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25. September 2008, 15:21 Uhr

Vergleichs-Report "Eurostudent"

Deutschlands Studenten sind ein elitärer Zirkel

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Italiens Studenten sind Muttersöhnchen, Portugiesen parlieren fließend mehrsprachig - und Deutschland schreckt Auf- und Quereinsteiger ab. Ein neuer Uni-Atlas vermisst den Campus Europa: Wer darf studieren, wie fleißig sind die Studenten, wie und wovon leben sie?

Wissenschaftliche Werke sind, vorsichtig formuliert, nicht immer von praktischem Nutzen. Wenn aber Dominic Orr, Hochschulforscher aus Hannover, am Freitag eine neue Studie vorstellt, dürfen sich Studenten in ganz Europa freuen: Sein Report erleichtert die Partnersuche.

Eurostudent: Kreuz und quer durch Europa
Deutsches Studentenwerk

Eurostudent: Kreuz und quer durch Europa

Auf Seite 19, ganz unten, finden sich die aktuellen Single-Charts. Eine übersichtliche Grafik zeigt, in welchen Ländern nur wenige Hochschüler bereits in festen Händen sind. Besonders Italiener, Portugiesen und Spanier sind demnach ungebunden. 90 Prozent oder mehr bezeichnen sich als Single. Die Deutschen hingegen geben sich außergewöhnlich bieder. Nicht einmal die Hälfte der Studenten, nur 43 Prozent, gibt an, weder verheiratet zu sein noch einen festen Partner zu haben.

Drei Jahre lang haben Orr und seine Kollegen von der hannoverschen Hochschul-Informations-System GmbH unterschiedlichste Daten aus Europa zusammengetragen und ausgewertet. Gefördert von Bundesbildungsministerium und EU-Kommission, ging es ihnen um mehr als Forschungen zum Familienstand. Herausgekommen ist ein Hochschul-Atlas, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Der große Report "Eurostudent" vergleicht die soziale und wirtschaftliche Lage der Hochschüler in 23 europäischen Staaten.

Wie gerecht geht es in Deutschland zu?

An diesem Freitag werden die Forscher ihren Bericht in Berlin vorstellen und damit vermutlich die nächste Runde der großen Debatte einläuten, die kurz vor dem Bildungsgipfel von Bund und Ländern im Oktober immer lauter geführt wird: Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Bestimmt die Herkunft und nicht die Begabung, ob jemand studiert?

Die Studie macht deutlich, dass die deutschen Hochschulen nach wie vor ein exklusiver und elitärer Zirkel sind. Auf- und Quereinsteiger sind hierzulande seltener zu finden als in vielen anderen europäischen Staaten.

Verfügt der Vater nicht über ein Uni-Diplom, studieren in Deutschland die Kinder seltener als etwa in den Niederlanden oder in Finnland. Auch in der Schweiz ist es deutlich wahrscheinlicher als in Deutschland, dass ein Kind ein Studium aufnimmt, wenn sein Vater selbst nur eine niedrige Qualifikation besitzt. Wenig tröstlich erscheint es da, dass wenigstens ein Land konsequent schlechter abschneidet als die Bundesrepublik – das postkommunistische Bulgarien (siehe Grafiken).

"Bislang eine homogene Gruppe"

Ähnlich schwer scheinen es auch Quereinsteiger in Deutschland zu haben. Zwar führen mittlerweile auch hierzulande verschiedene Wege an die Hochschulen. Die Forscher legten aber besonders strenge Maßstäbe an und fragten, inwieweit Berufserfahrung das Abitur oder einen vergleichbaren Abschluss ersetzen könne.

Sie kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis: In Deutschland hat nur jeder hundertste Student einen solchen Lebenslauf. In Großbritannien, der Schweiz oder Norwegen liegt die Quote deutlich höher.

Das soll sich allerdings ändern. Auf dem Bildungsgipfel im Oktober wollen Bund und Länder beschließen, mehr Studenten an die Hochschulen zu locken. Ein "Aufstiegspaket" solle geschnürt werden, heißt es in einem vorläufigen Konzept für den Gipfel. Die Politiker wollen demnach beschließen, dass "der allgemeine Hochschulzugang für Meister, Techniker, Fachwirte und Inhaber gleichgestellter Abschlüsse" leichter möglich wird.

Italiens Studenten: Große Mehrheit wohnt bei den Eltern

Wer einen Berufsabschluss besitzt und mindestens drei Jahre gearbeitet hat, soll einfacher mindestens einschlägige Fächer studieren dürfen. Das Ziel: deutlich mehr Studenten ohne Abitur schon in vier Jahren. Zudem könnten sich Bund und Länder darauf einigen, "die Entwicklung von praxisnahen und berufs- und ausbildungsbegleitenden Studiengängen" voranzutreiben, wie es in dem Entwurf heißt.

Werden diese Pläne Wirklichkeit, müssen sich die deutschen Hochschulen umstellen. Die Professoren wären dann mit mehr Studenten neuen Typs konfrontiert. "Bislang haben sie es mit einer vergleichsweise homogenen Gruppe zu tun", sagt Forscher Orr. Viele Studenten haben eben einen ähnlichen sozialen Hintergrund, fast alle studieren Vollzeit, und die Einkommensunterschiede zwischen ihnen sind relativ gering. Die traditionelle Universität als elitäre Gelehrtenanstalt lebt in Deutschland stärker als in anderen Ländern fort.

Vermutlich 2011 wird sich zeigen, inwieweit die deutschen Hochschulen diesen Sonderweg fortsetzen. Dann soll der nächste Report erscheinen. Die Deutschen werden dann auch sehen können, ob ihre Studentenschaft weiterhin knapp mehrheitlich männlich ist; die Bundesrepublik ist nur einer von vier Staaten mit mehr Studenten als Studentinnen. Und die Italiener, Spanier und Portugiesen werden wissen, ob sich das Paarungsverhalten dem europäischen Durchschnitt annähert und mehr Studenten in festen Beziehungen leben.

Dagegen könnte ein anderes Ergebnis der Studie sprechen. In den drei Süd-Staaten leben überdurchschnittlich viele Hochschüler noch zu Hause. Besonders die Italiener sind Muttersöhnchen, fast drei Viertel von ihnen wohnen bei den Eltern oder anderen Verwandten. Die große Mehrheit, auch das zeigt die Studie, ist damit glücklich und zufrieden.

Eurostudent: Eine Frage der Herkunft

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Die große Frage der deutschen Bildungspolitik lautet: Haben alle die gleichen Chancen, oder ist die akademische Karriere eine Frage der Herkunft? Die Antwort der Eurostudent-Studie fällt nicht günstig aus für Deutschland. Die Verbindung zwischen Bildungsabschluss des Vaters und Bildungsabschluss der Kinder ist deutlich enger als in anderen Ländern.

Mit anderen Worten: Wenn der Vater einen niedrigen Bildungsabschluss hat, ist es in Deutschland unwahrscheinlicher als in anderen Ländern, dass seine Kinder auf einer Universität landen. In den Niederlanden, Spanien und Finnland besteht eine solche Eltern-Kind-Bindung praktisch nicht.

Was sich in Deutschland ändern sollte, wird seit Jahrzehnten und spätestens am 22. Oktober 2008 wieder diskutiert. Dann kommen alle zusammen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Bildungsgipfel gebeten hat. Das Thema lautet: "Aufstieg durch Bildung".

Quereinsteiger: Auf Umwegen an die Uni

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Darf hier eigentlich jeder studieren? Diese Frage stellen sich genervte Professoren zuweilen. Die Autoren der Eurostudent-Untersuchung wollten etwas Ähnliches wissen. Sie fragten in den europäischen Ländern nach, ob Berufserfahrung das Abitur oder einen vergleichbaren Abschluss ersetzen können – ob also jemand studieren könnte, der erfolgreich arbeitet, aber nicht den nötigen Bildungsabschluss besitzt.

In Deutschland regeln das die Bundesländer. Es ist durchaus möglich, ohne Abitur zu studieren - allerdings kommt es vergleichsweise selten vor. Nur ein Prozent der Studenten kommt auf diese Weise an die Hochschulen. Andere Länder geben sich deutlich offener. In England, Estland und Schottland haben mehr als zehn Prozent der Studenten einen solchen ungewöhnlichen Hintergrund.

Allerdings gibt es auch hierzulande mittlerweile etliche Möglichkeiten neben dem Abitur, an die Hochschulen zu gelangen. Bestes Beispiel ist die Fachhochschulreife. Wenn Kanzlerin Angela Merkel und ihre Gäste sich am 22. Oktober zum Bildungsgipfel treffen, wollen sie auch über Umwege an die Uni sprechen – und die Hürden vermutlich ein wenig senken.

Fremdsprachen: Rien ne va plus

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Der Student von heute parliert mühelos in diversen Sprachen? Weit gefehlt. Die deutschen Studenten behaupten zwar fast alle von sich, dass ihr Englisch ein mindestens akzeptables Niveau hat. Darüber hinaus aber gilt: Rien ne va plus. Französisch beherrschen nach eigener Einschätzung nur 11 Prozent fließend, Spanisch 5 Prozent.

Wer zwei Fremdsprachen fließend spricht, gehört in allen europäischen Staaten zu einer Minderheit. Eine Ausnahme bildet nach der Eurostudent-Studie allein Portugal. Hier sind es 53 Prozent der Studenten, die zwei Fremdsprachen beherrschen. Weil aber jeder seine Sprachkenntnisse selbst einschätzen durfte, bleiben zwei Möglichkeiten: Die Portugiesen sind tatsächlich besonders sprachbegabt – und einfach nur besonders unbescheiden.

Fremdsprache erster Wahl ist, wenig überraschend, Englisch. "Der Prozentsatz der Studenten, die ihr eigenes Niveau als akzeptabel beurteilen, ist bemerkenswert hoch: über 70 Prozent in allen Ländern außer Bulgarien, Estland und Slowakei", heißt es in der Eurostudent-Studie.

Auslandsstudium: Heimweh und andere Hindernisse

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Ein Auslandsstudium ist längst eine Selbstverständlichkeit? Die Antwort mancher Arbeitgeber lautet: ja. Die Antwort der meisten Studenten aber ist ein klares Nein. Nur ein Minderheit macht sich auf den Weg über die Grenze. An der Spitze liegen die Norweger. 19 Prozent von ihnen haben bereits im Ausland studiert, ein Praktikum gemacht oder einen Sprachkurs besucht. Gleich danach kommen die Deutschen, 17 Prozent haben entsprechende Erfahrungen vorzuweisen. Betrachtet man nur die Praktika und ähnliche Berufserfahrungen, sind die Deutschen sogar Europameister. 8 Prozent, also ungefähr jeder zwölfte Student, hat schon im Ausland gearbeitet.

Was die anderen davon abhält, in fremde Länder aufzubrechen, ist nicht unbedingt Heimweh. Tatsächlich können sich viele Studenten einen Auslandsaufenthalt nicht so einfach leisten. "Finanzielle Beschränkungen können eine hohe Mobilitätshürde darstellen", heißt es in der Eurostudent-Studie. Die Zahlen zeigen, dass Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss im Vorteil sind. Sie gehen häufiger ins Ausland als andere Studenten.

Zeitfragen: Von Strebern und Faulenzern

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Wo leben die fleißigsten Studenten Europas? Die Rumänen liegen an der Spitze. Sie geben an, dass sie 41 Stunden pro Woche fürs Studium aufwenden. Das sind immerhin sieben Stunden mehr als die Deutschen, die mit 34 Stunden pro Woche auskommen. Am faulsten erscheinen auf den ersten Blick die Esten und die Slowaken. Sie zählen gerade nur 25 Stunden pro Woche für Vorlesungen, Seminare und Eigenstudium.

"Verglichen mit der normalen Arbeitsbelastung von Arbeitnehmern erscheint der Zeitaufwand für akademische Studien weniger intensiv", heißt es in der Eurostudent-Studie. Allerdings geben die Forscher zu bedenken: Viele Studenten haben neben dem Studium einen Job. Rechnet man diese Arbeitszeit hinzu, müssen Litauer und Letten als besonders fleißig gelten. Ihnen bleibt nur wenig Freizeit neben den 63 beziehungsweise 59 Stunden, die sie arbeiten oder studieren müssen.

Den Deutschen geht es im Durchschnitt sehr gut, sie liegen nur knapp über einer 40-Stunden-Woche. Zu ihren 34 Stunden Studium kommen nur sieben Stunden Job.

Paarungsverhalten: Die Single-Charts

Grafik: DER SPIEGEL; Quelle: "Eurostudent 2005 - 2008"
Wie paaren sich die europäischen Studenten? "Die große Mehrheit der Studenten in jedem Land ist nicht verheiratet", heißt es in der Eurostudent-Studie. Nichtdestoweniger konstatieren die Forscher "sehr große Differenzen in den Studentenschaften der verschiedenen Länder".

An deutschen Hochschulen etwa gibt es außergewöhnlich wenige Singles. Nur 43 Prozent der Studenten haben weder einen Ehe- noch einen sonstigen Partner.

Ganz anders die Italiener. Fast alle sind nach eigenen Angaben noch Single. Ähnlich ungebunden geben sich die Portugiesen, Schotten und Spanier.

Wohnen: Raus aus dem Haus

Grafik: DER SPIEGEL; Quelle: "Eurostudent 2005 - 2008"

Deutsche Studenten zieht es von zu Hause fort. Weniger als ein Viertel lebt bei Eltern oder Verwandten. In Spanien, Portugal oder Italien hingegen schlüpfen die meisten Studenten bei Verwandten unter – oder bleiben gleich zu Hause wohnen.

Die Plätze in Wohnheimen sind hierzulande vergleichsweise rar. Nur jeder neunte Student hat dort ein Zimmer. In Bulgarien ist es fast jeder zweite (46 Prozent), in Finnland fast jeder Dritte (29 Prozent), in den Niederlanden immerhin noch mehr als jeder vierte (27 Prozent).

Und wo leben nun die deutschen Studenten? 65 Prozent haben ein eigenes Zimmer oder eine eigene Wohnung. Dass die deutschen Studenten deswegen glücklicher sind als andere, lässt sich übrigens nicht behaupten. Insgesamt zeigen sich nur 59 Prozent mit ihrem Zuhause zufrieden – deutlich weniger als in fast allen anderen Ländern.

Geld: Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

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Ein Studium kostet Geld. Der Staat, die Familie, ein Job – das sind die drei wichtigsten Möglichkeiten. Der Eurostudent-Report zeigt, wie unterschiedlich wichtig sie in den europäischen Staaten sind.

In der Slowakei gibt's nichts vom Staat, die Studenten finanzieren sich hauptsächlich über ihre Jobs. Ganz anders in Schweden. Hier ist Vater Staat der wichtigste Geldgeber, die staatlichen Leistungen sind fast doppelt so wichtig wie Zahlungen der Familie und Einkünfte aus Jobs zusammengenommen.

In Deutschland sind die Eltern die wichtigsten Geldgeber. Direkte Zahlungen vom Staat wie Bafög-Leistungen spielen insgesamt gesehen nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings begünstigt der Staat das Studium auch auf indirektem Weg: Ihre Eltern profitieren von Kindergeld oder Steuerfreibeträgen, die Kinder von der Unterhaltspflicht.

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