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10. März 2016, 13:26 Uhr

Medizin-Promotionen

Gebt mir den Doktortitel, ich bin Arzt

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Mediziner-Dissertationen haben einen schlechten Ruf, nicht erst seit den Plagiatsvorwürfen gegen Ursula von der Leyen. In keinem anderen Fach kommen Akademiker so leicht an den Doktortitel.

Es gibt Doktorväter, die jede Fußnote kontrollieren und jeden Kommafehler anstreichen. Die sich Seite um Seite durch die Werke ihrer Schützlinge kämpfen, und sie im Zweifelsfall auch durchfallen lassen.

Und es gibt Mediziner.

20 Prozent der Doktorarbeit von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) seien plagiiert, haben die Prüfer der Medizinischen Hochschule Hannover festgestellt. Trotzdem darf die Ministerin den Titel behalten. Ihr Fazit klingt wie ein Freibrief für Medizin-Doktoranden: Abschreiben ist nicht so schlimm, solange im Hauptteil der Arbeit ein wissenschaftlicher Beitrag zu erkennen ist.

Kritiker behaupten schon seit Langem, dass der Doktor in der Medizin nur ein wissenschaftlich fragwürdiger "Türschild-Titel" sei, um die Karrierechancen als Arzt zu verbessern. Der Verdacht liegt nahe, denn: In keinem anderen Fach schließen mehr Absolventen mit dem Doktorgrad ab.

Auf die Medizin entfallen mehr Promotionen als auf alle Sprach-, Kultur-, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zusammen. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes verlassen zwei von drei Medizinstudenten die Uni mit dem Doktortitel. 2014 bestanden in Deutschland 7326 Studenten der Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften ihre Promotionsprüfung, das entspricht 63 Prozent aller Absolventen in diesem Fach.

Gelten bei der Promotion für Mediziner andere Regeln? Laut Hochschulrektorenkonferenz: ja. Doktorarbeiten in der Medizin seien meist "studienbegleitende Doktorarbeiten, die nicht dem Standard der Arbeiten in anderen wissenschaftlichen Fächern entsprechen".

Medizinstudenten dürfen schon an ihrer Promotion arbeiten, bevor sie überhaupt einen Hochschulabschluss haben. Sie haben in der Regel die Wahl zwischen drei Arten von Doktorarbeiten, in denen die Schwerpunkte variieren:

Wer später in der Forschung arbeiten will, hat mit einer statistischen Arbeit schlechte Chancen auf einen Arbeitsvertrag. Experimentelle Doktorarbeiten haben in der Medizin das höchste Prestige. Es gibt allerdings auch Mischformen, beispielsweise klinisch-experimentelle Arbeiten. Was sie gemein haben: Sie sind im Vergleich zu anderen Fächern sehr kurz, sogar kürzer als viele Masterarbeiten. In Würzburg galt beispielsweise lange Zeit eine Maximallänge von 40 Seiten.

Und anders als in den Geistes- und Sozialwissenschaften gibt es in der Medizin "gehäuft Forschung in Gruppen". So formuliert es der Berliner Juraprofessor Gerhard Dannemann, der als Plagiatsjäger bei der Plattform VroniPlag Wiki mitarbeitet: "Da werden junge Studenten, die noch keinen Abschluss haben, angeleitet von einem Promovierten, der noch nicht habilitiert ist und mit derselben Forschung auf demselben Gebiet seine weitere Qualifikation erreichen will." Das mache eine objektive Betreuung und Begutachtung der Arbeit sehr schwer.

VroniPlag Wiki hat in mehr als 90 medizinischen Dissertationen Plagiate dokumentiert. Bei einzelnen Arbeiten seien alle Seiten plagiiert, sagt Dannemann. "Da werden Plagiate von Plagiaten von Plagiaten eingereicht. Und die Ursprungsarbeit ist die Habilitationsschrift des jeweiligen Betreuers, der nicht gemerkt haben will, dass von ihm abgeschrieben wurde." So etwas gebe es in keinem anderen Fach. "In der Medizin gibt es Bereiche, in denen jede Qualitätskontrolle ausgeschaltet zu sein scheint."

Es hätten sich in der Medizin "schlechte Sitten eingebürgert", sagt auch Wolfgang Löwer, wichtigster Experte für saubere wissenschaftliche Arbeit in Deutschland. Allerdings weist er auch darauf hin, dass in naturwissenschaftlichen Doktorarbeiten "die Identität zu Originaltexten hoch ist, weil bei naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sprachliche Variation kein Vorteil ist". Dies rechtfertige aber nicht das Fehlen von Nachweisen der Quellen.

Viele medizinische Fakultäten haben ihre Promotionsordnungen in jüngster Zeit deutlich nachgebessert. Zu diesem Schluss kommt die Medizinerin Julia Schaberick, die für ihre Dissertation an der Universität München alte und neue Promotionsordnungen vergleicht. An 17 von 29 untersuchten Unis werde wissenschaftliches Fehlverhalten inzwischen genauer definiert, so Schaberick. Einige alte Regelwerke hätten nicht einmal eine eidesstattliche Erklärung am Ende der Dissertation gefordert.

Die Universität Frankfurt präzisierte nun beispielsweise eine ältere Klausel, wonach der Titel bei "umfangreicher Täuschung" entzogen werden könne. "Der Promotionsausschuss soll den Titel entziehen, wenn der Titel durch Täuschung erworben wurde", heißt es in der Fassung von 2014.

Mitarbeit: Jost Fromhage, Silke Fokken, Kristin Haug, Louisa Schmidt

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