Leseprobe "Vor meiner Ewigkeit" von Alessandra Reß

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Studenten als Autoren: "Hey, hast du Lust, ein Buch zu schreiben?"

Foto: Hannes Kaczmarzyk

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Ich hatte keinerlei Erinnerungen an meine Kindheit oder meine Familie. Nicht einmal an mich selbst konnte ich mich erinnern. Was ich arbeitete. Was ich mochte. Wen ich mochte. Mein gesamtes Erinnerungsvermögen setzte zunächst an einem Abend ein, von dem ich nicht sagen kann, wann er war. Jegliches Zeitgefühl ist mir längst abhanden gekommen. Nicht einmal mein eigenes Alter kenne ich, ich weiß auch nicht genau, wie alt ich am Tag meiner Neugeburt war. Meinem Äußeren nach zu urteilen, kann ich damals höchstens dreißig Jahre alt gewesen sein, wahrscheinlich noch jünger.

Für mich jedenfalls war ich wie ein Neugeborener. Ein Neophyt, eine Tabula Rasa. Nichts wusste ich, an nichts erinnerte ich mich. Und wenn ich mich doch an das ein oder andere erinnerte, so interessierte es mich nicht. Ich dachte einfach nicht darüber nach. Meine Augen öffneten sich an jenem Abend das erste Mal für eine Welt, die mir bis dahin fremd gewesen war.

Der erste Moment meines Lebens, an den ich mich noch richtig erinnern kann, war der, als ich meine Augen öffnete und alles glitzerte.

Hunderte von verschiedenen Farben erfüllten mein Zimmer. Ständig wechselten sie, gewannen an Strahlkraft und verloren sie wieder. Sie fielen auf mich herab und kamen ständig neu nach, sie vervielfältigten und verminderten sich, sie hüpften durchs Zimmer, tanzten vor meinen Augen.

Mit offenem Mund starrte ich sie an. Ich, der Unwissende. Der Nichtwissende. Verfolgte mit den Augen das Glitzern, schmeckte die Farben, roch die Veränderung und hörte das Lachen der Diamanten.

Ein wenig verwirrt war ich schon von dem Schauspiel. Die schemenhafte Ahnung, dass das irgendwie nicht normal war, ließ mich staunen, doch sie war nicht stark genug, um mich Furcht spüren oder gar Fragen stellen zu lassen. Fragt ein Neugeborenes, warum die Welt so ist, wie sie ist? Ich nahm es einfach hin. Die Welt glitzerte eben, was sollte sie auch sonst tun? Anders kannte ich es doch nicht.

Die Farben umwölkten mein Gehirn und behinderten meine Gedanken in diesen ersten Stunden meines neuen Lebens. Ich hatte eine Welt betreten, die ich nicht in der Lage war, richtig zu erfassen, da ihre Schönheiten für meinesgleichen eigentlich nicht gedacht waren, auch wenn mir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war. Stundenlang lag ich einfach da und staunte.

Dann begann mich die Welt zu locken. Sie schien nach mir zu rufen von außerhalb meiner kleinen Wohnung. Ich hörte ihre Stimme, und begierig nach mehr Schönheit wandte ich das erste Mal den Kopf, beobachtete nicht mehr das Glitzern der Farben, sondern fixierte die Tür.

Die Welt rief, und sie klang verlockend. Ich folgte dem Ruf, stand auf, öffnete die Tür und trat in die Welt der Ewigkeit ein.

Es war Nacht, eine lebendige Nacht, erfüllt vom angenehmen, liebkosenden Glitzern der Sterne, die ihr Licht in die düsteren Straßen der Stadt Dew Linae herabsandten. Ich lachte, während ich wie ein Schlafwandler durch die Straßen taumelte und die Wunder der neuen Welt begutachtete. Meine Hände fuhren über Schaufenster, die sich unter meinen Fingern in Wasser zu verwandeln schienen und dabei mehr funkelten, als es tausend Edelsteine vermocht hätten. Meine Augen folgten den Lichtern der Neonröhren, die grell das Glitzern der Sterne durchbrachen und sich im Wasser spiegelten, das, von zarten Regentropfen stammend, sich auf dem Boden sammelte, der aussah wie die Milchstraße selbst. So wandelte ich zwischen Neonröhren und Sternen, schmeckte den Geruch einer neuen Welt und roch die Schönheit des Unbekannten. Mit all meinen Sinnen tastete ich mich voran, bereit, alle Wunder auf einmal aufzunehmen.

Stundenlang geisterte ich so durch die Straßen. Die Menschen um mich herum waren nur geisterhafte Schemen, welche die Vollkommenheit der Welt störten. Ich aber, ich war der vollkommene Einzige, der unverführte Adam, der Einzige, dem es gestattet war, dieses Utopia zu durchwandern und seine Schönheiten zu erkennen.

Ja, so dachte ich, unwissend und naiv, wie ich in jenen ersten Stunden meines neuen Lebens war. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, doch voll der Annahme, etwas Besonderes zu sein, lernte ich Dew Linae, die Prachtvolle, die Entrückte, die Stadt der Lichter kennen. Ich warf mich der neuen Welt in die Arme, und sie lachte mit mir, und in meinem Unwissen merkte ich nicht, wie falsch dieses Lachen klang.

Erst als der Morgen schon graute und das Spiel der Sterne und Farben abnahm, legte sich langsam die Umwölkung, die mich gefangen gehalten hatte. Der Tag war nicht minder hübsch anzusehen. Zarte Sonnenstrahlen fielen auf eine Stadt, für die der Regen ein gewohnter Anblick war, und erleuchteten ein Bild surrealen Lebens. Ich erinnere mich noch, wie die Wahlplakate ein Eigenleben entwickelten und die ewig grinsenden Gesichter der Politiker Fratzen zogen, sobald ich sie nur aus den Augenwinkeln sah. Blickte ich sie direkt an, erschienen sie wieder unbewegt. Auch der Boden schien zu vibrieren, doch wenn ich versuchte, mich auf die Bewegung zu konzentrieren, war sie auf einmal fort.

Dennoch betäubte der Tag meine Sinne nicht so sehr wie die Nacht, der ich so ausgeliefert gewesen war, dass ich an ihr fast den Verstand verloren hatte. Fasziniert betrachtete ich die Wunder des Tages, als mein Geist sich zu klären begann und einer Verwirrung Platz machte, die allmählich in Angst umschlug.

Denn ich registrierte, dass ich existierte.

Nur hatte ich keine Ahnung, wer ich war.

Das Leben ist schön, wenn man keine Fragen stellt und sich an dem weidet, was man vorfindet. Doch in dem Moment, da man eine Frage stellt, kann alles zusammenbrechen.

Verwirrt setzte ich mich auf eine Bank, betrachtete das lebendige Gras unter meinen Füßen und fragte mich: Wer bin ich? Und was zum Teufel mache ich hier?

In dem Moment, da ich diese beiden Fragen in meinem Kopf formuliert hatte, schien der Tag stillzustehen. Der Boden bewegte sich nicht mehr, die Gesichter auf den Plakaten hielten still. Eine diffuse Ahnung stieg in mir hoch, die mir sagte, dass das schon mehr der Welt entsprach, die ich kannte. Doch sie war nicht stark genug, um mir auch zu sagen, was sie mir noch vor einem Tag mitgeteilt hätte. Dass ich nämlich ziemlich starke Drogen zu mir genommen oder wenigstens ordentlich einen auf den Kopf bekommen haben musste.

Nein, solche Gedanken kamen mir in diesem Moment noch nicht. Ich merkte aber, wie die Schemen um mich herum an Kontur gewannen, und stellte fest, dass es sich bei ihnen um Menschen handelte. Doch sie wirkten auf mich, als betrachtete ich sie aus weiter Ferne, und nicht, als gingen sie nur eine Armeslänge von mir entfernt die Straße entlang.

Verwirrt und zunehmend verängstigt über mein eigenes Unwissen versuchte ich, meine Umgebung klarer zu erkennen. Dabei fiel mir auf, dass mich die Menschen offenbar noch weniger wahrnahmen als ich sie. Eine Frau setzte sich sogar direkt auf mich und schrie erschrocken auf, als sie merkte, dass auf der Bank, die doch so leer gewirkt hatte, bereits jemand saß. Mit einem verlegenen und ziemlich irritierten Lächeln im Gesicht entschuldigte sie sich bei mir, doch ihre Augen huschten unruhig suchend über mich hinweg, ganz so, als wüsste sie nicht, an wen sie sich mit ihrer Entschuldigung überhaupt wenden sollte.

Dieses Ereignis beruhigte mich ein wenig, denn es machte mir zumindest klar, dass ich wohl irgendwie da sein musste. Bloß, was war dieses Da und wo befand es sich?

Während ich so dasaß und mein Verstand sich weit genug klärte, um an eben an sich selbst zu zweifeln, glaubte ich, eine Stimme zu hören.

"Komm her!", rief sie. Sie klang jung und hell, fast wie die eines Kindes.

Irritiert sah ich mich um. Schemen, die sich bewegten. Bäume. Gebäude. Aber niemand, dem ich die Stimme hätte zuordnen können.

"Komm her!", wiederholte die Stimme.

Langsam bewegte ich mich in die Richtung, aus der sie zu mir her wehte. Dabei war es mehr eine fremde Kraft, die mich in Bewegung setzte, als dass ich selbst es gewesen wäre. Ich merkte, obwohl ich mich kaum orientieren konnte, wie ich den Weg zurückging, den ich in der Nacht gekommen war, und fand mich schließlich vor dem Haus wieder, das ich am Abend verlassen hatte. Etwas sagte mir, hier müsse sich wohl mein Zuhause befinden. Mechanisch, als hätte ich es bereits hunderte Male zuvor getan - und dem war wahrscheinlich auch so -, zog ich einen Schlüssel aus meiner Hosentasche. Als ich die Tür aufschloss und in ein dunkles, mit Graffiti verschmiertes Treppenhaus gelangte, ertappte ich mich dabei, wie ich mich ein wenig vor dem Anblick fürchtete, der mich hinter der Tür erwartete, die in meine Wohnung führte. Dass die Graffitischmierereien vom Anarchie-Zeichen bis zum Che-Guevara-Kopf auf mich lebendig wirkten, überraschte mich schon kaum noch, doch der Gedanke an die letzte Nacht mit ihren schrillen, ständig wechselnden Farben verursachte mir Kopfschmerzen. Es war, als hätten mich die neuen Eindrücke ausgelaugt.

Aber meine Furcht stellte sich als unbegründet heraus. Ich betrat meine Wohnung und stellte fest, auch sie sah bei Tage anders aus. Sicher, noch immer schienen die Tapeten ständig ihre Farbe zu wechseln, aber sie taten es auf eine sanftere Art als bei Nacht, und auch dass die Menschen auf den Fotos, die an der Wand hingen, offenbar miteinander redeten, sobald ich den Blick von ihnen abwandte, empfand ich nicht als allzu störend. Vielleicht lag das aber auch daran, dass meine Aufmerksamkeit ganz von der Frau beansprucht wurde, die auf einem Holzstuhl neben meinem Bett saß.

Obwohl ich freilich immer noch nicht viel über das wusste, was ich einen Tag zuvor als den Normalzustand bezeichnet hätte, so erschien es mir doch als unüblicher Anblick, eine - oder zumindest diese - Frau dort sitzen zu sehen. Und auch dass ich durch die weißgraue Silhouette der Frau, die eher noch ein Mädchen war, die dahinter liegende Wand sehen konnte, und das Mädchen weniger auf, als vielmehr halb in dem Stuhl saß, machte mich stutzig. Daher verbrachte ich erst einmal einige Momente damit, sie irritiert zu mustern.

Sie mochte so um die 16, 17 Jahre alt sein, mit ihrem faltenlosen, ebenmäßigen Gesicht und einer Frisur, die so betont lässig-wüst aussah, dass man sie nur als Teenager oder alternder Hippie tragen konnte. Trotz ihres gewollt verwahrlosten Äußeren, welches durch eine recht abgetragen und altmodisch wirkende Stoffjacke, einen langen Schal und eine zerfranste Jeans wie aus dem vorvorletzten Jahrzehnt abgerundet wurde, sah sie recht hübsch aus.

Auch ihre Stimme klang nicht unangenehm. Ein bisschen belustigt wirkte sie allerdings, als sie mich ansprach. "Hallo, Simon."

Ihre Belustigung war mir egal, nachdem sie diesen simplen Satz ausgesprochen hatte. Auch dass sie durchscheinend war, interessierte mich nicht, und von mir aus hätte sie auch eine ausgesprochen hässliche, alte Vettel mit mehr Narben als heiler Haut und grünen Haaren auf den Warzen sein können, als sie das sagte. Denn in diesem Moment wurde ich von einem wahren Strom an Wissen niedergedrückt.

Es waren keine Erinnerungen, denn es gab keine konkreten Situationen aus meiner Vergangenheit, an dich ich mich erinnern konnte, weshalb ich später auch viele Orte außerhalb Dew Linaes nicht näher benennen konnte. Was in diesem Moment auf mich einströmte, war vielmehr eine Art von alltäglichem, praktischem Wissen. Mit einem Mal wusste ich, mein Name war Simon Wagner, und ich war ein Mensch. Ich wusste, ich lebte in einer Stadt namens Dew Linae und putzte mir jeden Morgen, jeden Abend und, wenn möglich, sogar jeden Mittag die Zähne. Ich wusste plötzlich wieder, wie man Ravioli machte, wo das Einkaufscenter lag und wie kalkhaltig das Leitungswasser in Dew Linae war. Vor allem aber wusste ich, dass durchsichtige Teenager auf meinem Stuhl ebenso unnormal waren wie Fensterscheiben, die aus Wasser bestanden. Von sich bewegenden Fotos und vibrierenden Böden außerhalb von U-Bahn-Schächten oder erdbebengefährdeten Regionen mal ganz zu schweigen.

Innerhalb eines Moments war aus dem unverführten Adam ein äußerst verwirrter, geschockter und überforderter Mensch namens Simon Wagner geworden, der noch ein "Uäh?" herausbrachte, ehe er ohnmächtig zusammenbrach.

Als ich erwachte, lag ich auf dem Boden. Einen schönen Augenblick lang glaubte ich, nur einen äußerst bizarren Traum gehabt zu haben, doch als ich mich aufsetzte, gewahrte ich in einem von beständigen Farbwechseln flimmernden Raum die weißgraue Mädchengestalt.

"Hallo", sagte sie und betrachtete mich aufmerksam.

Dieses Mal fiel mir ihre Belustigung deutlich auf, allerdings gab es aktuell einiges, was mich mehr beschäftigte. Ich atmete tief aus und brachte schließlich den Mut und - in jeder Hinsicht - die Geistesgegenwart auf, der Gestalt eine Frage zu stellen.

"Wer bist du?", war das Erste, was mir einfiel, auch wenn mich, ehrlich gesagt, eher beschäftigte, was sie war.

Vielleicht wusste sie das auch, denn ihre Antwort lautete: "Ich bin der Geist, der geschickt wurde, um dich auf deine Aufgabe vorzubereiten."

"Ah", erwiderte ich mit leicht ironischem Unterton. Gut, ein Geist saß in meinem Zimmer. Jetzt war ich an dem Punkt, an dem ich mich fragte, was ich eigentlich genommen hatte.

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Alessandra Reß:
Vor meiner Ewigkeit

Art Skript Phantastik; 200 Seiten; 10,50 Euro.

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