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23. November 2012, 16:55 Uhr

Rechtsextreme Burschenschafter

Träumen von der Revolution

Von und

Der Machtkampf zwischen völkischen und national-liberalen Bünden beim Burschentag in Stuttgart offenbart: Burschenschaften wirken wie ein Magnet auf rechtsextreme Aktivisten. Die notorisch klamme braune Szene locken Ressourcen - und ideologische Übereinstimmung.

Die Stimmung ist schon am Morgen gereizt zwischen rechtsextremen und national-liberalen Burschenschaftern. Dabei beginnt der eigentliche Sonder-Burschentag in Stuttgart offiziell erst am Freitagnachmittag. Geradezu aggressiv müssen die Vorgespräche in den Hinterzimmern verlaufen sein. Wenn kein Wunder geschieht, wird sich daran wenig ändern - und die größte Spaltung in der Geschichte der Deutschen Burschenschaft (DB) wird am Wochenende besiegelt.

Liberalere Burschenschaften wollen sogar ganze Bünde wegen rechtsextremer Umtriebe aus dem Dachverband ausschließen lassen - einige Anträge wenden sich gegen offensichtlich verfassungsfeindliche Bestrebungen rechter Bünde. Aber wie konnte es so weit kommen, dass völkisches und großdeutsches Gedankengut in der DB eine derart starke Stellung erlangen konnte?

Der Schlüssel zum Verständnis liegt bei der fast schon traditionellen gegenseitigen Anziehung von Burschenschaften und verfassungsfeindlichen Rechtsextremen: Auf der einen Seite haben die Studentenbünde seit Jahrzehnten Nachwuchsprobleme. Nur noch wenige Studenten fühlen sich von ihnen angesprochen. Die Freude über jeden neuen Aktiven ist daher groß - selbst wenn er auf eine einschlägige Vergangenheit in rechtsextremen Strukturen zurückblickt.

Der Verfassungsschutz nimmt Burschenschaften stärker in den Blick

Auf der anderen Seite sind für den rechtsextremen Nachwuchs die Burschenschaften nicht zuletzt wegen ihrer Ressourcen attraktiv: Die rechte Szene leidet unter chronischem Geldmangel und hat oft Schwierigkeiten, Räume für Veranstaltungen zu finden. Burschenschaften hingegen residieren meist in ausladenden Villen in bester Lage - und sie verfügen über Geld. 500 bis 700 Euro zahlt jeder Alte Herr etwa im Jahr an seinen Bund, in Österreich können es bis zu 2500 Euro sein. Es kommt vor, dass die aktiven Studenten eines mittelgroßen Bundes über etwa 10.000 Euro im Jahr verfügen können, ohne Rechenschaft über die Verwendung ablegen zu müssen.

So verwachsen Rechtsextreme und Burschen zu einer ideologischen Zweckgemeinschaft. Eine Entwicklung, die auch der Verfassungsschutz mittlerweile ernster nimmt. Die Behörde hat deswegen einige Burschenschaften wieder stärker im Visier. In den aktuellen Berichten sind sowohl die Bonner Raczeks sowie die Münchner Danubia aufgeführt - etwa wegen des Streits um die sogenannten Ariernachweis-Anträge und wegen militanter Rechtsextremer, die zugleich Burschenschafter waren. Der "Süddeutschen Zeitung" teilte das Bundesamt für Verfassungsschutz zudem mit, man habe ein Auge auf die Vorgänge in der DB.

Nun formiert sich deutlich Widerstand. Die national-liberalen Teile der Burschenschaften sind nicht mehr bereit, diesen Marsch nach rechts mitzutragen.

Die rund 400 Abgesandten der Bünde verhandeln in Stuttgart nun über zahlreiche Anträge, die im Vorfeld bekannt geworden sind. Es sind Dokumente einer bevorstehenden Scheidung. Sie offenbaren: Beide Seiten haben sich gut munitioniert. Bemerkenswert ist etwa der Antrag eines liberaleren Bundes, Burschenschaften das Stimmrecht zu entziehen, wenn sie in Verfassungsschutzberichten erwähnt werden.

"Abschaffung des Parteienstaats" in Verbandszeitung gefordert

Insbesondere die Begründung ist aufschlussreich - denn sie zeigt, in welche Richtung Teile des rechtsextremen Flügels nach Auffassung der national-liberalen Burschenschafter drängen. Darin heißt es: "Solange der Verband sich nicht durch Mehrheitsbeschluss dem systemrevolutionären Kampf verfassungsfeindlicher Gruppierungen anschließt, darf er nicht von einzelnen Burschenschaften dahingehend in Geiselhaft genommen werden." Das ist ein ebenso deutlicher wie sarkastischer Seitenhieb auf jene Fraktion unter den Rechtsextremen, die tatsächlich von einer braunen Revolution träumt.

Ausführlich dürfen die Strammrechten ihre Phantasien etwa in der Verbandszeitung "Burschenschaftliche Blätter" verbreiten. So erschien dort im Sommer ein "Manifest zur revolutionären Neuordnung" des Münchner Danuben Michael Vogt, der bis vor fünf Jahren als Medienwissenschaftler an der Uni Leipzig lehrte.

Das fünfseitige Manifest ist ebenso drastisch wie eindeutig: Zu lesen ist von der "Abschaffung des Parteienstaats" und der "Herstellung wirklicher Volksherrschaft", dem Austritt aus Nato und Euro-Zone, der Kündigung grundlegender EU-Verträge, nicht zuletzt vom Ende der "Instrumentalisierung der deutschen Geschichte". Gespickt ist der Text mit allerlei Angriffen auf die "gleichgeschaltete Presse" und die "mentale Vernichtungsmentalität der PC-Aufpasser", womit die vermeintlich vorherrschende politische Korrektheit gemeint ist. Momentan stünde man "in einer vorrevolutionären Phase eines im Niedergang befindlichen Systems".

Die ziemlich unverblümte Schmähung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung veranlasste die Bundesregierung, ihre Sicht auf die Deutsche Burschenschaft zu ändern, wenn auch nur in Nuancen. Jahrelang hatte sie kundgetan, die DB als Ganzes sei nicht rechtsextrem. Jetzt erkannte sie in dem Manifest Vogts einen potentiellen "Ansatzpunkt für verfassungsfeindliche Bestrebungen". Man werde die weitere Entwicklung anlassbezogen prüfen.

Wiedervereinigung stärkte die radikalen Kräfte

Dass die Burschenschaften ideologisch prädestiniert sind für die Unterwanderung durch systemrevolutionäre Rechtsextreme, hat auch mit ihrer Geschichte zu tun: Die Urburschenschaft gründete sich 1815, als viele Studenten aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon zurückkehrten. Den Sieg im Rücken, träumten sie von der Überwindung der deutschen Kleinstaaterei - Deutschland solle künftig überall dort sein, wo Deutsche leben, die Herrschaft der Fürsten durch eine konstitutionelle Monarchie ersetzt werden. So ist das großdeutsche Denken den Burschenschaften ebenso in die Wiege gelegt wie das umstürzlerische Element.

Ausgerechnet die deutsche Wiedervereinigung hat erheblich zur Radikalisierung der vergangenen Jahre beigetragen: Für viele Burschenschafter erfüllten sich langgehegte Träume, sie konzentrierten sich auf die reine Traditionspflege. Politisch weiter hochaktiv blieben hingegen jene Burschenschafter, die ihr Ziel erst erreicht sehen, wenn auch Österreich, Südtirol und ehemalige deutsche Siedlungsgebiete in Osteuropa zu einem deutschen Staat gehören. Spätestens seit Mitte der neunziger Jahre kursieren regelmäßig Konzepte in der Szene, die für eine enge Zusammenarbeit von Burschenschaften und militanten rechtsextremen Strukturen wie Freien Kameradschaften plädieren.

So wird auch verständlich, wieso gerade die österreichischen Bünde als Speerspitze der Rechtsextremen gelten. Dort nehmen Burschenschaften zum Beispiel an Veranstaltungen wie dem Ulrichsbergtreffen teil, bei denen auch Waffen-SS-Veteranen geehrt werden. Die Wiener Burschenschaft Olympia war zudem einige Jahre lang, von 1961 bis 1973, behördlich aufgelöst, weil mehrere Mitglieder an Bombenanschlägen in Südtirol beteiligt waren.

Auch die Olympen haben jetzt einen Antrag nach Stuttgart mitgebracht: Der Burschentag möge beschließen, dass man sich für "eine vollkommene Tiroler Einheit" einsetze. Es ist nicht davon auszugehen, dass die national-liberalen Bünde so etwas mittragen werden.

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