Wohnen in der Studentenverbindung Freibier, aber kein Damenbesuch

25 Quadratmeter, 180 Euro, Uni-Nähe, das klingt für viele Studenten zu gut, um wahr zu sein. Doch es gibt die supergünstigen Angebote wirklich. Nur sind die Vermieter nicht jedermanns Sache: Verbindungen, die sich als normale WGs ausgeben, um Nachwuchs zu rekrutieren.
Studenten und Alkohol: Bei manchen Verbindungen wird heftig getrunken

Studenten und Alkohol: Bei manchen Verbindungen wird heftig getrunken

Foto: DB Eva Kopytto/ picture-alliance/ dpa

Georg K. ist notorisch knapp bei Kasse. Als der 27-Jährige in Trier Mathematik studieren wollte, musste ein günstiges Zimmer her. Möglichst zentral gelegen, im besten Fall fertig eingerichtet. Georg durchforstete Tageszeitungen und Anzeigenblätter. Ohne Erfolg.

Dann stieß er im Internet auf ein verlockendes Angebot: 25 Quadratmeter in der Innenstadt, möbliert, Internetflatrate, Wasser, Strom, Waschmaschine, Aufenthaltsraum - alles für schlanke 180 Euro. Dass es so etwas noch gab! Hatte da jemand ein Herz für bitterarme Studis wie ihn?

Georg war euphorisiert, so wie es derzeit viele Studenten sind, die im Internet auf Anzeigen wie diese stoßen: 20 Quadratmeter in einer Jugendstilvilla in München-Schwabing, Kastaniengarten vor der Haustür, 210 Euro. 14 Quadratmeter in Bonn-Poppelsdorf für 130 Euro. 150 Euro für 17 Quadratmeter in Hamburg-Rotherbaum, einem der edelsten Viertel der Hansestadt. Die Vermieter könnten 100 Prozent draufschlagen und würden wohl immer noch überrannt. Wegen der doppelten Abiturjahrgänge strömen so viele junge Menschen an die Hochschulen wie noch nie. Besonders in Städten mit hoher Studentendichte wie München, Freiburg, Heidelberg oder Münster ist bezahlbarer Wohnraum daher Mangelware.

Heizung kaputt? Dach undicht? NPD-Büro?

Wo ist also der Haken bei solchen Billigbuden? Heizung kaputt? Dach undicht? Proberaum einer Death-Metal-Band im gleichen Haus? NPD-Büro im Erdgeschoss? Nicht ganz so schlimm. Die Anzeigen stammen allesamt von Studentenverbindungen und Burschenschaften. Die versuchen, über supergünstige Zimmer in ihren Verbindungshäusern an neue Mitglieder zu kommen.

Die Wohnraumoffensive fällt in eine Zeit, da der Ruf der Gruppierungen mal wieder beträchtlich gelitten hat. Grund ist ein Streit beim Burschentag in Eisenach, als liberalere Gruppierungen den Chefredakteur der Verbandszeitschrift absetzen wollten - und überstimmt wurden. Der Mann, Vorstandsmitglied der ultrakonservativen "Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn", hatte den evangelischen Pastor Dietrich Bonhoeffer, Widerstandskämpfer in der NS-Zeit, als "Landesverräter" bezeichnet. Der Zoff ging durch die Presse.

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Deutscher Burschentag: Der Eklat von Eisenach

Foto: dapd

Eine solche Berichterstattung erschwert die Nachwuchssuche. Viele Verbindungen geben sich daher in den Anzeigen zunächst nicht zu erkennen - erst bei der Besichtigung erfährt man, wer der künftige Vermieter sein wird.

Wie die Verbindungen sich als normale WG ausgeben

"Wir schreiben mit Absicht nicht in die Anzeige, dass wir eine Verbindung sind, sondern werben als normale WG", räumt Michael I. ein, Mitglied des Katholischen Studentenvereins "Unitas-Salia" in Bonn, der in den vergangenen Monaten gleich mehrere Zimmer an junge, christliche Männer zwischen 19 und 26 Jahren vermieten wollte.

Das Versteckspiel gelingt zunächst - meist kommen Dutzende zur Zimmerbesichtigung, und die Verbindungsstudenten geben sich alle Mühe, eine Wohlfühlatmosphäre herzustellen. Funktioniert aber längst nicht immer: Sobald sie hörten, dass es sich um ein Verbindungszimmer handele, "würden die Leute sehr skeptisch", sagt Michael. Viele gingen wieder.

Georg K., der arme Student aus Trier, ist einer von denen, die sich nicht abschrecken ließen - zunächst jedenfalls. Das Preis-Leistungs-Verhältnis war einfach zu gut. Georg zog "aufs Haus" - und war in den ersten Monaten durchaus angetan vom Zusammenleben in der katholischen Gruppe.

Man bemühte sich sehr um den neuen Bewohner, schließlich sollte der ja irgendwann auch der Verbindung beitreten. "Ich bekam alle Getränke umsonst, es war immer jemand da, mit dem ich ein Bier trinken konnte", erzählt er. Irgendwann schwante ihm allerdings, dass das Leben in einer Verbindung doch recht speziell sein könnte. Ein Mitbewohner wurde gebeten, ein linkspolitisches Plakat abzuhängen, außerdem passte den Kollegen Georgs regelmäßiger Damenbesuch nicht. Da war das Maß voll - auf Freundinnen wollte er nicht verzichten. Georg zog aus. Jetzt wohnt er nicht mehr ganz so günstig und ohne Freibier. Dafür aber mit nettem Besuch.

Kandidaten-Grill
Foto: Nico Semsrott

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