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Wütende Studenten in Mexiko: "Wir können die Steine neu erfinden"

Foto: Sonja Peteranderl

Verschleppte Studenten in Mexiko Das Schweigen ist zu Ende

Zu Hunderttausenden protestieren die Mexikaner, seit in Iguala 43 junge Demonstranten von der Polizei beschossen wurden und dann verschwanden. Drei Studenten erzählen, warum sie sich wehren und was ihnen Hoffnung gibt.

"Lebend haben sie sie mitgenommen, lebend wollen wir sie wieder", rufen Studenten bei einem Protest in Mexiko-Stadt immer wieder. Sie wollen wissen, was mit den 43 Studenten geschehen ist, die seit Ende September verschwunden sind. Sie sind längst ein Symbol für all das geworden, was in Mexiko nicht stimmt.

Studenten eines linken Lehrerkollegs aus Ayotzinapa waren damals in gekaperten Bussen auf dem Weg zu einer Demonstration. Sie waren gerade in Iguala angekommen, als sie von der Polizei beschossen wurden - die mutmaßlichen Täter sagten später aus, sie hätten auf Befehl des Bürgermeisters und seiner Frau gehandelt. Beide wurden mittlerweile verhaftet. Ihren Aussagen zufolge soll die Polizei 43 Studenten an die Handlanger eines lokalen Drogenkartells übergeben haben, seitdem fehlt von den jungen Männern jede Spur. Mittlerweile werden rund um Iguala Massengräber ausgehoben, auch Plastiktüten mit menschlichen Überresten sind aufgetaucht, die ein Forensisches Institut in Österreich gerade prüft.

Seit Wochen gehen im ganzen Land Hunderttausende auf die Straße, wütende Demonstranten zünden Regierungsgebäude an und blockieren Straßen - viele protestieren aber auch friedlich oder mit kreativen Aktionen.

Drei junge Mexikaner erzählen, warum sie Teil der Proteste sind.

Gabo, 28 : "Sie haben dem Tod einen Namen gegeben"

Foto: Sonja Peteranderl

Für Gabo haben die Studenten die Gewalt in Mexiko greifbar gemacht: "Mit den 43 hat der Tod aufgehört, nur eine Zahl zu sein", sagt der Student. "Sie haben dem Tod einen Namen gegeben und ein Gesicht." Jeder kennt die Verschwundenen jetzt, junge Männer mit kurzgeschnittenen Haaren, die ernst blicken und deren Schwarz-Weiß-Fotos überall sind: auf Plakaten, Flyern, sie kleben als Riesenposter auf dem Zócalo, dem zentralen Platz in Mexiko-Stadt, werden auf Twitter und Facebook verschickt.

Die Möglichkeit, im Internet alles zu dokumentieren, was passiert, hätte das Ausmaß der Verbrechen in den vergangenen Jahren zunehmend sichtbar gemacht, sagt Gabo. Der 28-Jährige ist Künstler, besonders politisch war er lange nicht - jetzt protestiert er, weil ihn "die unglaubliche Straflosigkeit" entsetzt. Die Aufklärungsquote von Verbrechen in Mexiko ist minimal und ermöglicht Machtexzesse von Kriminellen, aber auch korrupten Politikern, Militär und Polizei.

Auch wirtschaftliche Interessen würden hinter dem Verschwinden der 43 stecken: "Die Studenten aus Ayotzinapa kämpfen für ihre Erde und ihr Land", sagt Gabo. "Und Mexiko soll sich wie China in ein Land voller Fabriken verwandeln." Studenten, die protestieren, geraten ins Visier des Staates: Viele seien in den vergangenen Wochen verhaftet worden - obwohl sie nichts getan hätten als zu protestieren. "Student zu sein, jung zu sein, ist ein Verbrechen", sagt Gabo.

Paola, 23 : "Ich habe gar nichts gedacht"

Foto: Sonja Peteranderl

Wenn Paola sich an den Moment erinnert, in dem sie von der Massenentführung in Iguala erfuhr, ist sie immer noch schockiert - über sich selbst. "Ich habe gar nichts gedacht", sagt die 23-Jährige. "Es hat sich normal, alltäglich angefühlt."

Das Verbrechen erschien ihr erst wie eines von Hunderten, die in Mexiko geschehen und folgenlos bleiben: Entführungen, Folter, Morde, die oft so brutal sind, dass Grausamkeit viele kaum noch überrascht - solange sie nicht selbst betroffen sind. "Die Menschen in Mexiko handeln nicht, sie wehren sich nicht", sagt Paola. Ihnen fehle das Selbstbewusstsein, gegen Autoritäten zu rebellieren, glaubt sie. "Das Land gehört der Elite, aber die geht nicht auf die Straße."

Zwei Wochen nach dem Verschwinden der Studenten kam eine Freundin an der Universität auf Paola zu, sie sagte, dass sie etwas unternehmen müssten - erst da fragte Paola sich: Warum habe ich nichts getan? "Mir ist klargeworden, dass auch ich Teil dieses Mexikos bin, der nicht protestiert, der geschwiegen hat", erinnert sie sich. "Das Verbrechen hat sich erst in einen Skandal verwandelt, als wir angefangen haben, etwas zu tun."

Zum ersten Mal in ihrem Leben engagiert sie sich politisch, geht zu Demos, hilft mit, Protestaktionen zu koordinieren. Auch mit Theater spielt sie gegen die soziale Krise in Mexiko an, um die Mexikaner wachzurütteln: "Ich möchte meine Kunst auf etwas konzentrieren, was wirklich gebraucht wird." Zeit zum Schlafen hat Paola kaum mehr, weil sie Protest und ihr Studium vereinen muss. "Aber ich muss einfach etwas tun."

Marco, 28 : "Sachen verbrennen passt nicht zu mir"

Foto: Sonja Peteranderl

"Ich habe mich immer für Politik interessiert, aber mich nicht beteiligt", sagt Marco, der Visuelle Kunst studiert. "Die Parteipolitik hat mich abgeschreckt." Doch für soziale Bewegungen engagiert er sich: Als der mexikanische Schriftsteller Javier Sicilia 2011, nach der Ermordung seines Sohnes, einen Marsch für den Frieden initiierte, lief auch Marco mit.

Zur Zeit ist er Sprecher einer Studentenvereinigung, organisiert Performances und zeichnet - "um die Probleme aufzudecken und einen Dialog mit den Menschen zu initiieren". Er glaubt, dass es wichtig ist, eine neue Sprache zu finden, um Menschen zu erreichen, einen Ton, der nicht nach Propaganda klingt. Gewalt lehnt er ab: "Ich will keine Sachen verbrennen, das passt nicht zu mir", sagt er. "Wir sind nicht dazu ausgebildet worden, um Steine zu werfen - wir haben das Genie, um die Steine neu zu erfinden."

Viele fordern jetzt den Rücktritt des Präsidenten Enrique Peña Nieto, doch Marco glaubt, dass diese Lösung zu simpel wäre. "Wir können aber einen Dialog erzwingen und die Politik in Frage stellen", sagt er.

Die Proteste seien wichtig, weil sie den Mexikanern zeigen, dass sie nicht allein sind - gerade entstehe ein neues Gemeinschaftsgefühl. Darüber hinaus müssten die Demonstranten aber Strategien entwickeln, eine neue Art der Politik. "Die Menschen um mich herum wollen Vorschläge machen, partizipieren", sagt Marco. "Wir schreiben gerade an unserer Geschichte mit."

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