Familie Warum Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen

Manche Menschen wollen ihre Eltern nie wieder sehen, meist aus guten Gründen. Therapeutin Sandra Konrad erklärt, wie es dazu kommt - und warum die Sehnsucht nach einer heilen Familie häufig trotzdem nicht aufhört.

Weihnachten ist die Zeit, heißt es, in der man sich auf die Familie besinnen möge. Aber was, wenn man nichts mehr mit seinen Eltern zu tun haben will?

Die Autorin Charlotte Roche kennt die Situation: "Es war sehr, sehr schmerzhaft, sich von lebenden Eltern zu trennen", sagte Roche Ende November in einem Interview über den Kontaktabbruch zu ihren Eltern. Diese wären in ihrer Kindheit nicht gut für sie gewesen.

Damit sprach Roche über ein "absolutes Tabuthema", sagt die Hamburger Familientherapeutin Sandra Konrad. "Viele Menschen, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben, reden nur ungern darüber. Ein schlechtes oder gar kein Verhältnis zu den Eltern zu haben ist oft schambesetzt."

Doch spätestens an Weihnachten kommen diese Momente, in denen man sich vielleicht doch erklären muss. Wenn die Kollegen oder Nachbarn wissen wollen, wann es denn in die Heimat geht, zu den Eltern. Sandra Konrad erklärt im Interview, wieso erwachsene Kinder den Kontakt zu Mutter oder Vater abbrechen, wie es ihnen damit geht - und wie sie als Therapeutin vorgeht, um ihnen zu helfen.

Zur Person
Foto: Kirsten Nijhof

Dr. Sandra Konrad ist Diplom-Psychologin und Buchautorin. Sie arbeitet als systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin in Hamburg. Wie stark die Familie uns über Generationen hinweg beeinflusst, beschreibt sie in ihrem Buch »Das bleibt in der Familie – Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten«.

SPIEGEL ONLINE: Frau Konrad, wie kommt es dazu, dass erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen?

Sandra Konrad: Konflikte gibt es in jeder Familie und viele ziehen sich nach einem Streit erst einmal voneinander zurück. Ein vollständiger Kontaktabbruch ist eine andere Dimension. Er ist oft auf eine tiefere Wunde zurückzuführen, zum Beispiel darauf, dass Kinder sich schon früh und lange nicht gesehen, gehört oder geliebt fühlten. Ein Streit kann dann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, während das eigentliche Problem ein ganz anderes ist - zum Beispiel physische oder psychische Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Kontaktabbruch in solchen Fällen der richtige Weg?

Konrad: Für manche ist es für eine Zeit lang oder sogar für immer der einzige Weg, um weiterleben zu können. Das ist in Familien so, in denen die Eltern dauerhaft toxisch sind, zum Beispiel, weil sie gewalttätig waren oder sind. Zu den Eltern solcher Familien kann der Kontakt krank machen, im Kindes- und Erwachsenenalter. Dann ist es besser, sich selbst und auch nachfolgende Generationen, die eigenen Kinder, vor diesen zerstörerischen Eltern zu schützen. Aber egal, warum Menschen ihre Eltern nie wieder sehen und sprechen wollen: Man kann ans andere Ende der Welt ziehen, trotzdem wird man es nie schaffen, die Familie hinter sich zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell fällt jemand die Entscheidung, den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen?

Konrad: Niemand wacht morgens auf und denkt: "Oh, ich möchte meine Eltern nicht mehr!" Das ist ein langer, schmerzhafter Prozess, der immer wieder von der Hoffnung geprägt ist, dass die Eltern vielleicht doch noch die werden, die man schon immer gebraucht hat. Neben den Kontaktabbrechern gibt es auch die, die blind an ihrer Familie festhalten, egal, wie destruktiv sie ist. Ich habe schon erlebt, dass Menschen, die von ihren Eltern missbraucht wurden, auch die eigenen Kinder zu den Großeltern bringen - obwohl die Gefahr besteht, dass sie ebenfalls missbraucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Eltern dieses Risiko ernsthaft eingehen?

Konrad: Sie haben sich nicht abgelöst - und sind auf eine krankhafte Weise loyal. Loyalität ist ein starker Klebstoff, selbst dann, wenn Kinder von ihren eigenen Eltern missbraucht wurden. Gesunde Ablösung bedeutet, dass ich meinem Kind gegenüber loyaler bin als meinen Eltern, auch, wenn ich die Eltern dadurch verletze, gegen mich aufbringe oder familiäre Gesetze breche. Wer in der Kindheit Schlimmes erlebt hat, bekommt das aber häufig nicht hin: Er steht zu den Eltern, die Sehnsucht nach der idealen Familie hört nie auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt sich ein finaler Kontaktabbruch für die Eltern an?

Konrad: Sie fühlen sich häufig ohnmächtig und verzweifelt und erleben einen Trennungsschmerz, der seelisch und sogar körperlich wehtun kann. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle, die so unerträglich sind, dass sie oft abgewehrt werden. Solange Eltern die Konflikte mit ihren Kindern nicht ehrlich reflektieren, tragen auch sie dazu bei, dass der Konflikt nicht gelöst werden kann. Die Beziehung erstarrt, es gibt nicht die nötige Weiterentwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es denen, die den Kontaktabbruch herbeigeführt haben?

Konrad: Für manche wird er als Befreiungsschlag erlebt. Da stellt sich endlich ein Gefühl von Macht ein: "Diese Entscheidung habe ich allein getroffen, jetzt tut mir keiner mehr weh." Ein Abbruch kann als erleichternd empfunden werden, er schützt die Betroffenen ja tatsächlich erst einmal vor weiteren Eskalationen. Aber wirklich gelöst werden Probleme so nicht, sie werden so nur auf Eis gelegt und irgendwann holen sie uns ein.

SPIEGEL ONLINE: Wann?

Konrad: Zum Beispiel, wenn ein Elternteil krank wird oder stirbt. Dann muss derjenige, der den Kontakt abgebrochen hat, neu entscheiden: Will er vielleicht doch noch mal reden, bevor alles vorbei ist? Spätestens, wenn man eigene Kinder bekommt und sie nach den Großeltern fragen, muss man sich dem Thema noch mal stellen.

SPIEGEL ONLINE: Jemand sucht Sie auf und sagt, dass er den Kontakt zu den Eltern abgebrochen hat - aber nicht damit klarkommt. Wie gehen Sie vor?

Konrad: Ich schaue mit meinen Klienten in ihre Lebens- und Familiengeschichte. Kontaktabbruch ist oft ein transgenerationales Phänomen, also etwas, was in verschiedenen Generationen immer wieder auftritt. Das heißt, dass in der Familie keine gesunden Konfliktlösestrategien vorgelebt und entwickelt werden konnten. Und da setze ich dann an: Wie können Sie sich übereinander ärgern und trotzdem in Kontakt bleiben? Wie schaffen Sie es, Ihre Bedürfnisse zu formulieren? Wie setzen Sie gesunde Grenzen?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal vor einem Klienten gesessen, dem sie am liebsten geraten hätten, er solle sofort die Kontaktdaten seiner Eltern löschen?

Konrad: Als Therapeutin gebe ich keine Ratschläge. Ich frage: "Was brauchen Sie, damit es Ihnen gut geht? Damit Sie sich sicher fühlen?" Ich begleite Klienten auf ihrem Weg - in die oftmals traurige Vergangenheit und hoffentlich in eine bessere Zukunft. Ich finde es wichtig, dass Menschen die Tragweite ihrer Entscheidungen fühlen und verstehen und in Bezug auf ihre Familie und ihr eigenes Leben mehr Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Ist das dann auch eine Suche nach dem oder den Schuldigen?

Konrad: Darum geht es gar nicht. Eltern, die ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind, waren schließlich selbst mal Kinder - und wurden womöglich auch nicht richtig versorgt. Täter waren häufig selbst mal Opfer. Es passiert nicht selten, dass Eltern das irgendwann durchaus auch reflektieren können. Und sich bei ihrer Tochter oder ihrem Sohn entschuldigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau könnte man eine solche Entschuldigung formulieren?

Konrad: Es geht nicht um die einzelnen Worte, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen und das Leid, das man dem Kind zugefügt hat, anzuerkennen. Wer bereit ist, sein bisheriges Verhalten zu hinterfragen und zu verändern, ist auf einem guten Weg. Und dann passiert wahrscheinlich Schritt für Schritt das, was sich jedes Kind wünscht: Eltern zu haben, die ihr Kind sehen, ernst nehmen und lieben.