Vorlesung auf Rädern Einstein-Liebesbriefe für Israels Pendler

Das war eine Überraschung für einen Waggon voller Berufspendler - in Israel verblüffte der Professor Chanoch Gutfreund sie am Mittwoch mit einem Vortrag über Einsteins bewegtes Liebesleben. Ungewohnt allerdings: Die Hälfte der Zuhörer kehrte dem Einstein-Kenner den Rücken zu.

AFP

Albert Einstein hat nicht nur den Status eines wissenschaftlichen Genies, sondern war auch Verfasser gefühlvoller Liebesbriefe. Der israelische Professor Chanoch Gutfreund kennt sich damit aus. Am Mittwoch erzählte der Einstein-Experte in sehr ungewöhnlichem Ambiente über die Briefe des Physikers an seine beiden Ehefrauen - vor Bahnreisenden in einem Nahverkehrszug zwischen Tel Aviv und Modiin.

Es war die erste Vorlesung in einer Serie von "Vorträgen auf Rädern", mit der sich die Hebräische Universität in Jerusalem einem breiten Publikum öffnen will. Der ehemalige Uni-Präsident Gutfreund ist ganz begeistert vom neuen Projekt: "Ein echtes Erlebnis. Ungewohnt ist nur, dass mir etwa die Hälfte der Zuhörer den Rücken zukehren." Gutfreund hütet in Jerusalem das Einstein-Archiv, das auch die Originalbriefe an die beiden Ehefrauen enthält - Mileva Maric und später Einsteins Kusine Elsa Löwenthal.

"Es ist sehr passend, in einem Zugabteil über Einstein zu sprechen", sagte der weißhaarige Professor. In seinen Erklärungen der Relativitätstheorie habe Einstein häufig das Beispiel eines fahrenden Zugs benutzt. Und aus den Liebesbriefen könne man viel über seine Persönlichkeit Einsteins lernen. "Es gibt pikante Details, aber insgesamt ist es eine sehr ernsthafte Angelegenheit", so Gutfreund. "Die Briefe zeigen uns die emotionale und intellektuelle Entwicklung des größten Forschers des 20. Jahrhunderts, möglicherweise aller Zeiten."

Pendler-Reaktion: "Ich genieße jede Minute"

Die Bahnreisenden legten brav ihre Zeitungen und MP3-Player zur Seite und folgten den Ausführungen des Professors über Einsteins bewegtes Liebesleben sehr aufmerksam. Rina Levy, 72, aus Jaffo bei Tel Aviv unternahm die Zugreise extra, um den Vortrag zu hören. "Ich genieße jede Minute", sagte sie. "Ich gehe oft zu Vorlesungen in der Universität, aber dies ist etwas ganz Besonderes." Sie wolle unbedingt auch den nächsten Vortrag in der Serie hören und "viele Leute mitbringen". Auch Pendlerin Isabelle Tovi fand die Überraschung "wunderbar": "Ich würde gern Universitätsvorlesungen besuchen, aber ich habe einfach nicht die Zeit." Eine andere Mitreisende sagte mit einem Augenzwinkern, die Vorträge in der Bahn seien schön preiswert angesichts der Studiengebühren an der Universität.

Für die nächsten kurzen Gratis-Vorlesungen sind Themen geplant von der globalen Erwärmung über die Geheimnisse des menschlichen Gehirns bis zur Erschaffung der Welt. Feste Termine gibt es noch nicht, "wir müssen erst einmal sehen, wie groß das Interesse für die Vorlesungen ist", so Uni-Sprecherin Orit Sulitzeanu. Ziel der Serie sei es, "dem Niedergang der Hochschulbildung in Israel entgegenzuwirken".

Gutfreund stand während seines Vortrags hinter einer blauen Sitzreihe und stützte sich locker auf eine Lehne. Sein Redefluss wurde mehrmals von Lautsprecheransagen unterbrochen, einmal kam der Schaffner in das Großraumabteil und kontrollierte lächelnd die Fahrkarten. Nach gut 20 Minuten Vorlesung zog Gutfreund Bilanz und erklärte, Einstein habe zwar Beziehungen zu vielen Frauen gehabt, die aber letztlich unerfüllt geblieben seien. "Seine große Liebe galt eben doch der Physik." Seine Liebesbriefe seien gleichwohl eine Bereicherung. "In der heutigen Zeit schreibt man sich nur noch kurze SMS", sagte der Professor. "Ich fürchte, der jüngeren Generation geht dabei etwas verloren."

jol/dpa



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