Vorlesung als Show Brennende Bären und heiß gewachste Frauenbeine

Was passiert, wenn Wissenschaftler lustig tun? Sie lassen Gummibärchen auflodern, tasten tanzend ihre Lymphknoten ab und gießen sich flüssiges Wachs aufs Bein. Die Jury des Performing-Science-Wettkampfs urteilte streng - am besten gefiel ihr eine Anti-Powerpoint-Aktion.

Justus-Liebig-Universität Gießen

Von Heike Sonnberger


Die zierliche Frau rollt auf einem Trekkingrad in die Aula. Sie trägt einen Helm und ein silbern glitzerndes Hemd und sie behauptet, so schnell zu radeln wie ein Lichtstrahl. Ein abgebremster Lichtstrahl. Sie quetscht Zahnpasta auf eine Zigarre, steckt sich ein Fieberthermometer in den Mund und schüttet mit ernster Miene eine Schachtel Zuckerwürfel vor sich aus. Zehn Röhrenfernseher zeigen, was sie tut. Mal sind die Filme schneller, mal hinken sie hinterher.

Mit der skurrilen Darbietung will die dänische Künstlerin Ellen Friis, 37, ihren Zuschauern in Gießen nahebringen, wie es der Forscherin Lene Vestergaard Hau vor einigen Jahren gelang, einen Lichtstrahl zu verlangsamen und schließlich zu stoppen. Es fallen Wörter wie Bose-Einstein-Kondensat. Und zum Schluss singt sie mit brüchiger Stimme ein dänisches Kinderlied.

Es reicht für den zweiten Platz beim Performing-Science-Wettbewerb des Gießener Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI). Dabei geht es um die Frage, wie man Wissen innovativ präsentieren kann, fernab von armdicken Lehrbüchern und überlaufenen Hörsälen. Wie können Kunst und Wissenschaft voneinander profitieren? Und: Wie viel Kunst verträgt die Wissenschaft?

Zu viel Performance, zu wenig Science

Chemiker, Experimentalphysiker, Mediziner, Theaterwissenschaftler und Darsteller sind an einem Samstag Mitte September in die Aula der Justus-Liebig-Universität in Gießen gekommen, um ihre Antworten darauf zu geben. Sieben Experten aus ebenso vielen verschiedenen Fachrichtungen sollen sie in öffentlichen Diskussionsrunden bewerten und einen Sieger küren - ohne Punktesystem oder Bewertungsbögen. Die Ansichten sind geteilt, was man von den Bewerbern um den Preis für wissenschaftliche Präsentation und Lecture Performance erwartet. Über den Gewinner ist sich die Jury am Schluss trotzdem überraschend einig.

Mit der Wissenschaft nimmt es nicht jeder der zehn Finalisten so ernst: Gabriela Aldrete, 28, sitzt schwarzhaarig und rotwangig wie Schneewittchen auf einem Tisch und gießt sich flüssiges Wachs über ihr helles, glattes Bein. Hffff. Das Publikum zieht die Luft durch die Zähne ein. "Vielleicht wollt ihr wissen, ob ich mich selbst verbrenne?", fragt sie. "Ich komme aus Mexiko und meine Haut ist viel größere Hitze gewohnt als deutsche Haut." Und so rinnt das Wachs aus den Teelichtern immer wieder ihr Bein hinab in eine Wasserschüssel. Gabriela Aldrete will eine wächserne Skulptur ihrer selbst erschaffen.

Sie kichert, verbrennt sich die Finger. Kritzelt nebenbei Formeln auf ein Flipchart und plaudert über Paraffin. Warum rinnt es in Schnüren hinab? Warum löst es sich im Wasser nicht auf? "Ich glaube nicht, dass man Kunst verstehen kann ohne Chemie", sagt die studierte Restauratorin. Doch die Kunst liegt ihr eindeutig mehr am Herzen als die Naturwissenschaft.

Der Jury ist es zu viel Performance, zu wenig Science. "Sie benutzt das Anliegen der Wissenschaft, um eine Skulptur zu machen. Das war sympathisch, aber hier fehl am Platz", urteilt die Kulturmanagerin und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Schweeger. Auch Hanns Hatt, Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, fand die Aktion "unter Leistungskursniveau".

Mit einer Zigarre durchs Blech

Also kein wissenschaftliches Aha-Erlebnis. Erkenntnis und Erklärung dürfen bei aller Show nicht fehlen, meint Henning Lobin. Der Direktor des ZMI hat den Wettbewerb vor vier Jahren mit ins Leben gerufen. Er soll Einblicke geben, wie Wissen in Zeiten von Science Slams und Kinderunis präsentiert, dargestellt, inszeniert werden kann. Das sei kein neuer Trend, sagt Lobin. Der Chemiker Justus Liebig habe bereits Mitte des 19. Jahrhunderts experimentelle Vorlesungen für die Öffentlichkeit gehalten.

Wissenschaft geschmückt mit etwas Hokuspokus reicht der Jury jedoch nicht. Ein Team um die Chemieprofessorin Stefanie Dehnen aus Marburg lässt Flüssigkeiten auf der Bühne leuchten und Gummibärchen in buntem Qualm verschwinden. Die Wissenschaftler durchbrennen sogar mit einer Zigarre ein Eisenblech, die vorher in flüssigen Sauerstoff getunkt wurde. Dazu erfährt man etwas über Elektronen und Redoxreaktionen.

"Langweilig", heißt es danach aus der Expertenrunde. Die Effekte seien zwar hübsch, aber längst bekannt aus gutem Chemieunterricht. Einen dritten Platz wert: Eine Performerin in einem engen, weißen Neoprenanzug tastet ein Jury-Mitglied nach geschwollenen Lymphknoten ab und demonstriert danach in einer leidenschaftlichen Tanzeinlage, wie man bei sich selbst nach "Erbsen" und "kleinen Smarties" sucht.

Powerpoint gewinnt

Völlig anders verbinden zwei Physiker Forschung mit Kunst. Sie filmen mit einer Hochgeschwindigkeitskamera platzende Luftballons und zerbrechende Spaghetti, um physikalische Phänomene zu veranschaulichen. Und werden dabei nicht müde, Werbung für ein bestimmtes Kameramodell zu machen, "weil das die einzige sinnvolle Kamera ist, die nicht zu teuer für Schulen ist." Das Urteil der Jury: Auch ein dritter Platz, der Preis wird geteilt.

Der mit 5000 Euro dotierte Hauptpreis geht an den Performance-Künstler Daniel Ladnar, 35, der das beliebteste moderne Instrument zur Wissensvermittlung, die Powerpoint-Präsentation, auf die Schippe nimmt. Ladnar promoviert auf dem Gebiet Lecture Performance an der walisische Universität Aberystwyth, ist also Fachmann fürs kreative Vortragen. Sein Thema: Hätte Joseph Beuys Powerpoint benutzt?

Mehrmals blendet Ladnar in seiner Präsentation digitale Folien ein, die seine Gedankenwelt spiegeln, die er aber nur mit Gesten und Mimik begleitet. Auf der Leinwand erscheinen Sätze wie: "Wenn du nervös bist, stelle dir dein Publikum nackt vor." Wortlos lässt Ladnar seinen Blick über die Stuhlreihen schweifen. Lautes Gelächter. Ladnar punktet auch mit dem schmissigen Einzeiler "Guns don't kill people, bullet points do" - und zeigt dazu eine chaotische Folie, die den Krieg in Afghanistan mithilfe eines Wirrwarrs aus Pfeilen und Schlagwörtern erklären soll.

Bei manchem Zuschauer bleibt auch hier zwar das wissenschaftliche Aha-Erlebnis aus, die Frage, was Joseph Beuys getan hätte, beantwortet Ladnar nicht. Doch die Jury zeigt sich begeistert von der raffinierten Kritik an oberflächlicher Wissensvermittlung. Und sie wirkt erleichtert: Mehr oder weniger gute Powerpoint-Präsentationen sind für alle vertrautes Terrain.



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