Very british, indeed Oxford sucht den Genius

Die Universität Oxford ist für Exzellenz wie Exzentrik berühmt. Zu ihren Kuriositäten zählt das All Souls College, wo man alle 100 Jahre eine Holzente über den Hof jagt. Studieren kann dort niemand, aber Fellow werden. Eine der Prüfungen besteht aus einem einzigen Wort.

Von Philip Oltermann, Oxford


Der alte Mann mit dem Bowlerhut, der die Führungen durch die Innenstadt Oxfords leitet, kennt seinen Text auswendig. Für jedes der 39 Colleges, die die Universität der Stadt ausmachen, hat er eine Anekdote parat. Zum altmächtigen Trinity, seit Jahrhunderten mit seinem Nachbar Balliol verfeindet. Zum futuristischen St Catherine's aus den Sechzigern; zum Magdalen College, wo Oscar Wilde einst Rehe fütterte.

Die Tour endet stets am Radcliffe Square: Hier steht die berühmte Bodleian Bibliothek, aber eben auch - hinter hohen Mauern, und nur durch ein vergittertes Tor sichtbar - All Souls. "Dies ist das merkwürdigste College in Oxford überhaupt", sagt der Tourführer dann immer. "Studiert wird hier überhaupt nicht, dafür jagt die gesamte College-Belegschaft alle hundert Jahre eine Holzente über den Innenhof."

All Souls ist in der Tat ein Kuriosum. Siebzig bis achzig "Fellows" arbeiten hier pro Jahr. Alle erhalten ein großzügiges jährliches Stipendium vom College und können jederzeit ein Zimmer und ein königliches Drei-Gänge Menü im majestätischen Speisesaal in Anspruch nehmen. Viele von ihnen sind unter 30 Jahre alt und haben ihre Promotion noch vor sich - und trotzdem sind alle All Souls Fellows schon gleichwertige Mitglieder der Lehrerschaft der Universität und somit offiziell keine Studenten mehr.

Seit seiner Gründung anno 1438 ist All Souls eine Eliteinstitution innerhalb einer Eliteinstitution. Jedes Jahr im September lädt das College rund 50 Studenten der Universität mit den besten Abschlussnoten in den Hauptfächern Englisch, Classics, Jura, Geschichte und PPE (Politics, Philosophy & Economics) zur Aufnahmeprüfung. Dazu kommen etwa 20 Nachzügler: Mit einem "First" in Oxfords Bachelorprüfung kann man sich bis zum Höchstalter 26 noch zur Prüfung melden. Von 70 Bewerbern werden dann zwei, manchmal auch drei Studenten angenommen und mit einem Stipendium für die nächsten sieben Jahre belohnt. "Wir suchen die klügsten 0,05 Prozent jedes Jahrgangs", sagt College-Leiter John Davis.

Sag schon, Kandidat: Hat ManU zu viele Fans?

Manch deutschem Bildungspolitiker mögen bei solch elitärem Denken die Ohren glühen. Aber All Souls beruht auf einer Philosophie, die so urenglisch ist, dass es sie in Deutschland noch nie gegeben hat und in der modernen akademischen Landschaft wohl auch nie geben wird - trotz des Eliteuni-Geklingels. Es geht hier nicht um Fachwissen, um Expertise, sondern um eine ganz allgemeine Kompetenz: All Souls sucht den Genius.

Die Aufnahmeprüfungen anderer Colleges wirken schon exzentrisch genug; die Kandidaten berichten von einem "intellektuellen Schleuderwaschgang" und von für nüchterne Deutsche überaus seltsamen Aufgaben ( "Wie viel Wasser steckt in einer Kuh?"). All Souls übertrifft sie alle. Dort muss man fünf Tests bestehen. Nur zwei davon beziehen sich auf das Studienfach des Kandidaten. Bei den anderen geht es ganz allgemein zu - in drei Stunden muss man drei Essays zu Fragen wie "Is Free Trade free?", "What can we learn from Las Vegas?" oder auch "Do too many people support Manchester United?" beantworten.

Geschichten über die All-Souls-Prüfung erzählen Studenten in Oxford genauso gern weiter wie die Tourführer. Neben der Holzente, dem "All Souls Mallard", gibt es den "One Word Essay": eine dreistündige Prüfung, in der die Frage aus einem einzigen Wort besteht. In der Vergangenheit ging es zum Beispiel um "Wert" oder "Voreingenommenheit" - dieses Jahr war "Wasser" die Preisfrage.

Wer jetzt Allgemeinwissen unter Beweis stellt, bekommt sicher eine gute Note. Wer aber brillieren will, der muss hier Risiken eingehen. Deswegen auch die beliebte - und wohl erfundene - Legende von dem Studenten, der mit der folgenden Antwort zum Thema "Mut" zum All Souls Fellow wurde: "Das ist Mut." Ende des Essays.

Der Bewerber wird fachgerecht gegrillt

Zu weit darf man sich beim Essay aber nicht aus dem Fenster lehnen. Denn einen Monat nach der Prüfung werden die fünf besten Kandidaten zu einem Interview bestellt, wo sie dann ihre Essay-Antworten in einer mündlichen Prüfung verteidigen müssen. Mit einer Abiprüfung hat das herzlich wenig gemein: Bis zu 60 All Souls Fellows sitzen am gleichen Tisch wie der Geprüfte und dürfen eine Stunde lang Fragen stellen. "A grilling" nennt man das im englischen Volksmund, was ein ganz passender Ausdruck ist: Früher fand dieser Teil der Prüfung bei einem festlichen Diner statt.

Dem "High Table", dem Abendessen in All Souls, hat der spanische Schriftsteller Javier Marías in seinem Roman "Alle Seelen" ein Denkmal gesetzt. Allerdings kein besonders schmeichelndes. Das einzige, in dem die Akademiker hier wirklich Experten seien, schreibt er, sind gleichzeitiges Reden, Essen, Trinken und Auf-die-Uhr-Schielen - die ersten drei Aktivitäten mit erstaunlicher Geschwindigkeit und die vierte mit äußerster Präzision.

Marías ist nicht der einzige, der den Geniekult von All Souls nicht so ganz ernst nimmt. Hinter vorgehaltener Hand redet man an der Universität vom "All Souls Syndrome": Vielversprechenden Jungakademikern fehlt es an dem Elite-College oft plötzlich an Leistungsdruck. Und alle Jahre gibt es immer ein paar Stipendiaten, die ihre einmalige Chance einfach vertrödeln - ähnlich wie in Cambridge, das in Oxford nur "the other place" genannt wird (umgekehrt ebenfalls). Dafür aber auch, mindestens einmal pro Jahrhundert, ein richtiges Genie. Zum Beispiel den Philosophen Isiah Berlin, den Ökonom Joseph Stiglitz, den Agenten und Archäologen Lawrence of Arabia oder den deutschen Sanskritforscher Max Müller.

James Walmsley war mal einer von den Junggenies: mit 22 Bachelorabschluss, mit 23 dann plötzlich Dozent. Dieses Jahr läuft sein Fellowship aus - schon vor einiger Zeit hat er sich für eine Karriere als praktizierender Jurist entschieden. Heute, nach der Aufnahmeprüfung, gesellt er sich ein letztes Mal auf ein Glas Wein zu seinen potentiellen Nachfolgern. All die Anekdoten und Mythen, die in Oxford im Umlauf seien, sagt er, seien doch gar nicht wahr. Eigentlich sei All Souls eine sehr moderne und weltoffene Einrichtung.

Und der "All Souls Mallard"? Walmsley schaut durch das Fenster auf den Radcliffe Square, wo schon wieder Touristen Schlange stehen. Der Erpel? Den habe man erst 2001 zeremoniell vom Grundstück gescheucht - der habe jetzt 95 Jahre Schonzeit.



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