USA an Gaststudenten Ihr könnt zu Hause bleiben

Mit bürokratischen Schikanen schrecken die USA ausländische Forscher und Studenten ab, die Zahl der Bewerbungen bricht ein. Jetzt meutern die Universitäten gegen den harten Regierungskurs - "ein ernstes Problem für die Vereinigten Staaten", so Harvard-Chef Larry Summers in einem Brandbrief an Außenminister Powell.

Von , Cambridge


Kritisiert scharfe Visa-Auflagen: Harvard-Präsident Summers
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Kritisiert scharfe Visa-Auflagen: Harvard-Präsident Summers

Weil die Welt so gerne nach Harvard kommt, muss ein Harvard-Präsident immer auch gut repräsentieren können. Und da der aktuelle Hochschulchef Larry Summers groß und mächtig ausschaut und noch dazu als ehemaliger Clinton-Finanzminister ein sehr selbstbewusster Mensch ist, lässt sich bei Summers Händeschüttelterminen mit ausländischen Politikgewaltigen nicht immer so leicht erraten, wer denn nun ein echter Staatsmann ist und wer "nur" ein Hochschulvertreter.

Ganz staatsmännisch und auf Augenhöhe klang es denn auch vor ein paar Tagen, als Summers einen Brief an US-Außenminister Colin Powell schrieb. Die scharfe neue Visapolitik der USA, belehrte der Akademiker den höchsten Washingtoner Diplomaten, stelle eine große Bedrohung für die akademische Zukunft der Supermacht dar. "Wenn der Visaprozess so kompliziert und langwierig bleibt, laufen wir Gefahr, einige der begabtesteten Wissenschaftler zu verlieren und die Spitzenposition unseres Landes in technologischer Innovation zu gefährden." Im Stile eines Lageberichts zum Zustand der Nation resümierte Summers: "Das ist ein sehr ernstes Problem für unsere Studenten, für unsere Universität und letztendlich für die Vereinigten Staaten von Amerika."

Angst vor akademischem Aderlass

Die großen Worte scheinen durchaus angebracht. Denn als Reaktion auf die Terroranschläge am 11. September (damals reisten einige der Attentäter mit Studentenvisa ein) knüpften die USA an diese Aufenthaltsgenehmigungen umfangreiche Auflagen, und die entfalten abschreckende Wirkung.

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Silvia Kling

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90 Prozent aller Graduierteneinrichtungen in Amerika beobachten einen Rückgang bei Bewerbungen von internationalen Studenten - in Harvard etwa zieht sich das quer durch alle neun "graduate schools". Besonders massiv sind die Einbrüche von Bewerbungen aus China, die allein in Harvard um bis zu 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr abnahmen.

Deutlich weniger Interessenten kamen USA-weit auch aus muslimischen Ländern wie Saudi-Arabien (minus 29 Prozent), Pakistan (minus 28 Prozent) oder den Vereinigten Arabischen Emiraten (minus 23 Prozent). Selbst in südostasiatischen Staaten wie Thailand, Malaysia oder Indonesien hat die Begeisterung für ein Amerikastudium abgenommen - und während die Zahlen auf dem Graduiertenlevel besonders Besorgnis erregend sind, bleiben auch die Colleges nicht verschont.

Bis zu einem Jahr Wartezeit für Visum

Dort ist der Anteil ausländischer Studenten erstmals seit langer Zeit nur um weniger als ein Prozent gestiegen, nach stets weitaus höheren Zuwächsen in den Vorjahren. Das trifft eine Hochschullandschaft hart, die zwar einerseits am besten fremden Geist anzieht, sich andererseits aber auch besonders stark darauf verlässt. 20 Prozent des akademischen Lehrpersonals kommen aus dem Ausland, in Graduiertenprogrammen ist oft jeder zweite Kandidat Nicht-Amerikaner.

Starker Bewerberschwund: Uni Harvard
AP

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Die Gründe für den Rückgang muss man nicht lange suchen: Verschärfte Kontrollen bei der Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen haben dazu geführt, dass ausländische Studenten und Forscher im Schnitt bereits 67 Tage auf ein Visum warten müssen. Für Bewerber aus "kritischen Staaten" wie den Ländern im Mittleren Osten dauert der Prozess wegen ausgedehnter Interviews und Hintergrundrecherchen mitunter bis zu einem Jahr.

Die US-Zeitungen sind voll mit Geschichten von Studenten, die teilweise selbst von kurzen Heimatreisen in den Uni-Ferien nicht mehr rechtzeitig zum neuen Semester zurückkehren konnten - oder denen sogar wegen Behördenfehlern Gefängnis und Abschiebung drohen. Das neue Überwachungsprogramm SEVIS, mit dem die amerikanische Regierung beständig Nachforschungen zum Aufenthaltsort des Visumsinhabers betreiben kann, sorgt zudem ebenso für Unbehagen bei ausländischen Studenten und Forschern wie die Erfassung elektronischer Fingerabdrücke und Fotos bei jeder Einreise.

Aufwind für Europas Hochschulen?

Natürlich haben die USA nicht als einziges Land die Anforderungen für Studentenvisa verschärft. Neuseeland etwa führte ähnliche Vorkehrungen ein, Großbritannien ebenfalls. Doch zumindest die europäischen Bildungseinrichtungen könnten von der Entwicklung eher profitieren: So hoffen Wirtschaftshochschulen wie die London Business School oder INSEAD bereits auf hochkarätige Bewerber, die plötzlich nicht mehr nur vom MBA in Harvard träumen (die Zahl internationaler Bewerber an der Harvard Business School sank im vorigen Jahr von 10.379 auf 8526).

Thomas Friedman, einflussreicher Kolumnist der "New York Times", schlug deshalb auch schon Alarm, die Amerikaner würden technologisch ihren Vorsprung verspielen. Der politische Schaden sei jedoch fast noch schlimmer, warnt Friedman: "Wir könnten eine ganze Generation von Ausländern verlieren, die normalerweise in die USA zum Studium kämen und amerikanische Ideen oder Verbindungen nach Amerika mit nach Hause nehmen würden." Friedmans düstere Prognose über diesen Verlust an amerikanischer soft power: "In einem Jahrzehnt werden wir das an unserer Stellung in der Welt ablesen können."



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