US-Forschungsförderung Millionen vom Pentagon für deutsche Unis

Nicht-militärische Forschung - dazu bekennen sich die meisten deutschen Hochschulen. Trotzdem haben etliche in den vergangenen Jahren Geld vom US-Verteidigungsministerium kassiert.
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen: Mehr als 1,2 Millionen US-Dollar vom Pentagon

Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen: Mehr als 1,2 Millionen US-Dollar vom Pentagon

Foto: HERMANN J. KNIPPERTZ/ AP

Mal sind es nur ein paar Tausend Dollar zur Finanzierung einer Konferenz, mal Hunderttausende für die Erforschung von Sprengstoffen oder Radarsystemen: Deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen kassieren zum Teil seit Jahren Forschungsgelder des US-Verteidigungsministeriums.

Insgesamt geht es um Drittmittel des Pentagon, so genannte Grants, im Wert von 21,7 Millionen US-Dollar. Diese Summe ist seit 2008 in verschiedenen Forschungsprogrammen an deutsche Forscher überwiesen worden. Das geht aus einer Datenbank mit US-Haushaltsdaten von 2008 bis 2019 hervor, die der SPIEGEL ausgewertet hat .

Insgesamt 260 dieser Grants sind in den Daten erfasst. Manche Unis haben nur einmal Geld erhalten, andere immer wieder - in einem Fall gab es 23 Zuwendungen seit 2008. Das Pentagon förderte dabei Forschungsprojekte in der gesamten Republik, konzentrierte sich allerdings - wenig überraschend - auf technische und naturwissenschaftliche Wissenschaftsbereiche.

Größter Einzelempfänger bei den Universitäten - sowohl bei der Anzahl der Projekte als auch bei der Fördersumme - ist die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Sie kassierte beim US-Verteidigungsministerium seit 2008 insgesamt fast 3,7 Millionen US-Dollar in 23 Einzelsummen. Darunter befindet sich auch die höchste Einzelförderung unter den ausgewerteten Daten: Insgesamt 1,72 Millionen Dollar gingen verteilt über mehrere Summen  an ein Projekt, in dem nach Chemikalien gesucht wurde, die den schon lange beim Militär genutzten Sprengstoff RDX ersetzen können. Das Projekt wurde 2012 noch einmal verlängert - mit zusätzlichen 475.000 US-Dollar .

Auf mehr als eine Million Dollar Fördersumme seit 2008 kam außerdem noch die RWTH Aachen.

Hinweis: Nach einer Korrektur bei der Fördersumme fehlte die TU Darmstadt zunächst in dieser Grafik. Sie wurde dann mit dem korrigierten Wert wieder eingefügt.

Streit um Zivilklausel in NRW

Besonders interessant sind die Daten für Nordrhein-Westfalen. Hier existiert seit September 2014 im Hochschulgesetz eine landesweite Zivilklausel. "Die Hochschulen entwickeln ihren Beitrag zu einer nachhaltigen, friedlichen und demokratischen Welt", heißt es in Paragraf 3 des Hochschulgesetzes: "Sie sind friedlichen Zielen verpflichtet und kommen ihrer besonderen Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung nach innen und außen nach." Kritiker lesen das als klare Vorgabe, Forschungsfinanzierung durch das Militär komplett abzulehnen.

Eingeführt worden war die Zivilklausel von der damaligen rot-grünen Landesregierung in NRW, aktuell will die schwarz-gelbe Nachfolgeregierung sie wieder abschaffen. Dagegen regt sich Protest: Am Mittwoch übergaben die studentischen Initiatoren eine Protestpetition  mit 5000 Unterschriften an die NRW-Wissenschaftsministerin, die Streichung der Klausel wurde erst einmal von der Tagesordnung des Wissenschaftsausschusses genommen.

Doch trotz der noch geltenden Zivilklausel finden sich in dem Datensatz drei NRW-Unis, die seit 2014 Forschungsgelder aus dem Pentagon angenommen haben: Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen, die Ruhr-Uni Bochum und die Universität Paderborn. Die Universitäten in Bochum und Paderborn sahen sich auf SPIEGEL-Anfrage zunächst nicht in der Lage, genauere Erläuterungen zu den Pentagon-Forschungsprojekten abzugeben.

Ein Bochumer Sprecher verwies jedoch auf eine Erklärung der Landesrektorenkonferenz, nach der sich die Hochschulen an Rhein und Ruhr zu den Zivilklauseln bekennen, die in der jeweiligen Grundordnung festgehalten sind. Dies gelte uneingeschränkt auch für die Ruhr-Universität in Bochum, hieß es auf Nachfrage.

Uni Aachen: "der friedlichen Forschung verpflichtet"

Die RWTH Aachen fühle sich "nicht nur im Sinne der Gesetzgebung der friedlichen Forschung verpflichtet und betreibt keine Rüstungsforschung", erklärt die Universität in einer Stellungnahme gegenüber dem SPIEGEL. "Sie steht nicht zur Verfügung, wenn es darum geht, neue Waffentechnologien und Ähnliches zu entwickeln." Bestreben der Uni sei es, "der akademische Grundstein für nachhaltige Lösungen zu sein, die die heutigen und zukünftigen zivilen Herausforderungen aktiv angehen".

Tatsächlich findet sich ein entsprechender Satz auch in der Grundordnung der Universität, beschlossen 2015. "Die RWTH verfolgt ausschließlich friedliche Ziele und leistet insofern ihren Beitrag zu einer nachhaltigen, friedlichen und demokratischen Welt", heißt es in der Präambel zur Grundordnung. Zusätzlich gibt es einen sogenannten Code of Conduct für Uniangehörige, der unter anderem Forschung zu militärischen Zwecken ausschließt.

Problem dabei: Viele Forschungsergebnisse lassen sich sowohl militärisch als auch zivil nutzen - vom Fahrzeugteil bis zur Kommunikationstechnik, vom Roboter bis zur Software. "Natürlich ist sich das Rektorat der Dual-Use-Problematik bewusst", sagt Ulrich Rüdiger, Rektor der RWTH. "Wir vertrauen aber dem Verantwortungsbewusstsein unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und begleiten solche Forschungsprojekte mit unserem Dezernat Forschung und Karriere."

Pentagon: "Aufrechterhaltung der technologischen Überlegenheit"

Der Umgang mit den Forschungsgeldern des US-Verteidigungsministeriums wird damit zur Gratwanderung. Denn das US-Verteidigungsministerium lässt keinen Zweifel daran, warum es an den Forschungsergebnissen interessiert ist: Es gehe um Grundlagenforschung, "die mit der Verbesserung von Armeeprogrammen oder -operationen zusammenhängt oder ein Potenzial dazu hat", heißt es in mehreren Projektbeschreibungen.

In anderen Datensätzen wird als Ziel festgehalten: "Aufrechterhaltung der technologischen Überlegenheit in den für den Bedarf der Luftwaffe relevanten wissenschaftlichen Bereichen". Mit der Forschung sollen "technologische Überraschungen für unsere Nation" - gemeint sind die USA - verhindert und gleichzeitig solche Überraschungen "für unsere Gegner" entwickelt werden.

Sind Forschungsaufträge, die ganz offiziell mit solchen Erwartungen verbunden sind, keine Rüstungsforschung? An der RWTH Aachen bemühen sich die Verantwortlichen um eine andere Lesart:

  • 530.000 US-Dollar gab es für das Forschungsprojekt "A scalable and high performance approach to readout of silicon qubits", bei dem neuartige Methoden zur Auslese von Qubits erforscht werden - wichtige Bauteile von Quantencomputern. "Während das Feld anfänglich durch die Möglichkeit der Entschlüsselung von Nachrichten getrieben wurde, steht mittlerweile die wirtschaftliche Nutzung im Vordergrund", stellt die RWTH in ihrer Stellungnahme fest. Projektleiter Hendrik Bluhm betont, "dass eine praktische Nutzung frühestens in einigen Jahren denkbar ist." Die Beteiligung der RWTH trage dazu bei, die deutsche Technologiekompetenz in diesem Feld zu stärken.

  • Zwischen 2011 und 2013 kassierten Aachener Forscher knapp 300.000 US-Dollar für die Entwicklung einer besonders stabilen Stromversorgung für Schiffe. "Es handelte sich dabei um Grundlagenforschung, die auf Schiffe jeglicher Art angewendet werden kann", sagt der verantwortliche Professor Antonello Monti. "Für das Projekt wurden nur Daten von zivilen Schiffen für die Forschung verwendet" - auch wenn es dafür Fördergeld vom Verteidigungsministerium gab.

  • 50.000 Dollar gab es 2012 für ein RWTH-Projekt, bei dem Textilien für militärische und kommerzielle Anwendungsfelder entwickelt wurden, die Insekten ohne Verwendung von Insektiziden nur mit physikalischen Mitteln abwehren sollen. "Diese sollen so beschaffen sein, dass die Tiere sich in ihnen verfangen", sagt Thomas Gries, Leiter des RWTH-Instituts für Textiltechnik, "dadurch könne die Infektion mit Krankheiten wie Malaria durch Insektenstiche, eine der zentralen Ursachen für die hohe Sterblichkeit in Nicht-Industrie-Ländern, verhindert werden."

Aber auch außeruniversitäre Forschungsinstitute profitierten von den Grants aus den USA. Hier flossen die höchsten Fördersummen an die Max-Planck-Gesellschaft, an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und an das Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Eines der Projekte: Die infrarotbasierte automatisierte Walerkennung. Insgesamt 973.000 Dollar, verteilt auf vier Grants zwischen 2013 und 2017, gingen dafür an die AWI-Forscher. Mutmaßlich, weil die automatisierte Infraroterkennung womöglich auch für U-Boote interessant ist - ein klassisches Beispiel für die Dual-Use-Problematik.

Anmerkung der Redaktion: Wegen eines Fehlers in der Datenaufbereitung enthielt dieser Text eine falsche Angabe zu den US-Fördergeldern für die TU Darmstadt. Es waren nicht 1,25 Millionen US-Dollar, sondern 463.000 US-Dollar. Dafür fehlte im Text die an die TU Dresden gezahlte Summe von 787.000 US-Dollar. Wir haben diese Fehler korrigiert.

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