Vorlesung all night long Bis einer schnarcht

Vorlesung mit Fledermaus, Pizza und Bier um Mitternacht: Im Thüringer Wald hält ein Professor einmal im Jahr eine Vorlesung im Fackelschein. Die Nachtlektionen sollen fürs internationale Business stählen - doch soziale Marktwirtschaft im finsteren Wald macht ganz schön müde.

dapd

Mitten in der Vorlesung flattert eine Fledermaus über die Köpfe der Studenten. Doch keiner bemerkt das Tier, das über der Gruppe kreist und dann in den Sternenhimmel verschwindet. Schließlich ist es schon weit nach Mitternacht, und die längste Vorlesung in der kürzesten Nacht des Jahres fordert ihren Tribut: Im Schein der Petroleumfackeln flackern 25 müde Augenpaare. Bis zur Klausur im Morgengrauen sind es noch drei Stunden. "Der härteste Teil der Nacht steht euch noch bevor", ruft Professor Robert Richert, 47, fröhlich in die Runde.

Richert lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Schmalkalden und hat seinen Kurs wie jedes Jahr zur Mittsommernachts-Vorlesung in den Thüringer Wald zitiert. Von der Abend- bis zur Morgendämmerung referiert er auf einer Lichtung über soziale Marktwirtschaft in Deutschland, während seine Zuhörer in ihren Schlafsäcken bibbern. Mit dem siebenstündigen VWL-Marathon will der hemdsärmelige Schnauzbartträger seine Schützlinge auf die Anforderungen des künftigen Berufslebens vorbereiten.

"Gerade im Ausland werden zähe Verhandlungen oft erst nachts um drei an der Bar beendet", sagt Richert. Ein erfolgreicher Unternehmer müsse aber auch dann noch bei klarem Geist Entscheidungen treffen können. "Sonst wird er von seinen chinesischen Geschäftspartnern bis in die frühen Morgenstunden durch die Kneipen Shanghais gezerrt und am Ende übers Ohr gehauen." Außerdem verfolge er ein pädagogisches Ziel: Denn wer einmal die Nacht im Freien durchgefroren habe, wisse den Luxus einer Wohnung und warmen Badewanne wieder zu schätzen.

Pizza und Dosenbier: Rettung und Verderben kurz vor Mitternacht

Richerts Vorlesung bildet den inoffiziellen Abschluss der 15. International Summer School an der Fachhochschule Schmalkalden. An dem dreiwöchigen Austauschprogramm nehmen 30 Studenten aus 15 Ländern teil, die meisten von ihnen aus Übersee. Auch der zwischenmenschliche Austausch komme nicht zu kurz. "Aus dem Programm sind zehn internationale Ehen hervorgegangen", sagt Richert. Vier Hochzeiten schreibt er seinem Kurs zu, bei einer war er sogar Trauzeuge.

Eine Nachtvorlesung als Kuppelveranstaltung? Die heimelige Atmosphäre trägt wohl dazu bei. Grillen zirpen, Glühwürmchen ziehen ihre Kreise und vom Hang aus bietet sich der Blick über den hügeligen Thüringer Wald. Die Studenten sind begeistert: "Wir haben vorher schon von dieser Vorlesung gehört, aber unsere Erwartungen sind übertroffen worden", sagt Sofia aus Australien.

Eine Stunde nach Sonnenuntergang kommt Richert zu den ökonomischen Lehren Adam Smiths. In den nächsten Stunden folgt ein Ritt durch die deutsche Wirtschaftsgeschichte, von Bismarcks Sozialversicherung über das Wirtschaftswunder, bis hin zur Europäischen Währungsunion und zum Mindestlohn. Richert redet frei, "ohne Notizen und technischen Schnickschnack". Einigen Zuhörern sinkt trotzdem der Kopf auf die Brust.

Kurz vor Mitternacht brandet Jubel auf. Der Pizzabote kommt, Richert hat eine Großbestellung aufgegeben, und das weckt die Lebensgeister vorübergehend wieder. Doch Essen und Dosenbier machen die Müdigkeit noch schlimmer. Zwei Inder entschlummern für den Rest der Sitzung, während andere pflichtbewusst neben Windlichtern kauern und eifrig mitschreiben.

Um 1.22 Uhr kommt von hinten das erste Schnarchen

Richert spricht weiter, den Halbmond und die Silhouette der Hügel im Rücken, immer weniger Köpfe ragen aus dem Deckenmeer hervor. Seine Fragen verhallen nun öfter unbeantwortet zwischen den Bäumen.

Um 1.22 Uhr hält Richert plötzlich inne und lauscht. Aus den Reihen erklingt ein deutlich vernehmbares Schnarchen und sorgt für Erheiterung. Kurz darauf geben die ersten auf und machen sich noch vor der Klausur auf den Heimweg. Den Schein für den Kurs werden sie nicht bekommen.

Gegen vier Uhr morgens folgt Richerts Lieblingsmoment, wenn alle die Stimme dämpfen und auf den ersten Vogelruf warten. "Wenn man diese Morgenstimmung in sich aufsaugt, löst das einen regelrechten Endorphinschub aus", sagt der gebürtige Westberliner.

Als sich der Himmel endgültig von schwarz zu blau gewandelt hat, teilt er die Klausurenbögen aus. Die leeren Pizzaschachteln dienen als Schreibunterlage. Nach der Abgabe werde wohl niemand länger bleiben, sagt Richert: "Die wollen danach alle nur noch heim in ihr Bett." Und er selbst? "Ich setze mich danach erst mal in die warme Badewanne und korrigiere die Klausuren."

von Marc Kalpidis, dapd / cht

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