US-Eliteunis Antisemitismus-Streit schlägt hohe Wellen

Eine hitzige Debatte um die amerikanische Israel-Politik polarisiert die akademische Gemeinschaft an US-Universitäten. Harvard-Präsident Larry Summers hat Israel-Kritikern in einer schroffen Rede "Antisemitismus" vorgeworfen, doch die empören sich über "Verleumdung und Zensur".

Von Cornelia Stolze


Harvard-Campus: Stark umstrittene Petition
Pascal Wallisch

Harvard-Campus: Stark umstrittene Petition

Noch vor wenigen Tagen ahnten Nancy Kanwisher und ihre Kollegin Mary Potter nichts Böses. Gemeinsam mit zunächst 122 weiteren Kollegen hatten die beiden Professorinnen vom renommierten Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT) bereits im Frühjahr eine Petition auf den Weg gebracht. Darin prangerten sie nicht nur Menschenrechtsverletzungen gegen Palästinenser an und riefen die US-Regierung auf, jegliche Militärhilfe und Waffenlieferungen an Israel einzustellen. Auch das MIT selbst und die benachbarte Harvard University, so forderten sie im Schreiben, müssten ein Zeichen setzen: Beide Nobel-Hochschulen sollten sich aus all jenen Firmen zurückziehen, die mit Israel in größerem Rahmen Geschäfte machen.

Hitzige Debatten auf dem Campus

Mittlerweile haben insgesamt 561 Wissenschaftler, Studenten und Alumni die Petition unterzeichnet. Nach Angaben der Initiatoren ist Harvard mit rund 600 Millionen Dollar an Unternehmen beteiligt, die als Hauptinvestoren in Israel auftreten, etwa IBM, McDonald's oder Motorola. Beim MIT beziffern die Wissenschaftler die Beteiligungen an Microsoft, Pfizer, Boeing, IBM und anderen Firmen auf 174 Millionen Dollar.

Larry Summers: Harte Anschuldigungen
AP

Larry Summers: Harte Anschuldigungen

Das Muster an politischem Druck, den die Unterzeichner nun auf Israel fordern, ist bereits aus den achtziger Jahren bekannt: In Harvard hatte der Juraprofessor Francis Boyle, der heute an der University of Illinois lehrt, eine Aktion gegen das frühere südafrikanische Apartheidsregime ins Leben gerufen. Damals entzog die Universität Firmen, die mit dem Land kooperierten, tatsächlich ihre Beteiligungen. Dieser Faktor trug nach Ansicht von Freiheitskämpfern wie dem Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu maßgeblich zur Überwindung des Unrechtsregimes bei.

Doch diesmal richtet sich die Aktion der Wissenschaftler nicht gegen ein Unrechtsregime, sondern gegen Menschenrechtsverletzungen und gegen Missachtung von UN-Resolutionen durch die Regierung eines demokratischen Staates. Seit Wochen hatte die Bewegung, der sich inzwischen auch Akademiker von 40 anderen US-Unis wie Princeton, Tufts und Berkeley angeschlossen haben, auf dem Bostoner Campus für hitzige Diskussionen gesorgt. Denn etliche Professoren und Studenten sahen in der Initiative einen Versuch, die Daseinsberechtigung des israelischen Staates in Frage zu stellen.

Der Konflikt schwelt schon lange, jetzt ist er offen entfacht. Noch im Mai hatte Harvard-Präsident Larry Summers das Recht jedes Hochschulangehörigen unterstrichen, ihre Meinungen zum Israel-Palästina-Konflikt frei zu äußern. Allerdings sei Harvard zuerst und vor allem ein Zentrum des Lernens und könne in einem derart komplexen und kontroversen internationalen Konflikt nicht Partei ergreifen, so Summers.

Nun aber ist der Uni-Präsident den Aktivisten mit einer der härtesten Anschuldigungen, die man in den USA machen kann, in die Parade gefahren: In seiner Rede zum Beginn des neuen Studienjahres erteilte der frühere Finanzminister der USA nicht nur den geforderten Wirtschaftssanktionen gegen Israel eine deutliche Absage. Die Petition, so Summers, sei auch ein Zeichen für einen immer stärker um sich greifenden Antisemitismus. Und der sei inzwischen nicht mehr die Domäne einiger ungebildeter Rechtpopulisten, sondern finde zunehmend auch "in progressiven intellektuellen Kreisen Unterstützung". Die jüngste Petition ist dafür in Summers Augen ein Paradebeispiel.

Juden streiten mit Juden über Antisemitismus

Problematisch an Summers Antisemitismus-Vorwurf: Gut 30 Prozent der Unterzeichner am MIT und in Harvard sind - wie Summers selbst - jüdischer Herkunft oder israelisch-stämmige Amerikaner. Hugh Gusterson, Associate Professor für Anthropologie am MIT und Sprecher der Gruppe, nennt Summers Rede deshalb "völlig lächerlich". Wie sein Mitstreiter John Assad von der Harvard Medical School wertet er den Antisemitismus-Vorwurf aber zugleich als "eine Art von Verleumdung und Zensur, mit der Summers die Kritiker der Sharon-Regierung zum Schweigen bringen will".

MIT: Beteiligungen an Firmen verkaufen?
AP

MIT: Beteiligungen an Firmen verkaufen?

Mit seiner Kritik steht der an seiner Hochschule umstrittene Summers indes nicht allein. Längst kursiert eine Gegen-Petition von insgesamt 5831 Hochschulangehörigen und Ehemaligen, die den Israel-Kritikern vorwerfen, einseitig Partei zu nehmen und die Geschichte der letzten Jahre zu ignorieren. Israel habe "ein Recht, frei von Terror zu existieren", betonen sie. Und ähnlich wie Summers tadeln sie einen Sprachgebrauch, der längst diskreditiert sei, weil Extremisten ihn als "Code für die Zerstörung des jüdischen Staates" nutzten.

Unterdessen hält Harvard-Professorin Elizabeth Spelke, ebenfalls Jüdin, die Anschuldigungen ihres Uni-Präsidenten für fatal und sieht darin eine Ablenkungsstrategie: "So macht man aus einer politischen Debatte eine Diskussion über Moral und vermeintlichen Rassismus - was es viel schwerer macht, über die eigentlichen Inhalte zu diskutieren." Dabei sei völlig klar, dass sich die Petition weder gegen Juden noch gegen den Staat Israel richte, sondern gegen die dortigen Menschenrechtsverletzungen und gegen die Besetzung des Gazastreifens und der Westbank.

Vielleicht aber, meint Hugh Gusterson, habe Summers der Sache letztlich sogar einen Dienst erwiesen: "Wir sind ja nur eine kleine Gruppe. Ohne seine Rede wäre unsere Bewegung womöglich ziemlich untergegangen. Durch den Medienrummel um die Antisemitismus-Debatte aber hat jetzt die gesamte Bevölkerung von unserer Petition erfahren."



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