Wirkung zeigte, weckte bei vielen anderen eher Befremden. Der 20-jährige James aus Vermont weiß, dass das Interesse an seiner Gruppe groß ist - vor allem, weil ausgerechnet die US-Soldaten beim Planspiel den Kriegsgegner Frankreich repräsentieren. "Ich kann hier ohne Probleme Frankreich vertreten, es ist nur ein Spiel", sagt James.

Doch richtig auskunftsfreudig ist er nicht. Die Frage vieler junger Deutscher, wie man sich überhaupt für eine Karriere im Militär entscheiden kann, ist für einen Amerikaner schwer verständlich. "Ich liebe mein Land und will seine Menschen und die Verfassung verteidigen", sagt der künftige Offizier. Und klingt dabei, als hätte er den Satz schon viele Male auswendig heruntergerasselt. Angst kenne er schon, gerade jetzt, wenn einige seiner früheren Mitstudenten im Irak kämpfen, so James: "Kein Soldat geht gern in den Krieg, aber es ist für die Sicherheit meines Landes."

In zwei Jahren wird der Student ein Regiment mit etwa 30 Soldaten leiten. Das Uno-Planspiel sieht er auch als Planspiel für seinen späteren Job.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.