Verschuldete US-Absolventen Böses Erwachen nach dem Studium

Für manche deutschen Bildungspolitiker sind die USA ein leuchtendes Vorbild. Doch dort steigen die Studiengebühren und schrumpfen die Stipendien, junge Akademiker häufen horrende Schulden an. Viele wohnen aus Not wieder bei den Eltern - und ein Zahnarztbesuch ist Luxus.


"Ich habe 34.000 Dollar Schulden. In sechs Monaten muss ich mit der Rückzahlung anfangen. Im November kommen die ersten Rechnungen. Ich muss monatliche Zahlungen machen, bis alles abgezahlt ist." Schulden durch Studiengebühren belasten Daniel Morgan Shelley, einen angehender Schauspieler, der kürzlich seinen Studienabschluss von der renommierten Juilliard School in Manhattan feierte.

Examensfeier (in Miami): Ein Sack voller Schulden
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Examensfeier (in Miami): Ein Sack voller Schulden

Ein klassischer Fall, sagt Joan Warren, Dekanin für finanzielle Unterstützung bei Juilliard. Hintergrund sind explodierende Studiengebühren und stagnierende Förderprogramme der amerikanischen Regierung. Ein Studium in den USA kostet heute doppelt so viel wie vor 16 Jahren: im Schnitt 21.000 Dollar pro Jahr für eine private, 12.000 Dollar für eine staatliche Universität.

Die Absolventen finanzieren ihr Studium aus unterschiedlichen Geldquellen, haben aber nach vier Jahren im Durchschnitt 18.000 Dollar Schulden. Studenten mit einem Masters-Abschluss haben 30.000 Dollar Schulden. Nach dem Studium kommt es zum bösen Erwachen.

Mondsummen als Studiengebühren

"Beim Abschluss sind viele Studenten über ihre hohen Schulden überrascht: 'Ich wusste gar nicht, dass ich mir 20.000 Dollar geliehen habe.' Das macht mir Sorgen, weil unsere Studenten oft freiberuflich tätig sind", so Joan Warren. "Ich habe Angst, dass sie sich übernommen haben und nicht alles zurückzahlen können."

Eine brenzlige Situation. Schon seit drei Jahren hat die US-Regierung die Gelder für den Pell Grant, das größte staatliche Stipendium für finanziell schwach gestellte Studenten, nicht mehr erhöht. Im Höchstfall können Studenten 4050 Dollar pro Jahr ergattern - viel zu wenig für Juilliard, wo das Studium jedes Jahr 25.000 Dollar kostet. Zusehends suchen auch immer mehr Studenten aus der Mittelschicht nach Finanzierungshilfen.

"Am meisten sorge ich mich um Mittelklassefamilien, die keine Förderungsmittel vom Staat oder der Universität bekommen und zumindest auf dem Papier nicht so hilfsbedürftig aussehen", sagt Warren. "Diese Familien tun jetzt viel mehr, um andere Stipendien zu bekommen. Wir beobachten, dass sich diese Eltern und Studenten immer mehr Geld borgen müssen."

Eine halbe Million Dollar für das College

Auch wer nach dem Studium einen gut bezahlte Stelle bekommt, spürt die finanzielle Belastung, sagt Jennifer DeLong, Leiterin des College-Sparprogramms der Wall-Street-Firma Alliance Bernstein, das sieben Milliarden Dollar verwaltet.

Vielen Berufsanfängern fehle Geld für das Nötigste: "Die 20-Jährigen, die ihr Studium mit Schulden abgeschlossen haben und hier arbeiten, sagen, dass ein Besuch beim Zahnarzt ein Luxus ist, den sie sich nicht erlauben können. Es ist beängstigend."

Eine Umfrage ihrer Firma unter 1500 Absolventen im Alter von 21 bis 35 Jahren lässt aufhorchen: Ein Drittel der Akademiker musste aus Geldmangel nach dem Studium wieder bei den Eltern einziehen. In Niedrigstlohnberufe wie Lehrer oder Sozialarbeiter einzusteigen, können sich immer weniger erlauben. 28 Prozent haben die Entscheidung zum Kind auf Eis gelegt. 44 Prozent können den Traum vom eigenen Haus nicht verwirklichen.

"Offenbar müssen sie ihre Jugend verlängern. Rituale des Erwachsenwerdens, auf die sich jeder freut, werden hinausgeschoben", sagt Jennifer DeLong. Die Bankerin ist sich sicher, dass die Studiengebühren in den USA auch in Zukunft drastisch nach oben klettern. Deshalb hat sie nach der Geburt ihrer Kinder sofort ein Sparkonto eingerichtet. Ob das reicht, bleibt allerdings offen.

Jennifer DeLong: "Für mein Baby kostet der Besuch einer staatlichen Universität in 18 Jahren wahrscheinlich 125.000, einer privaten Universität 300.000 Dollar. Eine Eliteschule kostet wahrscheinlich eine halbe Million Dollar. Jemand wie ich mit zwei Kindern braucht 250.000 bis 600.000 Dollar, um das College zu bezahlen."

Von Heike Wipperfürth, Campus & Karriere, Deutschlandfunk



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