Vorsicht, Prüfung Professoren ohne Peilung

Monatelang müssen Studenten fürs Examen pauken. Aber wer bringt den Hochschullehrern das Prüfen bei? Etliche Professoren könnten Nachhilfe brauchen: Bei Prüfungen halten sie Monologe, stellen fachfremde Fragen - oder lesen sogar Zeitung.
Von Carsten Heckmann

Für den einen ist die Prüfung ein Martyrium. Er ist nervös, bekommt schweißnasse Hände, hat Blackouts. Es könnte sein, dass er ein Jura-Student mitten in der ersten mündlichen Staatsprüfung ist. Ein anderer bleibt währenddessen cool. Er schaut lässig aus dem Fenster oder blättert abgebrüht in einer mitgebrachten Zeitschrift. Es könnte sein, dass er ein prüfender Jura-Dozent ist.

Fiktion? Andreas Michl winkt ab. "Alles schon erlebt", versichert der 28-jährige Leipziger Jurist: "Da saß ich mit drei Kommilitonen vor unseren drei Prüfern. Noch war Zivilrecht angesagt, aber zehn Minuten später sollte Öffentliches Recht drankommen. Und was tut der Ö-Recht-Prof? Blättert im Gesetz rum, macht sich Notizen. Der hat sich offenbar erst in dem Moment seine Fragen ausgedacht!"

Das ist zweieinhalb Jahre her, aber Michl ist noch immer entrüstet. Die Prüfung war von Anfang an nicht gut gelaufen. "Gleich mit der ersten Frage konnte keiner von uns was anfangen", erzählt Michl. "Eisiges Schweigen bei allen. Aber statt mit was anderem weiterzumachen, hackt der Prof weiter auf diesem Thema rum und wartet auf eine Antwort."

Monologe aus Gewohnheit

Schweigen ernten Prüfer häufig. Das muss nicht an den Examenskandidaten liegen. "Es gibt Kollegen, die können ihre Fragen nicht so stellen, dass der Kandidat sie versteht. Damit erzeugen sie Verwirrung", sagt Heinz-Elmar Tenorth, Professor und Vizepräsident für Lehre und Studium an der Berliner Humboldt-Universität.

Oftmals zeugt das Schweigen aber nicht von mangelndem Wissen oder Nichtverstehen, sondern von einer Art Unterdrückung. Das deutet zumindest die Germanistin Dorothee Meer an, die sowohl Prüfungs- als auch Sprechstundengespräche an der Ruhr-Universität Bochum erforscht hat: "Viele Studierende verhalten sich in der mündlichen Prüfung wie in der Sprechstunde. Auch da verfallen sie in Einsilbigkeit, schweigen viel."

Die Hauptschuld liege bei den Prüfern, die den Studiosi wenig Chancen ließen: "Wissenschaftler sind den ganzen Tag darauf angewiesen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Viel zu reden ist bei ihnen automatisiert. Ihre Monologe sind der kardinale Fehler."

Müde Professoren geben gute Noten

Aber nicht der einzige: Prüfer benoten besser, je müder sie sind. Sie benachteiligen Studenten, die das Pech haben, nach einem sehr guten Kandidaten an der Reihe zu sein. Der Schwierigkeitsgrad der gleichen Prüfung variiert von Semester zu Semester - nur drei Beispiele aus den Erkenntnissen von Evaluationen des Interdisziplinären Zentrums für Hochschuldidaktik (IZHD) an der Universität Bielefeld.

IZHD-Direktor Wolff-Dietrich Webler begann 1976 mit Seminaren, in denen er Hochschullehrer über Fehler und Fallen aufklärt. Er sagt: "Die deutsche Hochschulwelt leidet darunter, dass es keine Prüfungsausbildung gibt. Prüfungen sind daher hochgradig mit Fehlern belastet - aus Unkenntnis der Prüfenden."

"Die Professoren haben ihre Prüfungsberechtigung ja automatisch per Titel", konstatiert Antje Janina Gornig vom Leipziger Studentenrat mit Unverständnis. Zudem säßen in Prüfungen mitunter zwangsverpflichtete, unwillige Kollegen dabei. "In manchen Fächern dürfen die sogar was fragen." Nicht nur das: Sogar mit fachfremden Fragen müssen sich Examenskandidaten teilweise auseinandersetzen - was unzulässig ist.

Einer Weiterbildung, die eigentlich eine Erstausbildung wäre, unterziehen sich die wenigsten Wissenschaftler. Nachhilfe, Fehler, Unkenntnis? Die meisten Professoren fühlen sich da nicht angesprochen oder zu Unrecht kritisiert. "Die reagieren teilweise empört und pochen auf ihre Fachkompetenz. Dabei will ihnen die ja niemand absprechen", sagt Didaktiker Webler.

"Die Prüfungsformen sind völlig phantasielos"

Seine inzwischen freiberufliche Kollegin Dorothee Meer schrieb vor einiger Zeit vom Weiterbildungszentrum der Bochumer Uni aus rund 2000 Briefe an Lehrende, lud sie zum Lernen ein. "Ganze 20 haben sich gemeldet", berichtet Meer.

Die Hochschuldidaktiker wollen aber nicht nur den Professoren anlasten, dass Prüfungen krisenanfällig sind. "Die Prüfungsformen sind zu eng und völlig phantasielos", so Wolff-Dietrich Webler. "Soziale Inhalte müssten rein", sagt Gerd Mannhaupt, vor zwei Jahren Vorsitzender einer Sachverständigenkommission "Prüfungskultur" in Nordrhein-Westfalen.

Ideen für Veränderungen gibt es zuhauf: Teamfähigkeit im Team prüfen. Dialogische Formen versuchen. Projekte entwickeln lassen. Doch solche Ideen sind momentan "in den Hintergrund getreten", weiß Gerd Mannhaupt. "Ihre Realisierung wäre ja auch arbeits- und damit personalintensiv - und liefe dem Trend zur Ökonomisierung entgegen."

Prüfer notfalls unterbrechen

Solange sich weder bei den Prüfungsformen noch bei den Fähigkeiten der Prüfer etwas ändert, rät Dorothee Meer den Studenten zur Offensive: "Ich sollte Prüfer bei ihren Monologen unterbrechen, wenn ich was weiß. Ich muss mich produktiv in den Mittelpunkt stellen."

Zudem, das betont Meer besonders, entscheide über Wohl und Wehe der Prüfung oft schon die Vorbereitung im Gespräch mit dem Prüfer. "Den muss ich gezielt fragen, was passieren wird, was erwartet wird. Da muss ich auf Details bestehen."

Das setze natürlich Mut voraus. Aber Meer glaubt an den guten Willen bei den Prüfern. Sogar an ein "latentes Problembewusstsein". Und sie hat eine tröstende Wahrheit parat: "Prüfungen können auch krisenfrei verlaufen."

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