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VWL-Studenten kämpfen für neue Lehrpläne: "Wir sind jetzt eine Bewegung"

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Lehrpläne von VWL-Studenten "Wir lernen Theorien, die nicht stimmen"

Kapitalistisch, einseitig, realitätsfern: Das VWL-Studium predigt Markteffizienz und ignoriert alternative Wirtschaftsmodelle, kritisieren Studenten aus 19 Ländern in einem internationalen Aufruf. Lena Kaiser, 25, erklärt, warum auch der Ökonom Thomas Piketty ihre Bewegung unterstützt.
Zur Person
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Lena Kaiser, 25, studiert im 4. Master-Semester in Frankfurt am Main Politische Theorie. Vorher machte sie ihren Bachelor in VWL und Philosophie in Mannheim. In dem Netzwerk Plurale Ökonomik engagiert sie sich für eine Neuausrichtung des Wirtschaftsstudiums: weg von der Dominanz neoklassischer Ökonomie-Modelle hin zu alternativen Theorien und Methodenvielfalt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kaiser, wäre das VWL-Studium so, wie Sie und Ihre Mitstreiter es sich vorstellen: Hätte man die Finanz-, Wirtschafts- und Währungskrisen der vergangenen Jahre verhindern können?

Kaiser: Die Monokultur an den Wirtschaftsfakultäten hat jedenfalls nicht geholfen, eher im Gegenteil. Das VWL-Studium wird dominiert von der neoklassischen Wirtschaftstheorie: effiziente Märkte, quantitative Methoden und der allzeit rational handelnde Homo oeconomicus. Spätestens die Krisen haben diese Modelle jedoch ad absurdum geführt; sie wurden weder rechtzeitig erkannt, noch konnten sie abgemildert oder gar erfolgreich bekämpft werden. Stattdessen haben wir jetzt weltweit multiple Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ziel ist eine breiter aufgestellte Volkswirtschaftslehre. Die Lehrpläne von Bachelor- und Masterstudiengängen platzen aber so schon aus allen Nähten. Was soll wegfallen?

Kaiser: Theorien, von denen wir wissen, dass sie nicht stimmen, wie zum Beispiel die "Theorie des allgemeinen Gleichgewichts". Demnach gibt es einen optimalen Zustand, an dem alle Märkte perfekt funktionieren, alle Bedürfnisse befriedigt und alle Ressourcen effizient genutzt werden. Dieses von der Realität überholte Modell gilt immer noch als Benchmark. Wenn man es aus den Lehrplänen streichen würde, hätte man Platz für Neues.

SPIEGEL ONLINE: Darf der Homo oeconomicus bleiben?

Kaiser: Auch der Homo oeconomicus ist nicht alternativlos, gerade über das Menschenbild muss noch viel geforscht und diskutiert werden. Wir fordern einen Wettstreit von verschiedenen Ideen, Erklärungsansätzen und Methoden - und kritisieren das Predigen von unrealistischen Theorien, die Studenten in Klausuren stumpf herunterbeten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Theorien bilden die Wirklichkeit doch nie eins zu eins ab.

Kaiser: Nein, deshalb sollten man auch Theorievergleiche anstellen. Aber so eine Form der Lehre habe ich in der VWL nie erlebt. Gerade am Anfang des Studiums wird so gut wie gar nicht auf aktuelle Ereignisse eingegangen. Stattdessen: die immer gleichen Lehrbücher, Theorien und Schaubilder.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Wissenschaftler ihre Disziplin selbst kaputtgemacht?

Kaiser: Für Jungforscher, die keine Anhänger der Neoklassik sind, ist es in der VWL schwierig bis unmöglich, Karriere zu machen. Denken Sie nur an die wichtigen Journals, in denen man publizieren muss: Die sind von vorne bis hinten neoklassisch.

SPIEGEL ONLINE: Aber es hat doch seit der Finanzkrise durchaus auch einen Umschwung in der Forschung gegeben: Die Verhaltensökonomik ist en vogue, Paul Krugman schreibt in der "New York Times" zu aktuellen Fragen und kritisiert dabei seine eigene Zunft, und der Milliardär George Soros finanziert zum Beispiel das alternative Forschungsnetzwerk Institute for New Economic Thinking.

Kaiser: Diese Entwicklungen sind alle grundsätzlich zu begrüßen. Aber einiges, was als Umdenken beschrieben wird, ist nur alter Wein in neuen Schläuchen. Beispielsweise ist die Verhaltensökonomik eigentlich nur eine Erweiterung und Verfeinerung des neoklassischen Modells.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits vor zweieinhalb Jahren im UniSPIEGEL dieselben Forderungen gestellt. Was hat sich seither in Lehre und Forschung geändert?

Kaiser: Es haben sich mehr Studentengruppen zu dem Thema gegründet, und wir tauschen uns besser untereinander aus. Wir erfahren mittlerweile auch breite Zustimmung, wenn wir unser Thema in die Öffentlichkeit tragen. Die Unis müssen sich also mit uns auseinandersetzen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem jüngsten internationalen Aufruf  fordern 40 Studentenvereinigungen aus 19 Ländern, darunter Brasilien, Indien und Russland, eine Plurale Ökonomik. Deutschland ist mit 15 Gruppen am stärksten vertreten, die USA dagegen mit nur einer Gruppe sehr schwach - woran liegt das?

Kaiser: Die Initiative ist noch sehr jung. Wir hatten im Januar unsere erste Skype-Konferenz. In Deutschland sind wir gut vernetzt, in den USA ist es noch nicht so weit. Aber es gibt dort trotzdem Proteste von Wirtschaftsstudenten, auch an Elite-Unis wie Harvard. Wir merken erst jetzt, wie viele Gruppen auf der Welt sich über die gleichen Themen Gedanken machen. Kurz nach der Veröffentlichung des offenen Briefes hatten wir schon knapp 1200 Unterzeichner aus 62 Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Auch der französische Ökonom Thomas Piketty, der zurzeit mit einem kapitalismuskritischen Buch über soziale Ungleichheit für Aufsehen sorgt, unterstützt den Aufruf.

Kritisches Denken kommt an Unis zu kurz
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Die Studenten haben sich im Bachelor-System eingerichtet, sie sind zufrieden - doch kritisches Denken lernt der akademische Nachwuchs immer weniger, bemängeln Forscher. Die Studenten selbst vermissen vor allem eine gute Berufsvorbereitung. mehr... 

Kaiser: Ja, über unser weltweites Netzwerk haben wir gute Kontakte an viele Unis. Wir sind jetzt eine Bewegung.

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