Was kostet die Welt? Istanbul, chaotisch und köstlich

Früher war in Istanbul jeder Millionär. Das änderte sich bei der Währungskorrektur: Sechs Nullen wurden von den Geldscheinen gestrichen. Austauschstudent Oliver Ulrich erzählt, wie man in der Metropole am Bosporus königlich leben kann.

Von Oliver Ulrich


Es gibt sicher teurere Metropolen als Istanbul; Zürich, Paris oder Moskau zum Beispiel. Gleichwohl können einem auch in Istanbul dieYeni Türk Lira (YTL, im Volksmund auchYetele) unerwartet schnell durch die Finger rinnen. Denn gerade im europäischen Teil der Stadt, in Beyoglu, Taksim oder Nisantasi, ist das Leben kostspielig. Die Preise sind etwa so hoch wie in den deutschen Städten Frankfurt, Hamburg und München.

Wohnen

Als Austauschstudent an einer privaten Uni in Istanbul hat man's nicht leicht. Während die Kommilitonen in edlen Osmanen-Konaks mit Blick auf den Bosporus logieren und das Wochenende im Sommerhaus der Eltern verbringen, sind die Wohnmöglichkeiten für Erasmus-Gäste begrenzt.

In Wohnheimen bewegen sich die Mieten zwischen 80 und 440 Euro - je nachdem, ob man sich das Zimmer mit einem oder elf Studenten teilt, ob man gemütliches Hotel- oder sprödes Kasernenflair bevorzugt. Die Hausregeln sind überall gleich: Alle Besucher werden markiert und müssen bis um elf Uhr abends das Wohnheim verlassen. Partys nach ein Uhr sind verboten, Alkohol sowieso. Uniformiertes Wohnheimpersonal hält wie eine Anti-Terror-Einheit Wache - und entdeckt fast jeden Regelverstoß.

400 bis 600 Yeterle (220 bis 330 Euro) kostet ein einfaches WG-Zimmer - ohne Kontakte leider kaum zu bekommen - in der Nähe des Stadtzentrums. Der Internetanschluss ist meist inklusive, ebenso ein Heerschar freundlich grüßender Transsexueller, die allabendlich vor der Tür auf und ab marschieren. Denn erschwingliche Zimmer für Normalstudenten gibt es meist nur in verlassenen Seitengassen. Zum Glück belegt Istanbul im Kriminalitäts-Ranking des European Crime and Safety Survey (EU ICS) einen beruhigenden Mittelfeldplatz - noch hinter Berlin und Brüssel.

In Randbezirken bekommt man Appartements schon für 140 bis 160 Euro im Monat. Doch Zeit ist kostbar, vor allem als Austauschstudent - einen zweistündigen Fahrtweg zur Uni nimmt in der 15-Millionen-Metropole niemand gern in Kauf.

Von A nach B

Der Verkehr ist mit endlosen Autoschlangen und ständigen Hupattacken das gelebte Chaos, die Transportsituation ab Mitternacht vor allem eines: katastrophal. Kommt man spät aus der Bar, fahren keine öffentlichen Busse mehr. Zu Fuß ist es zu weit. Bleibt nur das Taxi. Aber selbst wenn man sich das zu mehreren teilt, wird's teuer. Denn nach Mitternacht gilt der Spättarif, eine Fahrt schlägt doppelt zu Buche. Weitere 5,50 Euro, die man sich nicht allzu häufig antun will.

Am Tag sind öffentliche Busse das günstigste Reisemittel (mit Studentenausweis rund 45 Cent pro Fahrt). Die fünf Kilometer nach Hause dauern allerdings grundsätzlich 45 Minuten - denn in Istanbul ist immer Stau.

Wer's gemütlicher mag, nimmt den klimatisiertenDolmus, ein gelbes Sammeltaxi. Die Fahrt kostet je nach Entfernung 1,10 bis 2,50 Euro, man hört wahlweise die Radioübertragung des Istanbuler Stadtderbys oder die arabesken Schmachtfetzen des nationalen Minnesängers Ibrahim Tatlises, der nimmermüde von enttäuschter Liebe trällert.

Fast umsonst sind auch die spektakulären Fährrouten auf dem Bosporus - in 20 Minuten nach Asien für 45 Cent. Den Spaß kann man sich bei schönem Wetter den ganzen Tag gönnen. Selbst die Fahrt zu den idyllischen Prinzeninseln, immerhin anderthalb Stunden, kann man für denselben Preis genießen - mit Gratis-Begleitung durch einen treuen Schwarm Delphine.

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