Vertriebenenfunktionär Uni-K.o. für Rechtsausleger

Die TU Ilmenau hat ihrem Dozenten Paul Latussek den Lehrauftrag entzogen. Der Grund: Gegen den Vertriebenen-Funktionär wird wegen Volksverhetzung ermittelt. Rechtes Gedankengut wird ihm allerdings schon seit Jahren nachgesagt.

Von Carsten Heckmann


In der Kritik und daher nicht mehr an der Uni: Paul Latussek
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In der Kritik und daher nicht mehr an der Uni: Paul Latussek

"In Auschwitz gab es keine sechs Millionen Opfer, sondern - wie ich in Polen erfahren habe - sind 930.000 nachgewiesen." Dieser verstörende Satz, in der die Gesamtzahl der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden allein auf Auschwitz übertragen wurde, um dann als "unhaltbare Lüge" bezeichnet zu werden, stammt aus dem Mund von Paul Latussek. Dieser Satz in seiner Rede vor dem thüringischen Verbandstag des Bundes der Vertriebenen änderte nichts daran, dass Latussek in der vergangenen Woche erneut zum Landesvorsitzenden gewählt wurde - mit einer satten Mehrheit von 97 Prozent der Stimmen.

Aber der Satz hat andere Folgen: Die Erfurter Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wegen Volksverhetzung gegen den 65-jährigen promovierten Ingenieur. Bundesweit hagelt es Kritik. Und die Technische Universität Ilmenau hat ihm seinen Lehrauftrag für die Veranstaltung "Grundlagen der Elektrotechnik" entzogen. "Wir wollen das Ansehen der Universität nicht beschädigen", sagt TU-Personaldezernent Harry Dreffke. Der Vertriebenen-Landesvorstand stärkt Latussek indes mehrheitlich den Rücken und spricht von einer inszenierten Medienkampagne.

"Was jeder Deutsche wissen sollte"

So weit, so schlecht. Doch es gibt noch eine Vorgeschichte, beziehungsweise mehrere. So hielt Paul Latussek schon vor fünf Jahren in Berlin eine Rede, zu der dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog nur einfiel: "Er hat so viele falsche Behauptungen aufgestellt, dass man gar nicht weiß, wo man mit dem Widerlegen anfangen soll."

Beim "Tag der Heimat", der zentralen Veranstaltung des Bundes der Vertriebenen, hatte Latussek deutschen Politikern unter anderem vorgeworfen, sich "in Kniefällen und Schuldbezeugungen" zu gefallen und sich zu wenig zu den Rechten der Vertriebenen zu bekennen. Die Bundesrepublik habe "schon viel Geld für Gedenkstätten ausgegeben", aber "nicht für die Opfer der Vertreibung".

Vor drei Jahren trat Paul Latussek dann der rechtsgerichteten Partei "Bund freier Bürger" bei. Und im letzten Jahr setzte er seine Unterschrift unter ein Flugblatt mit der Überschrift "Was jeder Deutsche wissen sollte". Darin ging es um den "Völkermord an den ostdeutschen Stämmen". Außerdem war auch die Rede von "Opfern anderer Völker einer verfehlten europäischen Politik dieses Jahrhunderts", deren Leiden ständig in aller Munde seien. Der Thüringer Landtag zeigt sich empört über die Verharmlosung.

Zunächst vergab die TU Ilmenau dennoch auch für dieses Wintersemester den Lehrauftrag an Latussek, der bis zu seinem Ruhestand Ende September 1999 fest an der Hochschule angestellt war. Erst jetzt sah man sich zum Handeln gezwungen. "Wir hatten vorher nicht den Anlass", sagt Harry Dreffke, "aber Ermittlungen haben eine andere Qualität als irgendwelche Kritik."



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