Rechtspopulisten an US-Uni Berkeley-Mitarbeiter rufen zum Boykott auf

Eine Studentenzeitung hat Rechtspopulisten zu einer "Woche der Redefreiheit" an die US-Uni Berkeley eingeladen. Mehr als 170 Uni-Mitarbeiter protestieren gegen die Aktion und sprechen von einem "Klima der Bedrohung".

Demonstranten in Berkeley
AP

Demonstranten in Berkeley


Zu Beginn des Herbstsemesters an der Universität Berkeley hat die konservative Studentenzeitung "The Berkeley Patriot" Rechtspopulisten zu einer so genannten "Free Speech Week" eingeladen. Die viertägige "Woche der Redefreiheit" soll am 24. September beginnen.

Auf der Rednerliste stehen unter anderem der rechtspopulistische Blogger und Trump-Anhänger Milo Yiannopoulos, die rechtskonservative Kolumnistin Ann Coulter und Donald Trumps früherer Strategieberater Steve Bannon.

Kritiker haben die Universitätsleitung dazu aufgerufen, die Auftritte der Provokateure zu verbieten. Sprechern, die Hass schürten, solle keine Plattform geboten werden. Doch die Kanzlerin der ultraliberalen Universität, Carol Christ, verweist in einem Brief an die Studentenschaft auf das Grundrecht der Redefreiheit.

Sie hatte zuvor ein "Jahr der Meinungsfreiheit" ausgerufen: Man müsse auch verabscheuenswerte Meinungen zulassen, die etwa intolerant oder rassistisch seien. Christ forderte auch zu friedlichen Gegendemonstrationen auf und kündigte ein großes Polizeiaufgebot auf dem Campus an.

170 Uni-Mitarbeiter rufen zum Boykott auf

Andere wollen den Campus während der so genannten "Free Speech Week" komplett meiden. Mehr als 170 Uni-Mitarbeiter und Lehrende haben zu einem Boykott der Aktion aufgerufen. Studenten sollten während dieser Zeit keine Seminare und Veranstaltungen besuchen, aus Protest und zur eigenen Sicherheit. Die Universität könne nicht erwarten, dass Studenten "in einem Klima von Schikane, Bedrohung, Gewalt und militarisierter Überwachung" auf den Campus kommen.

Wer alles nach Berkeley kommen wird, steht noch nicht fest. Zugesagt hat bislang aber bereits Milo Yiannopoulos. Der Journalist, der auch für die ultrarechte Seite "Breitbart News" schreibt und sich selbst "Amerikas gefährlichste Schwuchtel" nennt, provoziert schon mal vorab. "Auf dem verrücktesten Campus in Amerika" will er etwa debattieren, ob Feminismus und "die linke Monokultur in Silicon Valley" der freien Meinungsäußerung schaden.

Wegen Yiannopoulos gab es bereits Anfang des Jahres schwere Auseinandersetzungen an der renommierten Uni in Kalifornien. Die Gruppe republikanischer Studenten "Berkeley College Republicans" hatte Yiannopoulos damals eingeladen, um eine Rede auf dem Campus zu halten.

Daraufhin kam es zu gewaltsamen Protesten gegen den gebürtigen Briten, der mit verbaler Hetze vor allem gegen Frauen, Schwarze und Liberale vorgeht. Sogar US-Präsident Donald Trump drohte damit, der Uni Gelder zu entziehen. Die Polizei schritt ein, als maskierte Demonstranten Feuer legten, Scheiben einschlugen und Absperrungen niederrissen. Yiannopoulos' Rede wurde kurzfristig abgesagt.

Proteste gegen den geplanten Yiannopoulos-Auftritt im Februar 2017
AP

Proteste gegen den geplanten Yiannopoulos-Auftritt im Februar 2017

Berkeley ist inzwischen zum symbolträchtigen und umkämpften "Battleground" geworden, zum Schlachtfeld für Linke und Rechte. Erst in der vergangenen Woche musste die Polizei in voller Kampfausrüstung und mit Barrikaden anrücken, als der umstrittene Autor Ben Shapiro in Berkeley sprach.

Barbara Munker/dpa/him



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
peterpeterweise 21.09.2017
1. Ein Demokrat stellt sich anderen Meinungen
Es gab eine Zeit, da waren die Universitäten der Ort, an dem besonders frei disskutiert werden konnte. Selbst wenn Richter bestimmte linke Meinungen für kritisch hielten, durfte in Berkeley darüber disskutiert werden. Heute dürfen, selbst von US Richtern nicht beanstandete, rechte Meinungen auf dem Uni-Gelände nicht mehr geäußert werden. Die Universität verliert ihren Anspruch als Hüter von demokratischen Diskursen - schade.
dosmundos 21.09.2017
2.
Im Gegensatz zu Ben Shapiro (dessen Thesen man natürlich bei Weitem nicht teilen muss), haben Leute wie Bannon oder gar Clowns wie Coulter und Yiannopoulos nichts wirklich Gehaltvolles und Diskussionswürdiges zu sagen, sondern dienen lediglich als Showpferde von Rassismus und Intoleranz. Eine Universität kann nur gewinnen, wenn sie solchen Knallchargen erst gar kein Publikum bietet. Andererseits zeigt sich dann aber gerade bei Leuten wie Shapiro, dass die "intellectual liberals" leider schon längst die Fähigkeit verloren haben, gegenläufige Positionen auszuhalten und ihnen argumentativ zu begegnen. Das ist die Art Menschen, die zum Beispiel in Deutschland jeden sofort einen Nazi nennen, der das Akronym "AfD" nicht mit deutlich hörbarer Verachtung in der Stimme ausspricht...
Luka0105 21.09.2017
3. ad absurdum
Nicht die Demo als solche, sondern die Forderung nach einem Redeverbot, führt das Motto "Free Speech Week" ad absurdum und zeigt leider einen unschönen Trend, der sich hier nur auf eine extreme Art und Weise äußert. Meinungsfreiheit bestimmt sich nicht nach dem Grad der Akzeptanz der einzelnen Meinung und ist vor allem auch dann gestattet, wenn sie einzelnen oder der vermeintlichen Mehrheit nicht gefällt. Sie bestimmt sich auch nicht danach, ob sie gehaltvoll, wertvoll, "politisch korrekt", polemisch ist oder die Gefühle anderer verletzen könnte. Merkwürdigerweise sind wir uns hier scheinbar weitgehend einig, wenn es um Karikaturen geht, die andernorts wilde Proteste und Flaggenverbrennungen auslösen. Auch erlaubt die Meinungsfreiheit Reden streitbarer provozierender Personen. Dabei zeugen die Demonstranten mit ihrem Verhalten genau von dem, was sie Leuten wie Milo Y. vorwerfen: Verallgemeinerung und Hetze. Dabei gehen die Demonstranten gerade nicht mehr in die kritische argumentative Auseinandersetzung mit ihrem gegenüber, sondern halten diesem - bildlich gesprochen - den Mund zu. Wenn dieses Verhalten aber erfolgreich ist, gibt man sich der Illusion hin, solche Meinungen würden aufhören zu existieren. Im Gegenteil: sie werden in den Untergrund gedrängt und von den Anhängern ohne ein hinterfragen aufgenommen und faszinieren aufgrund ihres "Verbotenseins" einfache Geister noch mehr. Schließlich entsteht der Eindruck des "Meinungsdiktats". Genau dieser Trend führt meines Erachtens dazu, dass kaum jemand - auf der Straße angesprochen - am kommenden Sonntag eine extreme Partei wählen will und plötzlich die fraglichen Parteien zweistellige Werte erreichen.
tom_muster 21.09.2017
4.
Ich habe ehrlich keine Ahnung, was die umstrittenen Redner normalerweise von sich geben. Aber ist doch immer wieder erstaunlich, welche gleichen Gruppen immer wieder mit Gewalt und Repression versuchen, andere Meinungen zu unterdrücken. Wer da des Campus verwiesen werden muß ist ja offensichtlich.
hmoik 21.09.2017
5. Kompletter Unsinn
Man muss rechten Hetzern und Hobby Nazis eben kein Forum bieten. Rechtlich mag das sein (First Amendment), aber diese Vollpfosten müssen dann halt auch mit der Gegenwehr rechnen. Für sich Meinungs- und Redefreiheiheit in Anspruch nehmen und diese dann lauthals mit Füßen treten... "die Linken und Liberals beschneiden unsere Freiheiten"... und ständig fordern, dass der Einfluss Andersdenkender beschränkt wird. Vollpfosten eben. Fas wäre ja noch zu ertragen, aber eben auch Feinde der Demokratie. Und das macht sie halt gefährlich. Call them out. Call them what they are. Sagt der Amerikaner.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.