Virtuelle Vorlesungen Professor in der Endlosschleife

Acht Universitäten versuchen, mit Online-Vorlesungen mehr Menschen für ein Studium zu gewinnen. Die Videostreams sollen das Büffeln auch denjenigen ermöglichen, die Kinder haben, keine Muttersprachler sind oder schon im Beruf stehen - die Nachfrage ist da.

Der Prof auf dem Schirm: Ivaylo Mateev studiert Mathematik und Informatik online
DDP

Der Prof auf dem Schirm: Ivaylo Mateev studiert Mathematik und Informatik online


Ivaylo Mateev studiert im elften Semester Mathematik und Informatik an der Universität Osnabrück. In die Vorlesungen gehe er aber eher selten, sagt der 25-jährige Bulgare, dessen slawischer Akzent nicht zu überhören ist. Denn die schaue er sich lieber im Internet oder auf seinem Blackberry per Videostream an.

So könne er Wörter, die er nicht verstehe, sofort nachschlagen. Auch müsse er nicht immer früh aufstehen, um in die Uni zu gehen, sagt er. Denn nachts arbeitet Mateev: Er entwickelt Software für ein Ingenieurbüro.

Die Vorlesung per Videostream ist Teil des Projekts "Ungleich besser", an dem sich derzeit acht Universitäten beteiligen, darunter auch die Universität Osnabrück. Ziel des Projekts: Strategien entwickeln, um besser auf die zunehmend unterschiedlichen Lebenssituationen von Studenten reagieren zu können. "Wir beobachten seit langem, dass die Diversität der Studenten zunimmt", sagt York Hener, Geschäftsführer des von Bertelsmann finanzierten Centrums für Hochschulentwicklung (CHE).

Für konzentrationsschwache Studenten ein Segen

Bei sinkenden Studentenzahlen stelle sich die Frage, so Hener, "wo die Fachkräfte herkommen sollen". Laut Stifterverband besteht bereits jetzt ein Fachkräftemangel in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Ziel des Projekts sei es deshalb, auf die Bedürfnisse junger Menschen einzugehen, um sie an ein Studium heranzuführen. Die Hochschulen sollen sich im Rahmen des Projekts austauschen und voneinander lernen.

Von den Osnabrücker Videostreams profitierten nicht nur ausländische Studenten, berichtet Andreas Knaden vom Zentrum für Informationsmanagement und virtuelle Lehre. Denn die Konzentrationsfähigkeit vieler Studenten sei gesunken. "Für sie sind die Streams ein Segen", sagt er.

"Das ist bequem für die Studenten"

Knaden forscht seit einiger Zeit im Bereich E-Learning. Er war an der Entwicklung einer einfachen Aufzeichnungssoftware beteiligt: Der Dozent drückt nur auf einen Knopf, die Videokamera nimmt seine Vorlesung auf, zwei bis drei Stunden später steht sein Vortrag im Netz - neben den Folien, die während der Vorlesung gezeigt wurden. Das Angebot sei eine zum Teil durch Studiengebühren finanzierte Dienstleistung für die Studenten, sagt Knaden.

Die Osnabrücker Universität ist eine der wenigen Hochschulen in Deutschland, die diese Streams seit geraumer Zeit anbieten. Sie seien ein Pfund, mit dem man wuchern könne, um Studenten zu gewinnen, sagt Knaden. Auf diese Weise bekämen eben auch jene Studenten einen Zugang zu Vorlesungen, die nur eingeschränkt studieren könnten.

Knaden geht davon aus, dass sich die Studentenschaft der Zukunft verändern wird. Es seien Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen oder bereits eine Berufsausbildung absolviert oder Kinder haben. "Mit dieser Technik sind wir näher an den Studenten", sagt er. Schon jetzt nutzten 90 Prozent aller Studierenden in Osnabrück die Streams.

Mateev ist einer von ihnen. Seine Rechnung geht so: Pro Semester zahle er 1058 Euro. "Für mein Geld möchte ich auch etwas haben." Deshalb sollten alle Vorlesungen online zu sehen sein, meint er. Der 25-Jährige ist begeistert: "Das ist bequem für die Studenten, es bringt aber auch was."

Von Thomas Wübker, ddp/ore



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
Newspeak, 28.08.2010
1. ...
"Laut Stifterverband besteht bereits jetzt ein Fachkräftemangel in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)." Davon merke ich als MINT-Absolvent aus dem Bereich Naturwissenschaft aber noch nichts. Müsste ich nicht schon längst angeworben sein? Aber vermutlich scheut die Industrie die Kosten eines zusätzlichen, hochqualifizierten Angestellten (man kann ja dafür mehrere weniger hochqualifizierte Praktikanten für einen Bruchteil der Kosten anwerben) und jammert trotzdem gerne rum.
hgm1 28.08.2010
2. Bildung per Internet
273 Universitäten aus verschiedenen Ländern listet zum heutigen Zeitpunkt allein der schon vor drei Jahren eingerichtete kostenfreie Apple-Service iTunesU, darunter sogar zwei deutsche. Ihr Artikel dokumentiert einmal mehr das so typische Hinterhergekleckere in diesem Land, wo Schein-Bildungsreförmchen sich in sinnfreier Bürokratie ("Bachelor", "Modularisierung") manifestieren und wo fortschrittliche Gedanken und Initiativen in einer aufgeblasenen, inkompetenten Verwalterei konsequenzfrei resorbiert werden.
Carsten Zander, 28.08.2010
3. Hilft bei der Vermeidung von zeitlichen Kollisionen
Virtuelle Vorlesungen können auch dabei helfen, die vielen zeitlichen Kollisionen, z.B. bei Wahlpflichtveranstaltungen, zu minimieren.
felix_bach 28.08.2010
4. Ein Segen
Zitat von sysopAcht Universitäten versuchen,*mit Online-Vorlesungen mehr Menschen für ein Studium zu gewinnen. Die Videostreams sollen das Büffeln auch denjenigen ermöglichen, die Kinder haben, keine Muttersprachler sind oder schon im Beruf stehen -*die Nachfrage ist da. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,714225,00.html
sind online stream Vorlesungen von Profs, wenn man nachts nicht einschlafen kann. Einfach einen Stream anschauen und schon schlummert man ein.
carlosowas, 28.08.2010
5. das war schon immer so
Zitat von Newspeak"Laut Stifterverband besteht bereits jetzt ein Fachkräftemangel in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)." Davon merke ich als MINT-Absolvent aus dem Bereich Naturwissenschaft aber noch nichts. Müsste ich nicht schon längst angeworben sein? Aber vermutlich scheut die Industrie die Kosten eines zusätzlichen, hochqualifizierten Angestellten (man kann ja dafür mehrere weniger hochqualifizierte Praktikanten für einen Bruchteil der Kosten anwerben) und jammert trotzdem gerne rum.
Das war schon vor 50 Jahren so. Man hat mir prophezeit, bevor ich anfing zu studieren, dass viele Industriefirmen vor der Tür stehen werden, wenn ich Prüfung mache, und mir mindestens 3.000 DM Monatsgehalt bieten; das war damals so viel wie heute ca. 20.000 €. Die Zeitungen schrieben damals ähnliches Zeugs wie heute. Dahinter stehen große Industriekonzerne, die auf diese Art einfach viel Menschenmaterial bekommen wollen, das sie dann entsprechend schlecht bezahlen können. Man beachte das Bonmot: Die Sklaven unserer Gesellschaft sind die Techniker, die Sklaventeiber die Juristen und BWLer, für deren Studium im übrigen keine Reklame gemacht wird.
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