Erkaufte Studienplätze So funktioniert das Bestechungssystem an US-Eliteunis

In den USA sollen Dutzende reiche Eltern ihren Kindern einen Studienplatz an einer Eliteuni verschafft haben - durch Betrug und Bestechung. Hier erklärt der Autor Daniel Golden die fragwürdigen Methoden.

Studenten an der US-Eliteuni Stanford - eine der Hochschulen, die vom Bestechungsskandal betroffen ist
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Studenten an der US-Eliteuni Stanford - eine der Hochschulen, die vom Bestechungsskandal betroffen ist

Ein Interview von


33 Eltern sind in den USA angeklagt, weil sie ihren Kindern einen Studienplatz an einer Eliteuniversität wie etwa Yale organisiert haben sollen - durch Betrug und Bestechung. Am Dienstag war bekannt geworden, dass die Yale-Universität eine Studentin rausgeschmissen hatte, deren Eltern 1,2 Millionen Dollar Bestechungsgeld für den Studienplatz bezahlt haben sollen.

Für den US-Journalisten Daniel Golden kommt der Skandal wenig überraschend. Er hat bereits im Jahr 2006 ein Buch darüber geschrieben, wie reiche Familien vom US-Bildungssystem bevorzugt werden ("The Price of Admission: How America's Ruling Class Buys Its Way into Elite Colleges - and Who Gets Left Outside the Gates"). Angesichts des jüngsten Bestechungsskandals meldete er sich nun wieder zu Wort. Die mutmaßlich strafbaren Taktiken seien die "logischen, wenn auch extremen Folgen" von Praktiken, die seit Langem unter der Oberfläche bei der Hochschulzulassung verbreitet seien, schreibt Golden.

Der 61-Jährige sagt, dass reiche Eltern ihren Kindern Vorteile im Universitätssystem sichern, habe in den Vereinigten Staaten seit Jahren System.

Zur Person
  • privat
    Daniel Golden, Jahrgang 1957, ist Journalist und Buchautor in den USA. Der Pulitzer-Preisträger arbeitet als leitender Redakteur für ProPublica.

SPIEGEL ONLINE: Herr Golden, stellen Sie sich vor, ich hätte ein Kind, das in der Schule nicht überdurchschnittlich gut ist, wollte es aber trotzdem auf eine Eliteuniversität in den USA schicken. Wie stelle ich das an?

Daniel Golden: Sie können der Universität zum Beispiel eine große Spende zukommen lassen - oder andeuten, dass Sie dazu bereit wären, wenn Ihr Kind eine Zulassung erhält. Sie könnten Ihrem Kind auch raten, sich an der Universität zu bewerben, die Sie selbst besucht haben. Die "legacy preference" verschafft ihm einen Vorteil. Wie sehr Ihr Kind bevorzugt wird, hängt dann wahrscheinlich auch davon ab, ob und wieviel Geld Sie bisher an Ihre alte Uni gespendet haben. Sie könnten Ihr Kind aber auch mit Sport punkten lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Golden: Wenn Ihr Kind zum Beispiel im Rudern, Reiten oder Segeln gut genug ist, um auf College-Niveau konkurrenzfähig zu sein, verschafft ihm auch das einen Vorteil. Weil nicht viele Kinder diese "Reiche-Leute-Sportarten" betreiben, ist es vermutlich nicht so schwer für Ihr Kind, in diesem Feld herauszustechen, wie zum Beispiel bei weiter verbreiteten, preiswerteren Sportarten, etwa Basketball.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das alles noch legal?

Golden: Ja, Sie bewegen sich damit im rechtlichen Rahmen. Ich finde diese Methoden trotzdem etwas fragwürdig, am wenigsten vermutlich noch die Bevorzugung von Athleten. Da erreicht das Kind zumindest selbst etwas, durch eigene Leistung. Trotzdem profitiert es von der Ungleichheit, weil sich nicht jeder leisten kann, bestimmte Sportarten zu betreiben. Die "legacy preference" ist noch fragwürdiger, weil sie nichts mit der individuellen Leistung zu tun hat. Es ist eine Bevorzugung, die auf Abstammung basiert. Das ist eher aristokratisch als demokratisch. Das Fragwürdigste ist für mich die Spende - sie ist eine legale Form der Korruption.

SPIEGEL ONLINE: Sind all das gängige Methoden, mit denen reiche Eltern ihren Kindern einen Uni-Platz verschaffen?

Golden: Es gibt noch ein paar andere. Normalerweise hilft ein Beratungslehrer der High-School den Schülern, die passende Universität zu finden. Viele wohlhabende Leute engagieren aber eigene Berater. Sie stellen zum Beispiel den Kontakt für die Spende her - ein Weg, der anderen nicht offensteht. Sehr weitverbreitet sind außerdem Testvorbereitungskurse und private Tutoren. Oder die Eltern lassen die Kinder Aufnahmeprüfungen so oft wiederholen, bis ihre Ergebnisse besser sind. Damit habe ich an sich kein großes Problem, auch wenn das für Familien mit niedrigen Einkommen natürlich nicht möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: All das ist aber erstmal nicht verboten. Was hat das mit jüngsten Anklagen gegen Eltern zu tun, denen Bestechung und Betrug vorgeworfen wird?

Golden: In dem aktuellen Skandal ist diese weitverbreitete Praxis offenbar so aus dem Ruder gelaufen, dass die Methoden nicht mehr legal waren: Eltern sollen immense Summen an einen Berater, William Singer, gezahlt haben. Der soll dann Testbetreuer bestochen haben, damit sie Antworten verbesserten oder die Punktzahl fälschlicherweise erhöhten. Ein weiterer Vorwurf: Singer soll Trainer bestochen haben, damit sie es so aussehen ließen, als hätten sie Bewerber als Athleten rekrutiert - obwohl diese den Sport gar nicht auf Wettbewerbsebene betrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Eltern mit so etwas durchkommen?

Golden: Die Zulassungsstelle hinterfragt offenbar die Auswahl des Trainers nicht, sondern winkt die Kandidaten einfach durch. An US-amerikanischen Universitäten werden Athleten sehr bevorzugt, weil sie sie für ihre Sportmannschaften brauchen. Außerdem sollen der Berater und die Eltern dafür gesorgt haben, dass Schülern eine Lernschwäche diagnostiziert wird - auch wenn sie keine haben.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Vorteil sollte das haben?

Golden: Dann müssen die Bewerber die Aufnahmeprüfung nicht in einer großen Gruppe schreiben, sondern in einer sehr kleinen Gruppe mit nur einer Aufsichtsperson. Diese wird dann wiederum bestochen, damit sie die Ergebnisse verbessert - allerdings auch nicht zu sehr, damit es nicht auffällt. Außerdem machen Kandidaten den Test nicht an ihrer eigenen High-School, an der man sie gut kennt. Das ist etwa möglich, indem sie vorgeben, an dem betreffenden Termin bei einer Hochzeit in einer anderen Stadt Gast zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits 2006 in einem Buch beschrieben, wie reiche Leute ihren Kindern den Zugang zu einer US-Eliteuniversität erkaufen. Welchen Anteil haben die Hochschulen daran, dass das überhaupt funktioniert?

Golden: Private Universitäten behaupten zwar, sie seien sehr darauf bedacht, die Zulassung von Studenten keineswegs an Spenden zu knüpfen - aber das Gegenteil ist der Fall. Reichtum ist ein großer Faktor bei der Zulassung. Dabei sind die USA eigentlich ein Land, das stolz auf Chancengleichheit ist und auf den sogenannten American Dream. Also darauf, dass jeder durch Talent und harte Arbeit der Armut entkommen kann. Universitäten sollten genau dazu beitragen. Sie sollten vielversprechende Kandidaten aus benachteiligten Verhältnissen erkennen, sie ausbilden und ihnen einen Abschluss verleihen, der ihnen hilft, in der Gesellschaft aufzusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Viele tun das doch auch.

Golden: Aber allzu oft erhalten sie einfach den Status quo aufrecht. Sie helfen den Reichen und Mächtigen seit Generationen, reich und mächtig zu bleiben, anstatt Platz für talentierte Newcomer auf dem Weg nach oben zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Der vermutlich prominenteste Fall in Ihrem Buch ist Trump-Schwiegersohn Jared Kushner, der nach einer 2,5-Millionen-Dollar-Spende seines Vaters in Harvard angenommen wurde. Warum hat das seiner Karriere nicht geschadet?

SPIEGEL ONLINE: Weil er durch seine Hochzeit dorthin gekommen ist, wo er ist. Es ist ein guter Karriereschachzug, die Tochter des Mannes zu heiraten, der schließlich Präsident der Vereinigten Staaten wird. Kushner hat nie für ein öffentliches Amt kandidiert. Deshalb kann man schwer sagen, ob es gegen ihn verwendet werden würde. Aber es wäre ohnehin unfair, den Ärger nur an Kushner festzumachen. Das Ganze hat ja System.

SPIEGEL ONLINE: Führt der aktuelle Bestechungsskandal dazu, dass Menschen in den USA dieses System stärker in Frage stellen?

Golden: Derzeit ist die Empörung riesig, aber ich bezweifle, dass sie groß genug ist, um das System grundlegend zu verändern. Es funktioniert zum Vorteil der Reichen und Mächtigen, egal ob sie den Demokraten oder den Republikanern angehören. Wer reich ist, hat also kein Interesse daran, dieses System zu ändern. Und die Hochschulen haben tendenziell Sorge, wohlhabende Spender zu vergraulen.

SPIEGEL ONLINE: In einem Artikel schreiben Sie, einige dieser reichen US-Amerikaner hätten Ihr Buch missverstanden. Was meinen Sie damit?

Golden: Manche Leute haben mein Buch nicht als Enthüllungsgeschichte über schändliches Verhalten gelesen, sondern als Leitfaden, wie man seine Kinder in eine Universität einkaufen kann. Sie haben mich angerufen und mir Geld für Ratschläge geboten.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie reagiert?

Golden: Ich habe abgelehnt.

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CH_Beobachter 27.03.2019
1. Es gibt hier ein ganzes Geschäftsfeld
Der Zugang zu US-Unis ist auch ohne Bestechung höchst bedenklich. Mittlerweile gibt es in immer mehr Sportarten Teams und Ligen, die nur über Geld funktionieren und als einziges Ziel haben, die Zugangschancen zu Unis und Colleges zu verbessern. Ein Beispiel: Die Gebühren für die Mitgliedschaft in einem Softball-Team kostet bis zu USD 15'000 im Jahr. Die Teams reisen durch die gesamte USA und spielen gleichzeitig fast ohne Zuschauer. Alles geht nur darum, sich eine möglichst gute Ausgangsposition für ein Sportstipendium zu verschaffen.
Listkaefer 27.03.2019
2. Dass Milliardäre ...
... für sich und ihre Familien Privilegien kaufen können, die für den Normalbürger nur durch die Erbringung von echter Leistung erreichbar sind, ist skandalös. Aber diese Auswüchse kommen sicher auch bald nach Deutschland. Man denkt an *Animal Farm* von George Orwell - alle sind gleich, aber einige sind auf Kosten anderer gleicher.
Celegorm 27.03.2019
3.
Zitat von CH_BeobachterDer Zugang zu US-Unis ist auch ohne Bestechung höchst bedenklich. Mittlerweile gibt es in immer mehr Sportarten Teams und Ligen, die nur über Geld funktionieren und als einziges Ziel haben, die Zugangschancen zu Unis und Colleges zu verbessern. Ein Beispiel: Die Gebühren für die Mitgliedschaft in einem Softball-Team kostet bis zu USD 15'000 im Jahr. Die Teams reisen durch die gesamte USA und spielen gleichzeitig fast ohne Zuschauer. Alles geht nur darum, sich eine möglichst gute Ausgangsposition für ein Sportstipendium zu verschaffen.
Die Verquickung von Sport und universitärer Bildung ist sowieso ein Unding, da sportliche Leistung logischerweise völlig irrelevant ist für eine akademische Laufbahn, ausser vielleicht man studiert Sportwissenschaften. Das Ganze wird letztlich nur beibehalten, weil es eine gigantische Geldmaschine für die Unis ist, die so Sportteams betreiben können, die eine Öffentlichkeitswirkung wie grosse professionelle Teams haben, aber gleichzeitig den Spielern nichts bezahlen müssen. Wie auch aus dem Interview hervor geht ist generell eigentlich klar, wie korrumpiert das ganze US-Bildungssystem ist. Die Grenze zwischen "legalen" und "illegalen" Tricks ist quasi inexistent und der jetzige "Skandal" eigentlich keiner, sondern nur Symptom eines kaputten Systems.
dasfred 27.03.2019
4. Das System hat durchaus einen Sinn
Das Geld bleibt natürlich immer in den reichen Familien, egal, wie gebildet die Kinder sind. Diese rich Kids bilden auch an der Uni die Spitze der Hierarchie durch ihre Verbindungen. Daneben gibt es aber auch die begabten Kinder aus der Mittelschicht, die dort Höchstleistungen bringen müssen. Auf diese Weise werden Intelligenz und Kapital immer wieder in neuen Netzwerken zusammengetragen. Die Reichen müssen nicht die besten sein, aber sie bekommen den ersten Zugriff auf die besten, wenn sie diese in ihre Elitenetzwerke aufnehmen. So schützt sich das Kapital gleichzeitig vor Konkurrenz. Hat zwar nichts mehr mit Demokratie zu tun, funktioniert aber trotzdem seit 150 Jahren.
ohlert 27.03.2019
5. Rudern nur für Reiche ?
Das Anliegen des Autors, der hier interviewt wurde, mag gut und richtig sein. Nicht richtig ist es aber, im Nebensatz ein wenig Gift zu sprühen und andere zu Unrecht zu diffamieren: Ich lese, dass Rudern nur für Reiche sei. Da ist der Autor nicht gut informiert. In meinem Ruderclub zum Beispiel kostet der Jahres (!) - Beitrag für Erwachsene rund 280 Euro. Dafür kann das Mitglied täglich die Boote benutzen und rudern. Das sind gute 20 Euro im Monat. Was ist denn dann eine Mitgliedschaft in irgendeinem Sportstudio ? Sport für Superreiche ? Übrigens: Für Schüler und Studenten gibt´s sogar noch einen niedrigeren Beitrag.... Und wir sind keine Ausnahme. Ruderclubs mit derartigen Beiträgen gibt es landauf und landab !
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