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29. September 2015, 17:53 Uhr

Betrugsvorwürfe gegen von der Leyen

Sollen Doktor-Plagiate verjähren?

Ein Doktorgrad kann auch nach 25 Jahren noch entzogen werden - niemand soll eine Karriere auf geistigem Betrug aufbauen. Nach den Vorwürfen gegen Ursula von der Leyen flammt die Debatte um eine Verjährungsfrist jedoch neu auf.

Ein Vierteljahrhundert liegt die Promotion von Ursula von der Leyen (CDU) zurück. Sollte eine so alte Arbeit ihr nun zum Verhängnis werden, sie den Titel, womöglich das Amt kosten? Während die Medizinische Hochschule Hannover die Vorwürfe prüft, flammt unter Hochschulexperten die Debatte um eine Verjährungsfrist für Promotionsverstöße neu auf.

Der Bonner Jura-Professor Wolfgang Löwer regt eine Frist von 15 Jahren an, nach der ein Doktorgrad nicht mehr entzogen werden kann. "Eine solche Verjährungsfrist kann aber nur der Gesetzgeber einführen", sagte der Ombudsmann für die deutsche Wissenschaft den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Der Jura-Professor sagte, es sei zwar richtig, dass der Doktortitel zu Beginn der Karriere Vorteile bringe, aber dieser Vorteil schwinde, je länger das Berufsleben andauere. "Durch den Entzug des Doktortitels wird der soziale Geltungsanspruch einer Person zerstört."

Doktor nur noch auf Zeit?

Die Position ist nicht neu. Löwer hatte sich bereits bei früheren Plagiatsaffären, die wie im Fall von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) zum Rücktritt führten, für die Einführung einer Verjährungsfrist ausgesprochen. Schavans Doktorarbeit stammt aus dem Jahr 1980.

Der Jurist Gerhard Dannemann, der als Mitstreiter der Plattform VroniPlag Wiki die Vorwürfe gegen von der Leyen öffentlich machte, ist hingegen gegen Verjährungsfristen. "Denken Sie nicht an die Politiker, denken Sie an die Wissenschaft", sagte Dannemann am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. In der Wissenschaft könne es sehr wohl eine Rolle spielen, ob ein Forscher in seiner Dissertation betrogen hat - auch wenn diese lange zurückliegt.

"Ausgerechnet jetzt, wo wir das volle Ausmaß unentdeckter oder unzulänglich aufgearbeiteter Altfälle zu erahnen beginnen, darf man nicht über eine Verjährungsregel deren überfällige Aufarbeitung im Keim ersticken", schrieb Dannemann in einem Gastbeitrag zum Fall Schavan.

Aus den Auswertungen auf "VroniPlag Wiki" geht hervor, dass drei der beanstandeten Seiten aus von der Leyens Dissertation zwischen 50 und 75 Prozent Plagiatstext enthalten und fünf Seiten mehr als 75 Prozent. Dannemann störte sich vor allem daran, dass von der Leyen als obere Dienstherrin mehrerer Bundeswehr-Universitäten den Eindruck vermittele, dass man so wissenschaftlich arbeiten könne.

Der Münchener Wirtschaftswissenschaftler Manuel René Theisen hatte vor zwei Jahren einen anderen Vorschlag in die Debatte eingebracht: Er plädierte dafür, den Doktorgrad nur noch auf Zeit zu vergeben. Nach zehn Jahren verlängert sich automatisch das Recht, den Dr. zu tragen - es sei denn, es tauchen Belege dafür auf, der Autor habe geschummelt.

bkr/dpa

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