Unzufriedene Ost-Studenten Den Westen überholen, ohne ihn einzuholen

Die Uni-Landschaft in Ostdeutschland will und will nicht blühen. Studenten in den neuen Ländern äußern sich deutlich unglücklicher mit ihren Hochschulen als noch vor einigen Jahren, wie eine neue Untersuchung ergab - denn die Studienbedingungen erreichen allmählich das miserable West-Niveau.

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Vorlesung an der Uni Leipzig: "Die Vorsprünge schwinden"
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Vorlesung an der Uni Leipzig: "Die Vorsprünge schwinden"

In der alten Bundesrepublik sind es die Universitäten und Fachhochschulen seit gut einem Vierteljahrhundert gewohnt, dass die Finanzminister immer neue Sparexzesse an ihnen erproben und sich weder Bildungspolitiker noch Hochschulrektoren mit Aussicht auf Erfolg dagegen wehren können.

Die neuen Bundesländer dagegen galten noch vor wenigen Jahren als eine Art Studentenparadies: Nach dem Mauerfall orientierten sich die Hochschulen völlig um, erhielten eine vielfach erstklassige Geräteausstattung und kümmerten sich vor allem deutlich intensiver um ihre Studenten, als es die westdeutschen Kommilitonen kennen. Die allerdings zogen es vor, einen großen Bogen um die neuen Länder zu schlagen - trotz aller Appelle, es einmal mit Greifswald statt mit Göttingen, mit Dresden statt Düsseldorf zu probieren.

CHE-Ländervergleich (2002): Die Ost-Unis jubelten
CHE

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Die natürliche Trägheit der Abiturienten lebt fort. Und wenn die fünf ostdeutschen Länder wacker weiter gehen auf dem bereits eingeschlagenen Weg, dann gibt es bald auch nicht mehr viele überzeugende Gründe, dort zu studieren statt tief im Westen. Denn die Studienverhältnisse gleichen sich langsam an - allerdings auf dem niedrigen westdeutschen Niveau.

Die Hochschulen in den neuen Ländern haben in den letzten Jahren immer wieder gute Plätze bei Uni-Rankings abgeräumt. Bei einem bundesweiten Vergleich des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) vor einem Jahr konnten sie überraschend stark punkten. "Nach der Wende wurden im Osten viele Unis und Fakultäten neu ausgestattet und eingerichtet, was zur Zufriedenheit der Studenten beigetragen hat", sagte Sonja Berghoff, Sprecherin der von der Hochschulrektorenkonferenz und der Bertelsmann-Stiftung getragenen Einrichtung. Doch inzwischen sind die Studenten dort bei weitem nicht mehr so zufrieden. Das hat eine neue CHE-Auswertung ergeben.

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In den Fächern Chemie, Physik, Informatik und Mathematik hat das Centrum die aktuellen Daten mit denen von 1998/1999 verglichen. Bei den Naturwissenschaften zum Beispiel liegt Thüringen zwar weiterhin in der Spitzengruppe, gemeinsam mit Bayern, Baden-Württemberg und Bremen, das in der Forschung aufgeholt hat und auch die durchschnittliche Studiendauer gegenüber der letzten Erhebung von 1999 verkürzen konnte.

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Aber Thüringen zählt nicht mehr zu den Spitzenreitern bei der Studentenzufriedenheit. Klarer Verlierer dabei ist Sachsen: Die Studenten murren mittlerweile unüberhörbar, und auch bei den Studienzeiten verzeichnet der Freistaat Einbrüche.

Bislang katapultierten vor allem das positive Votum der Studenten und das schnelle Studium ostdeutsche Hochschule in die oberen Ränge bei Rankings. Kleine Hochschulen wie die TU Ilmenau oder große Unis wie die TU Dresden erarbeiteten sich einen vorzüglichen Ruf. "Das kann sehr schnell kippen", erklärt Sonja Berghoff, "die Studienverhältnisse in den neuen Ländern gleichen sich denen der ehemaligen Westländer an. Die Vorsprünge der neuen Länder bei der Studienzufriedenheit und den Studienzeiten verschwinden zunehmend."

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Durch ihren rigiden Sparkurs laufen die ostdeutschen Bundesländer Gefahr, ihren Vorsprung bei der Studenten-Betreuung gründlich zu verspielen. Ob Sachsen oder Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder die vermeintliche "Denkfabrik" Thüringen - überall bietet sich das gleiche Bild: Die nach der Wende mit Milliardenaufwand modernisierten Hochschulen sollen auf West-Niveau zurechtgeschrumpft werden.

Bisher war das vergleichweise familiäre Klima ihr größter Vorzug. Doch jetzt drohen die Streichung Tausender Stellen und, wie etwa bei den Juristen in Dresden oder der Lehrerausbildung in Magdeburg, ganzen Fakultäten die Schließung. Die Hochschulen laufen dagegen Sturm, weil sie eine massive Abwanderung der Bewerber befürchten. Denn den vermeintlichen Luxus kleiner Fachbereiche und überschaubarer Lehrveranstaltungen können oder wollen sich die Länder offensichtlich nicht mehr leisten.




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