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Einfallsreiches Geldausgeben: Wofür Unis Gebührengelder verwenden

Foto: A3634 Friso Gentsch/ dpa

Verwendung von Studiengebühren Geld für Googeln und Geschenke

Tischkicker, Laiendefibrillator, Callcenter: Eigentlich sollten Unis mit dem Geld aus Studiengebühren die Lehre verbessern, doch oft stecken sie es in fragwürdige Projekte - wenn sie es überhaupt ausgeben. In manchen Bundesländern bunkern die Hochschulen Millionen.

Es gibt Studenten, für die hat sich die Einführung von Studiengebühren mächtig gelohnt. Die Ruderfreunde an der Hochschule Osnabrück zum Beispiel. Die Wassersportler durften sich ein eigenes Drachenboot bauen, mit dem sie jetzt beim traditionellen Rennen auf dem Dortmund-Ems-Kanal antreten können. Es bietet Platz für 20 Paddler, einen Trommler und einen Steuermann. Kostenpunkt: 40.000 Euro. Inklusive Pflege und Unterstand.

Da blieb noch ein bisschen Kleingeld, um die Osnabrücker Studenten am Standort Lingen zu beglücken, sie bekamen einen eleganten Edelstahlgrill, für 1000 Euro. Den Agrarwissenschaftlern spendierte man Tischkicker für je 500 Euro, 1000 Euro kostete der Billardtisch auf dem Campus in Osnabrück. "Die Studenten haben über die Verwendung mitentschieden", sagt Hochschulsprecher Ralf Garten. "Wir verbessern so die Studienbedingungen."

Auch an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) sorgte sich die Hochschulleitung um das Wohlbefinden ihrer Studenten, griff aber ein bisschen tiefer in die Tasche, als sie vor drei Jahren gleich ein komplettes Callcenter einrichtete. Bis zu 23 studentische Hilfskräfte nehmen montags bis freitags die Anrufe ihrer Kommilitonen entgegen, wenn die durch eine Prüfung gefallen sind oder das Studienfach wechseln wollen. Die Telefonagenten wurden in Gesprächspsychologie geschult, komplizierte Fragen leiten sie weiter. 104.000 Euro hat die Technik des "Studien-Informations-Service", so der offizielle Name, gekostet. Dazu kommen jährlich mehr als 65.000 Euro für das Gehalt der Callcenter-Chefin und 100.000 Euro für die studentischen Hilfskräfte.

Alles finanziert mit Studiengebühren.

Drachenboot, Kicker, Callcenter - wie sinnvoll sind solche Maßnahmen? Verbessern sie die Qualität von Studium und Lehre, wie es einmal abgemacht war?

Immerhin: In Osnabrück oder München wird das Geld in diesen Fällen wenigstens ausgegeben. Anderswo liegen Hunderte Millionen Euro ungenutzt auf den Konten der Hochschulen. In Hamburg stauten sich bis Ende vorigen Jahres 35 Millionen Euro Studiengebühren an, in Bayern waren es 106 Millionen Euro im Jahr 2009, in Niedersachsen im vergangenen Jahr 78 Millionen Euro. Dass das Geld zeitversetzt ausgegeben werde, sei "ganz normal", versichert ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums in Hannover, "und in der Einführungsphase auch notwendig".

Die Studiengebühren sterben einen langsamen Tod

Doch die Nervosität der Gebührenbefürworter wächst. Der bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) schrieb im November einen Brandbrief an seine Hochschulrektoren: Sie sollten die Mittel gefälligst ausgeben, um die "politische Unterstützung" für Studienbeiträge nicht zu gefährden.

Andere Bundesländer haben die Studiengebühren zuletzt wieder abgeschafft. Hessen und das Saarland sind ausgestiegen, in Nordrhein-Westfalen ist das Studium ab Herbst unentgeltlich, die neue SPD-Regierung in Hamburg hat das Ende des Studentengeldes in Aussicht gestellt, und genauso wird es unter Grün-Rot in Baden-Württemberg wohl kommen.

Leicht hatten die Befürworter der Studienbeiträge es nie. Als das Bundesverfassungsgericht 2005 das Gebührenverbot kippte, gingen Zehntausende Studenten auf die Straße, sie besetzten Büros und Hörsäle, Professoren verabschiedeten Resolutionen. Die Hochschulpolitiker gaben unter dem Druck der Proteste das Versprechen ab: Wir verbessern mit dem Geld nur die Lehre. Doch was das genau bedeutet, legten sie nicht fest. Auch auf Kontrollen verzichten sie weitgehend. In Baden-Württemberg legte ein Monitoring-Beirat im Mai 2008 einen Zwischenbericht über die Verwendung vor, seitdem ist es still geworden um das Gremium.

Einen schönen Freiraum haben sich die Hochschulmanager da geschaffen, mit dem Geld können sie im Prinzip machen, was sie wollen. Und sie handeln nicht immer im Sinn der Studenten, etwa wenn sie teure Prestigeprojekte finanzieren oder nur die Löcher stopfen, die Sparprogramme der Landesregierungen gerissen haben. Oder das Geld anlegen - wer derzeit eingeschrieben ist, hat nichts davon.

Die Universität Lüneburg schiebt seit Jahren etwa fünf Millionen Euro Studiengebühren vor sich her. Bei Nachfragen versichern die Verantwortlichen stets, dass die Mittel längst verplant seien, doch der Überschuss schrumpft nur langsam. Die Lüneburger Studentenvertreter waren so frustriert, dass sie im Herbst für ihre Kommilitonen einen Vordruck ins Internet stellten: "Da dieses Geld offensichtlich nicht für die Verbesserung meiner Lehre genutzt wird, fordere ich Sie hiermit auf, mir umgehend meine Studienbeiträge für das Wintersemester 2010/2011 zurückzuerstatten."

Wenn der Münchner Studentenvertreter Tobias Dillschnitter zeigen soll, was die Uni-Leitung gern mit dem Geld der Studierenden bezahlen würde, schlägt er einen Spaziergang vor. Dillschnitter beginnt seine Tour im Foyer des Hauptgebäudes am Geschwister-Scholl-Platz. Hinter einer Glasscheibe sitzt ein Wachmann und grüßt freundlich.

Dillschnitter tritt einen Schritt zurück, blickt auf seine Armbanduhr und sagt leise: "Kurz nach vier. Ab jetzt, das war der Plan, finanzieren wir die Besetzung der Pforte. Drei Stunden lang, bis 19 Uhr, das kostet 18.000 Euro im Jahr." Dillschnitter verlässt das Haupthaus und läuft hinüber zur juristischen Fakultät, einem Vestibülbau, direkt an der prächtigen Leopoldstraße gelegen. Er bleibt neben der Bautafel stehen, "Ausbau des Dachgeschosses" steht dort in großen Buchstaben. Auch der sollte zum Teil vom Studentengeld bezahlt werden, berichtet Dillschnitter, 700.000 Euro Studiengebühren hatte die Uni 2009 dafür verplant.

Ungleiche Macht: Wie Uni-Verwaltungen Studenten übergehen

Inzwischen habe die LMU diese Beschlüsse kassiert, versichert Vizepräsident Martin Wirsing, die Studiengelder für das Dachgeschoss habe man vorerst zurückgestellt, und für den Pförtner sei eine andere Lösung gefunden worden.

Das Gerangel um die Gebühren geht nicht immer gut aus für die Studenten. Tobias Dillschnitter sitzt in einer Kommission, die an der LMU darüber entscheidet, wofür das Geld verwendet wird. Wobei entscheiden nicht das richtige Wort ist. Wenn Dillschnitter und seine Kommilitonen gegen ein Projekt stimmen, kann die Hochschulleitung es trotzdem durchziehen. Das ist in den vergangenen Jahren immer wieder vorgekommen.

So führte die Uni gegen das Votum der Studenten ein modernes Hörsaalwegweiser-Leitsystem ein, für 20.000 Euro. Im Mathematik-Bau wurden dafür neue Schilder montiert, sogar das grün-weiße Hinweisschild D-E017 wurde nicht vergessen. Es weist den Weg zum nächsten Laiendefibrillator. Falls ein Kommilitone einen Herzstillstand erleiden sollte.

Der Blockade-Vorwurf: Wie engagierte Studenten allein gelassen werden

Vizepräsident Wirsing spricht von "Einzelfällen", in denen sich die Hochschulleitung über das Votum der Kommission hinweggesetzt habe. Grundsätzlich gebe die Uni die Studiengebühren für Projekte aus, die zur Verbesserung der Studienbedingungen beitrügen. Für die Studentenvertreter hat der Professor Verständnis. "Es ist schwer, den Betrieb der Universität zu verstehen", sagt Wirsing. "Ich musste mich selber erst jahrelang einarbeiten."

Tatsächlich stimmen die Studenten in den Gremien mit über Projekte ab, die viele Millionen Euro kosten. Das sind Entscheidungen, die in Unternehmen von gutbezahlten Managern getroffen werden. Zudem ist der Druck von der Hochschulleitung groß. Schnell gelten Studenten als Blockierer, wenn sie ein Wunschprojekt des Rektors ablehnen. Unterstützung aus den eigenen Reihen erfahren sie selten - es scheint die Kommilitonen nicht besonders zu interessieren, was mit ihrem Geld passiert.

Hier haben die Studenten die Macht

Die Universität Stuttgart nimmt jedes Jahr zwischen 9 Millionen und 13 Millionen Euro durch Studiengebühren ein. Die Hochschulleitung hält sich an das Votum der Kommission. Die Studenten hätten also Macht, könnten Spielräume nutzen, um die Universität nach ihrem Willen zu gestalten. Doch davon ist kaum etwas zu spüren.

"Vielleicht ist es das konservative Umfeld", sagt der Studentenvertreter Philipp Rohrbacher, 25, der Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Oder die hohe Arbeitsbelastung. Seit die neuen Abschlüsse Bachelor und Master den Studenten mehr Veranstaltungen vorschreiben, sei es schwieriger geworden, die Mitstudenten zu interessieren. Viele Kommilitonen hätten nur ihren Abschluss im Blick. "Wer noch in den Gremien mitarbeitet, ist nach einem halben Jahr oft total ausgebrannt und zieht sich zurück", sagt Rohrbacher.

Nicht so Patrick Schnepper. Der 31-jährige Studentenvertreter hat Biologie und VWL in Köln studiert, doch seine Leidenschaft galt bisher dem Kampf gegen die Studiengebühren. Er organisierte eine Sammelklage, saß in der Fachschaft, im Asta, im akademischen Senat und in einem Aktionsbündnis. Die vielen hundert Gremien-Stunden haben ihn zum Experten werden lassen für die Tricksereien der Hochschulen.

"Mission erfüllt - jetzt kann ich studieren"

Schnepper und seine Mitstreiter haben Tausende Seiten Papiere durchgearbeitet, immer wieder, erzählt er, seien sie auf "äußerst fragwürdige" Ausgaben gestoßen. So erneuerte die Uni Bonn ihre Schließfächer, die Kölner Wirtschaftswissenschaftler wollten das gesetzlich vorgeschriebene Akkreditierungsverfahren für die Bachelor- und Master-Studiengänge mit Gebührengeld finanzieren. Nun erst, nachdem Nordrhein-Westfalen beschlossen hat, die Gebühren abzuschaffen, zieht sich Schnepper aus den Gremien zurück. "Mission erfüllt", sagt er, "jetzt kann ich studieren."

Tobias Dillschnitter von der LMU in München beendet seinen Studiengebühren-Spaziergang bei der "Google-Frau", wie er sie nennt. "Die kann man alles fragen, und sie schaut es im Internet nach", sagt er.

Die Google-Frau sitzt hinter einer weißen Theke im hellen Foyer der BWL-Fakultät in der Ludwigstraße und heißt an diesem Nachmittag Magdalena. Sie ist das fakultätseigene Callcenter. 10 bis 15 Anrufe seien heute bei ihr eingegangen, sagt Magdalena, sie beantworte aber auch E-Mails und persönliche Fragen, wenn jemand direkt zu ihr komme. "Wir nehmen der Universität richtig viel Arbeit ab." Kostenpunkt: knapp 170.000 Euro Studiengebühren für Baumaßnahmen und jährlich 57.000 Euro für das Personal.

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