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Kelly Suttons neues Leben: "Die fetten Jahre sind vorbei"

Foto: Aaron Sonnenberg

Verzicht-Kult Mein Leben auf der Festplatte

Ein paar T-Shirts und einen Laptop, viel mehr besitzt Kelly Sutton nicht mehr. Alles andere hat der 23-jährige Programmierer verkauft, um unbeschwert als digitaler Vagabund zu leben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er nur noch im Internet zu Hause ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man auf die Idee, seinen ganzen Besitz über eine Website zu verkaufen und gleich noch einen digitalen Kult  zu gründen?

Kelly Sutton: Ich habe im vergangenen Jahr ein Semester ausgesetzt, um in Berlin und New York zu leben. Für die Zeit habe ich viel von meinem Zeug bei Freunden in Los Angeles, wo ich zur Schule gegangen bin, untergestellt. Nach dem Semester konnte ich mich einfach nicht mehr daran erinnern, was in all den Kisten drin war. Also habe ich beschlossen, den ganzen Kram loszuwerden.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben Sie jetzt?

Sutton: In einem Apartment in New York, sehr spartanisch, mit einem Mitbewohner. Wir haben eine Couch, die war schon vorher da, einen Kühlschrank, ganz grundlegende Sachen. Ich selber habe einen Tisch, zwei Stühle, ein Bett und einen kleinen Schrank mit allem, was übrig geblieben ist.

SPIEGEL ONLINE: Von all den Sachen, die Sie über ihre Website Cult of Less verkauft haben, was hat Sie am meisten geschmerzt?

Sutton: Es gab nichts, was mir besonders schwergefallen ist. Ich vermisse auch nichts davon. Ich habe sogar Dinge über die Website verkauft, die ich ursprünglich gar nicht loswerden wollte.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Büchern, Musikalben, DVDs?

Sutton: Ich habe physische Medien durch digitale ersetzt und besitze nur noch eine einzige DVD, einen deutschen Film: "Die fetten Jahre sind vorbei".

SPIEGEL ONLINE: Einige Dinge behalten Sie dann doch, zum Beispiel den Computer. Stattdessen könnten Sie einfach in ein Internetcafé gehen?

Sutton: Es gibt ein paar Dinge, ohne die ich nicht leben kann. Die meisten davon sind mein Fenster in die digitale Welt: Mein Kindle, mein iPad, mein Laptop - die brauchen aber auch nicht viel Platz. Außerdem brauche ich iPad und Laptop für meinen Job als Programmierer.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie jetzt ihr Passwort verlieren, können Sie auf Ihre ganzen digitalen Sachen nicht mehr zugreifen.

Sutton: Ich mach mir da keine großen Sorgen. Das meiste habe ich noch auf Festplatte gesichert, oft sogar mehrfach.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Zuhause muss den Charme eines Hotelzimmers haben, wundern sich da Ihre Freunde oder Ihre Familie nicht?

Sutton: Die Menschen in New York sind nicht so viel zu Hause, sondern draußen in Bars oder Parks, genau wie in Berlin. Vielleicht wird das im Winter ein wenig anders.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie jemanden ganz Spezielles mit nach Hause nehmen?

Sutton: Ich erzähle dann, warum das so karg ist, und sie finden das dann eher interessant. Sie fühlen sich jedenfalls nicht unwohl.

SPIEGEL ONLINE: Was hält ihr Freundeskreis vom Cult of Less?

Sutton: Viele Freunde und Kollegen denken, dass ich verrückt bin. Aber sie freuen sich, wenn sie etwas von meinen Sachen kaufen können.

SPIEGEL ONLINE: Ist jemand Ihrem Minimalisten-Beispiel gefolgt?

Sutton: Einige leben bis zu einem gewissen Grad minimalistisch, ein paar davon sogar noch extremer als ich. Unter Programmierern in der Start-up-Szene ist das weit verbreitet, vor allem in New York.

SPIEGEL ONLINE: Steckt dahinter auch ein politisches Statement?

Sutton: Für mich ist das rein persönlich. Andere Leute mögen noch gewichtigere Gründe haben, für mich ist es allein der Stress, etwas zu besitzen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen brauchen geliebte Dinge um sich herum, um sich wohlzufühlen. Wann fühlen Sie sich zu Hause?

Sutton: Wo immer ich gerade bin. Das kann New York sein, Los Angeles, San Francisco, Berlin oder Düsseldorf. Ich hatte nie das Verlangen, irgendwohin zurück zu gehen oder eine Homebase zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Findet Ihr Cult of Less denn Anhänger?

Sutton: Ich habe schon eine Menge E-Mails bekommen, von Leuten, die das gut finden. Außerdem lese ich, was auf Twitter passiert. Da tauschen sich viele Nutzer darüber aus, was sie jetzt alles losgeworden sind, wie sie dies und jenes verkauft haben.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren, damit Sie vom Cult of Less zum "Cult of ein bisschen mehr" konvertieren?

Sutton: Wenn ich älter werde, kommen zwangsläufig wieder mehr Sachen dazu. Insbesondere, wenn ich einmal Kinder haben sollte, die brauchen einfach Spielzeug. Trotzdem überlege ich jetzt bei jeder Sache zwei- oder dreimal, bevor ich sie anschaffe. Auch in 15 Jahren will ich so wenig besitzen wie möglich.

Das Interview führte Ole Reißmann
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