US-Armee auf dem Campus "Rufen Sie hier bloß nicht noch mal an!"

Der amerikanischen Freiwilligenarmee fehlt es an frischen Soldaten. Deshalb lässt das Pentagon verstärkt Rekrutierer an Schulen und Universitäten ausschwärmen. Doch die schieben Frust - auf dem Campus sind Militärs selten willkommen. Manche Unis halten sie ziemlich trickreich fern.


Geht es nach dem Willen der Leitung des New Yorker "City College", dann darf die 28-jährige Hadas Thier den Campus nicht mehr betreten. Denn am zweiten Jahrestag der Irakinvasion hatte sie zusammen mit 20 anderen Kriegsgegnern lautstark, aber gewaltfrei gegen die Anwesenheit von Pentagon-Rekrutierern protestiert, die während einer Jobmesse am College Bewerbungsunterlagen für den Armeedienst verteilten.

Recruitung-Klassiker Uncle Sam (aus dem ersten Weltkrieg): "Komm in meine Army"
AP

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Das lehnt Hadas Thier nach wie vor ab. In einer Woche muss sie vor Gericht erscheinen. "Es geht nicht um normale Arbeitsplätze", sagt Thier. Die Rekrutierer träten am City College auf, weil hier vorwiegend finanziell minderbemittelte Studierende und Angehörige ethnischer Minderheiten anzutreffen seien. Das Pentagon versuche, Rekruten mit fadenscheinigen Argumenten anzuwerben, und dabei handele es sich um lebensgefährliche Kriegseinsätze.

Das Pentagon hat es tatsächlich nicht leicht. Im Februar verfehlte die US Army zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 ihr monatliches Rekrutierungsziel von 7050 Mann um 27 Prozent. Nicht besser sieht es bei den Marines, bei den Reservisten und bei der Nationalgarde aus.

"Hey, ja, ein Bonus von 10.000 Dollar"

Frustrierend sei das, klagt die Rekrutiererin Hiso Bersenjo aus Los Angeles, die vor allem junge Erwachsene an High Schools und Colleges aus den Latino-Gemeinden zum Armeedienst bewegen will.

Wenn sie Familien anruft, dann heiße es neuerdings immer gleich: "Mein Sohn geht nicht zur Armee, basta. Rufen Sie hier bloß nicht noch mal an!". Worauf Bersenjo dann entgegne: "Die Wahrscheinlichkeit, im Irak umzukommen ist weitaus geringer, als in Los Angeles auf der Strasse erschossen zu werden. Wer in den Kampf zieht, soll das für die Freiheit tun, das soll einem Zweck dienen."

Recruiter (in Michael Moores Film "Fahrenheit 9/11"): Derzeit schwerer Job
REUTERS

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Wegen der schlechten Arbeitsmarktsituation ist eine Karriere in der Armee für so manchen Studenten doch eine Option, etwa in der National Guard. Die Arbeitszeit sieht Dienst nur am Wochenende vor, die Guard bezahlt bis zu 4500 Dollar Studiengebühren, dazu 624 Dollar Lohn pro Monat und einen Beitrittsbonus von 15.000 Dollar für eine Dreijahresverpflichtung.

Das klingt dann so wie in der kalifonischen Liberty High School in Bakersfield, wo Sergeant Albert Baker vor 20 Endstuflern die pekuniären Aspekte des Militärwesens hervorhebt: "Du willst etwas für Dein Land tun? Hey, ja, und wenn du der National Guard beitrittst, dann erhältst du einen weiteren Bonus von 10.000 Dollar, nur fürs Beitreten. Nicht schlecht, oder?"

Anti-Diskriminierung als legaler Kniff

Dass die Militärs Zutritt zu Schulhöfen und Unis haben, gehört zur amerikanischen Tradition, ist also keine Neuerung, die der Bush-Regierung zuzuschreiben wäre. Derzeit treten die 7500 Rekrutierer allerdings aggressiver auf. Regierung und Kongress haben die gesetzlichen Hürden für das campus recruitment zudem gesenkt. Den Universitäten können Bundesmittel entzogen werden, falls recruiters nicht zugelassen werden.

Mehrere juristisch gut beratene Universitäten fanden vor einigen Wochen einen Ausweg. So hat die New York University die Anwerber der US Army legal vom Campus verbannt, weil diese gegen die Diskriminierungsgesetze verstößt, zum Beispiel Homosexuelle ablehnt. Das Pentagon hatte vor Gericht darauf bestanden, die Unis müssten ihm dasselbe Recht einräumen wie den Anwerbern ziviler Unternehmen - und unterlag. Elf weitere Universitäten zogen nach.

Von Max Bohnel, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk




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