Versager an der Uni "Heinrich Heine fuhr den Laden an die Wand"

Uni-Loser Felix Dachsel, 28, quält sich mit Germanistik. Quellen, Kataloge und Signaturen vermiesen ihm den Tag. Bis er feststellt: In seinem Alter versagten schon Dichter, die später sehr berühmt wurden.

Langeweile in der Bib (Archiv): "Das muss ein Zeichen sein"
Corbis

Langeweile in der Bib (Archiv): "Das muss ein Zeichen sein"


In den ersten Wochen meines Studiums bildete sich ein Muster meines wissenschaftlichen Arbeitens heraus: Alles beginnt mit Google. Und alles endet mit Google. In der zweiten Sitzung des Germanistikseminars sollten wir Quellen zu Heinrich Heines "Wintermärchen" suchen. Natürlich scheiterte ich.

Ich setzte mich in der Bibliothek an meinen Laptop und tippte zwei Wörter ein: Heinrich Heine. Ich fand die Homepage eines Anbieters für exklusive Damenmode: "Für die moderne Frau bietet Heine ein außergewöhnliches Einkaufserlebnis und bringt Besonderes in jeden Tag." Ich erfuhr, dass es in Berlin ein Hotel mit dem Namen Heinrich Heine gibt. Eine Übernachtung kostet 72 Euro. Bei der Bildersuche erschien das feine Gesicht eines Jünglings, der offenbar nie gelacht hat. Aber so ist das: Schlaue Menschen gucken oft ernst.

In seinem Wikipedia-Eintrag erfuhr ich, dass Heine als der "letzte Dichter der Romantik" gelte und "zugleich als deren Überwinder". Das muss man erst mal schaffen: so nebenbei eine Epoche beenden. Respekt. Ich las, dass Heine in jungen Jahren Praktikant bei einer Bank gewesen sei, aber da er offenbar ein schlechter Praktikant war, richtete ihm sein Onkel ein Tuchgeschäft ein, die "Harry Heine & Comp.". Heinrich Heine fuhr den Laden innerhalb kürzester Zeit an die Wand, weil er lieber dichtete, als Tücher zu verkaufen.

Missratene Biografie

Man kann seine Biografie also in folgendem Satz zusammenfassen: Heinrich Heine begann als Leistungsverweigerer und endete als der letzte Dichter der Romantik. Da hat er doch mal rechtzeitig die Kurve bekommen. Wäre Heinrich Heine Teil der Generation Praktikum, dann würde er nach seinem missglückten Praktikum bei der Bank ein missratenes Praktikum bei einer Werbeagentur machen, dann ein unglückliches Praktikum bei RTL, dann ein langweiliges Praktikum im Düsseldorfer Landtag, dann ein ereignisloses Praktikum in der PR-Abteilung der Lufthansa, und zum Schluss würde er in einem Berliner Café am Rosenthaler Platz sitzen und davon erzählen, dass er da ein großes Projekt plane. Habe was mit Poesie zu tun. Er dürfe da noch nichts erzählen. Nur so viel: Es werde ein ganz großes Ding.

Ich klappte meinen Laptop zu, ging durch die Bibliothek und atmete ein. Im Erdgeschoss roch es nach Staub, Schweiß, frisch gemähtem Gras, Kaffee. Ein Windstoß wehte durch die Regalreihen. Ich nahm Bücher aus den Regalen und blätterte sie durch, als seien sie ein Daumenkino. Der Geruch, der mir entgegenkam, war mir vertraut. Die Bücher rochen nach Grundschule, nach Gymnasium. Sie rochen nach Karten von 1871, nach Tafelkreide und nach meinem Geschichtslehrer aus der achten Klasse.

Ich gab den Namen "Heinrich Heine" im Onlinekatalog der Bibliothek ein, dann das Wort "Wintermärchen". Ich notierte Codes, die mich zu den gesuchten Büchern führen sollten. Ich musste in den zweiten Stock, und als ich in der richtigen Regalreihe angekommen war und in meine Hosentasche griff, bemerkte ich, dass ich den Zettel unten liegen gelassen hatte. Ich ging zurück - aber der Zettel lag nicht mehr auf seinem Platz. Das musste ein Zeichen sein: Ich sollte jetzt meinen Rucksack nehmen und gehen. Ich hatte alles getan, was ich tun konnte.

In meinem Alter versagte Heinrich Heine gerade als Praktikant bei einer Bank, da musste ich doch jetzt nicht den Ehrgeiz haben, gleich in der zweiten Woche meines Studiums auf Anhieb das richtige Buch zu finden, das wäre doch übertrieben. Ich setzte meinen Rucksack auf, nickte den Regalreihen zu, als könnten sie mich sehen, und ging hinaus ins Sonnenlicht.

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