US-Sportstipendien Muskelkraft schlägt Hirnschmalz

Stipendien für Top-Sportler sind ein exzellenter Weg, um sich ein Studium in den USA zu finanzieren. Die Hochschulen suchen nicht unbedingt intellektuelle Schwergewichte - solange die sportliche Leistung stimmt. In Prüfungen drücken die Profs die Augen zu.
Von Julian J. Rossig

Vier Jahre lang studierte Dexter Manley an der renommierten Oklahoma State University – und konnte doch bis zum Schluss weder lesen noch schreiben. Für die Coaches zählte nur eines: Dexter war der beste Defensiv-Footballer, den sie seit langer Zeit gesehen hatten. Sobald der 120-Kilo-Protz auflief, schlotterten die Gegner vor Angst, an Manley kam keiner vorbei. Im Hörsaal waren seine Leistungen allerdings wenig überragend. Wenn es an Quadratwurzeln und Allegorien ging, mussten die Profs beide Augen zudrücken, sonst wäre der Football-Gott durch die Prüfung gerasselt.

Dexter Manleys Geschichte ist beinahe ein Vierteljahrhundert alt – und ist doch ein zeitloses Beispiel. Geschätzte 450 Millionen Dollar geben US-Unis Jahr für Jahr alleine für Football-Stipendien der beiden größten Ligen, NCAA I und II, aus. Zählt man andere Sportarten mit, die an amerikanischen Universitäten aktiv gefördert werden, kommt man schnell auf Milliarden-Beträge.

Gesucht werden dabei professionelle Sportler und Entertainer, keine intellektuellen Überflieger. Die Coaches haben weitestgehend freie Hand, wen sie in ihr Programm aufnehmen. Die Hauptsache ist, dass die Uni am Jahresende möglichst weit oben auf der Bestenliste steht.

Dickes Regelwerk gegen Dünnbrettbohrer

Fälle wie die von Dexter Manley oder dem Baseball- und Footballstar Deion Sanders ("Ich war in vier Jahren nicht ein einziges Mal in einer Vorlesung!") sind trotzdem ein PR-Desaster. Um Ähnliches in Zukunft zu vermeiden, hat der Ligadachverband NCAA ein dickes Regelwerk aufgestellt. Es ist beeindruckende 510 Seiten stark.

"Die National Collegiate Athletic Association wacht sehr aufmerksam über die Anzahl der Stipendien, die wir vergeben, und das Bildungsniveau der Universität", sagt Star-Coach Ronald E. Guenther von der University of Illinois. So sei etwa genau vorgegeben, wie viele Kurse in Englisch, Mathe und Naturwissenschaften ein Sportler belegen müsse. Für den Fall, dass sein Platz im Hörsaal leer bleibt, kann er vom Wettkampf ausgeschlossen und sein Stipendium gestrichen werden.

Doch unter der Hand bestreitet niemand, dass man sich ohne größere Probleme um diese Regeln drücken kann. So bieten viele Unis Spezialkurse eigens für Sportler an, deren Niveau eher niedrig ist. "Die NCAA schreibt ja auch vor, dass den Sportlern nur ihre Studiengebühren verlassen werden dürfen – Cash auf die Hand ist verboten", erklärt ein Coach, der nicht genannt werden möchte. Studienbegleitende Materialien erlaubt die NCAA: Folglich bekommen viele Sportler ein großzügiges Büchergeld und natürlich den neuesten Laptop.

Skill-Trainer schreiben zur Not auch Referate

Wenn selbst die Trickserei mit den Idioten-Kursen nicht ausreicht, um das Football-Team durch die Prüfung zu schleusen, kommen die Skill Trainer ins Spiel: Eigens angestellte Kindermädchen, die den Sportlern Einzelnachhilfe geben. Wenn Hausarbeiten zu schreiben oder Referate abzugeben sind, helfen die Trainer natürlich ebenfalls weiter – und schreiben das Thesenpapier oft kurzerhand selbst. Offiziell geben sich die Universitäten sehr bedeckt, wie viele dieser Heinzelmännchen auf ihren Lohnlisten stehen – aber "es dürften schon mehrere Dutzend pro Team sein", schätzt Sport-Forscher John C. Mowen.

Und wenn alles nicht mehr hilft, bleibt immer noch die Tränendrüse: "Ich bin immer gleich am ersten Tag zu den Profs hingegangen, hab mich brav vorgestellt und auf ihre Sympathie gehofft", beschreibt Dexter Manley seine Strategie. Anscheinend funktioniert sie: "Es zählt in dieser Uni-Kultur ja geradezu als Hochverrat, einen erfolgreichen Sportler wegen solcher Kleinigkeiten wie Mathe durchfallen zu lassen", beklagt ein Chemie-Prof.

Schließlich bezahlen viele Unis die Ausgaben für ihre Sportteams aus dem Werbeetat. Sie sehen die Footballer, Basketballer und ihre Kollegen in anderen Disziplinen als lebende Plakattafeln. Mit ihrem Erfolg steht und fällt das Image der ganzen Uni. Genauso wichtig wie objektive Leistungen in der Forschung ist ein guter "school spirit" - und der entsteht durch nichts schneller als eine erfolgreiche Sportmannschaft.

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