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26. August 2014, 08:10 Uhr

Was kostet die Welt?

Izmir, Meer und mehr

Von Samuel Acker

Auslandssemester in der Türkei kann jeder? In Istanbul vielleicht, aber Izmir ist eine Herausforderung: In der Millionenstadt lässt sich zwar mit Meerblick frühstücken, und 150.000 partyfreudige Studenten feiern wild, aber ohne Türkisch läuft nicht viel.

So groß und quirlig wie Berlin, aber bei 36 Grad im Sommer und mit Traumstrände in direkter Umgebung: So ist Izmir, die 3,4-Millionen-Stadt an der türkischen Westküste. Die liegt malerisch zwischen einer ägäischen Bucht und bergigem Hinterland. Doch nicht nur die Lage ist verlockend: Das "ungläubige Izmir" gilt als liberalste und westlichste Stadt der Türkei und kann in Sachen Lockerheit sogar der Megametropole Istanbul noch etwas vormachen. Student Ulas Çinarli, 24, kommt ursprünglich aus Ankara, studiert in Izmir seit fünf Jahren Kommunikationswissenschaft und ist Izmir-Fan. Viel lockerer als in Ankara oder Istanbul gehe es zu und das könnte am guten Wetter liegen, glaubt Çinarli - einfach, "weil hier fast immer die Sonne scheint".

Rund 150.000 Studenten studieren in Izmir an neun Hochschulen. Die meisten davon sind Privatunis, Austauschstudenten sind aber in der Regel von Gebühren befreit. Timo Huguet aus München, 21, hat ein Auslandssemester auf dem modernen Campus der privaten Yasar-Universität absolviert. Er sagt: "In Izmir selbst fühlt man sich wie in Europa, aber wenn man ein bisschen ins Hinterland fährt, ist man in einer anderen Welt."

Dort ziehen Bauern noch mit Eselkarren umher und das Kilo Tomaten kostet knapp 30 Cent. Um sich hier zu verständigen, braucht man aber zwingend Türkischkenntnisse. "Auch an der Uni können viele Studenten eher bescheidenes Englisch. Die wichtigsten türkischen Vokabeln helfen da enorm." Türkisch zu lernen, ist nicht ganz einfach, macht aber aufgrund der vielen Ös und Üs gute Laune: Der Singsang von "Görüsürüz!" zum Beispiel, auf Deutsch schlicht "Wir sehen uns!".

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Fliegen und Fahren: Möwen als Begleitschutz

Von Deutschland aus gibt es günstige Direktflüge nach Izmir, von München zum Beispiel ab 50 Euro. Darüber hinaus kommt man von quasi jedem deutschen Flughafen über Istanbul nach Izmir. Der Flug dauert rund drei Stunden. Vom Izmirer Flughafen kommt man dann entweder mit dem Busshuttle (3 Euro) oder mit der S-Bahn (0,70 Euro) in knapp 30 Minuten in die Innenstadt.

Izmir hat zwei Metrolinien, zwei S-Bahnen und ein gut ausgebautes Busnetz. Studenten erhalten gegen Vorlage der Studienbescheinigung ein Semesterticket, das sie an Metrostationen und Kiosken mit Geld aufladen können. Mit dieser Karte kostet jede Fahrt knapp 40 Cent - das Ticket gilt 90 Minuten und man darf so oft umsteigen, wie man möchte. Da der Verkehr in Izmir nicht annähernd so chaotisch ist wie in Istanbul oder Ankara, kann man sich hier auch mit Fahrrad oder Skateboard auf die Straßen trauen - die vielen Hügel machen das aber ziemlich anstrengend. Die schönste Art, sich in Izmir fortzubewegen, ist ohnehin mit den Fähren. Vier Schiffslinien durchkreuzen die Bucht der Stadt, alle bieten Seewind im Gesicht und ein Spektakel von unzähligen Möwen, welche die Fähre begleiten. Auch hier kostet die Fahrt nur 40 Cent.

Von April bis Oktober herrscht in Izmir Badewetter. Direkt ins trübe Wasser an der Hafenpromenade Kordon sollte man zur Abkühlung aber nicht springen. Schließlich liegen in der Umgebung traumhafte Strände, empfehlenswert sind zum Beispiel Ilica und Çesme im Südwesten. Private Shuttlebusse fahren von der Innenstadt Izmirs aus dorthin. Die Fahrt dauert in der Regel eine Stunde, die Kosten liegen zwischen drei und fünf Euro pro Fahrt.

Hütten und Paläste: Bloß nicht ins Wohnheim!

"Zum Wohnen in Izmir würde ich das Viertel Bornova im Nordosten der Stadt empfehlen", sagt Ulas Çinarli, der an der Ege University studiert. In Bornova liegen die meisten Universitäten wie die Ege oder die Yasar, es gibt viele kleine Cafés und Bars. Mit Metro und Bussen kommt man von dort aus auch schnell in die Innenstadt. Eine Bleibe sucht man am besten über Facebook-Gruppen wie "Erasmus Izmir Rent a Room". Ein 15 Quadratmeter großes Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Bornova sollte dabei mit allem inklusive nicht mehr als 250 Euro kosten. Wer unbedingt im Zentrum Izmirs, zum Beispiel im hippen Stadtteil Alsancak wohnen möchte, der muss für sein Zimmer etwas mehr bezahlen - kann dafür aber morgens von Möwenrufen geweckt werden und mit Meerblick frühstücken.

Wer alleine in einem Ein-Zimmer-Apartment wohnen will, der hat es in Izmir schwer. "Wir Türken lieben große Wohnungen, in der Regel lebt man ja mit der ganzen Familie zusammen. Kleine Studios findet man daher eigentlich kaum", sagt Ulas. Abzuraten ist Austauschstudenten auch von einem Platz im Wohnheim. Zwar gibt es dort oft Extras wie eine Putzfrau oder ein internes Fitnessstudio. Mit im Schnitt 430 Euro für ein Einzelzimmer sind sie aber deutlich teurer als WGs. Dazu sind die meisten Gebäude nach Geschlechtern getrennt und ein Pförtner achtet streng darauf, dass kein Besuch über Nacht bleibt. So liberal die Stadt ist, so konservativ sind ihre Wohnheime.

Essen und Trinken: das mächtige Strand-Sandwich

Wer in Izmir nicht nach Herzenslust schlemmt, der ist selbst schuld. Aufgrund des gefallenen Lira-Kurses ist Essen hier unglaublich günstig. Gemüse und Obst kommen aus der Region, auf dem Markt bekommt man ein Kilo Auberginen für einen Euro, das Kilo Tomaten für rund 40 Cent. An jeder Ecke gibt es leckere Pogaça, gefüllte Teigtaschen mit Frischkäse oder Olivenpaste, für 30 bis 70 Cent das Stück. In Konak, dem Einkauf- und Flanierviertel von Izmir, servieren Vitamin-Bars frischgepressten Orangen-, Brombeer- oder Grapefruitsaft für 30 Cent pro Glas. Genauso wenig kostet ein Çay in den kleinen Teegärten, die es überall in der Stadt gibt. Direkt an der Hafenpromenade Kordon kann er etwas teurer sein.

Besonders berühmt als Snack ist das Çesme Kumru, ein Sandwich das nach dem Badeort im Südwesten Izmirs benannt ist. Dafür wird ein Sesambrot mit Suçuk (Knoblauchwurst) und Salami gefüllt, dazu noch weißer Käse aus Izmir, Tomaten, Gürkchen und Ketchup. Das Kumru kostet auf der Straße rund 2 Euro - und liefert mächtig viele Kalorien, die man am besten gleich wieder bei einem Ausflug an den Strand verbrennen sollte.

Der einzige Wermutstropfen am Austauschsemester in Izmir: Alkohol ist genauso oder noch teurer als in Deutschland. Seit Amtsantritt hat die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan die Alkoholsteuern kontinuierlich erhöht, sodass mittlerweile eine Halbliter-Dose Bier im Supermarkt selten unter 1,50 Euro zu haben ist. Raki, der traditionelle türkische Anisschnaps, kostet in der 0,7-Flasche ab 10 Euro aufwärts. Kleiner Trost: In den "Tekel"-Kiosken, welche die ganze Nacht geöffnet haben, kriegt man Bier und Raki fast zum Supermarktpreis.

Ausgehen und Feiern: stickig und gesprächig

"Vorglühen", wie man es aus Deutschland kennt, ist in Izmir eher unüblich. Bevor man tanzen geht, trifft man sich abends aber gern in der Nähe des Saat Kulesi (Uhrenturm), dem Wahrzeichen der Stadt. In seiner Umgebung gibt es viele gute "Meyhane", kleine Lokale, in denen man Raki zum frisch gegrillten Fisch trinkt. Nachher geht es zum Feiern dann meist ins Herz des hippen Viertels Alsancak. Hier reiht sich Pub an Pub, überall hört man wummernde europäische Housemusik oder türkische Pophits. Der Eintritt ist fast überall kostenlos: Reine Diskotheken gibt es kaum, Bar und Klub gehen hier fließend ineinander über. Es ist laut, eng und verraucht. Offiziell ist in den meisten Gaststätten der Türkei das Rauchen verboten, es schert sich aber niemand darum.

Eine Flasche Bier kostet in den meisten Bars drei Euro, in etwas schickeren Läden kann sie auch die Fünf-Euro-Marke knacken. Zum Beispiel im 1888 in Alsancak, das Austauschstudent Timo empfiehlt. "Dort ist alles etwas teurer, dafür legen aber auch sehr gute Electro- und Techno-DJs auf." Wer andere Musik und Preise bevorzugt, für den empfiehlt der Izmirer Kommunikationsstudent Ulas die Beri Blues Bar im Uni-Viertel Bornova: "Gemütlich, günstig und man kann dort Rockkonzerte von den besten Bands aus der Umgebung hören." Im Nachtleben kommt man als Austauschstudent schnell mit Türken ins Gespräch: "In Izmir gibt es viel weniger Touristen als beispielsweise in Istanbul. Wir freuen uns daher immer, Ausländer kennenzulernen und sind neugierig." Das kann Timo aus München bestätigen: "Mir wurde schon häufiger einfach mal ein Bier rübergebracht, oder die Kneipenbekanntschaft lädt einen direkt zu einer Tour durch die Stadt ein. Die türkische Gastfreundschaft, sie macht das Feiern in Izmir zu etwas ganz Besonderem."

Türkisch für Anfänger: Sezlong ne kadar?

Hadi kopalim! - Heißt wörtlich übersetzt "Auf, lasst uns explodieren!", wird aber als Aufforderung zum exzessiven Partymachen verstanden. Dazu gehört natürlich auch das ausgiebige Tanzen zu türkischen Pophits - am besten schon mal im Radio vorhören.

Eline Saglik - "Gesundheit zu deinen Händen", ein poetisches Dankeschön für gutes Essen. So lecker wie Dönerteller, Fischplatten, Kumru und Co. in Izmir sind, dürfte das bald zur Standardformel werden. Universell anwendbar als "Danke" ist "Sag olun" - egal ob im Supermarkt, Kiosk oder Bus.

Sezlong ne kadar? - Damit fragt man nach dem Preis für eine Liegematte am Strand. Die Strände südwestlich von Izmir sind wunderschön, aber auch fast lückenlos privatisiert. Liegematte und Sonnenschirm kosten im Gesamtpaket 5 bis 8 Euro, in der Nebensaison (Oktober bis April) wird es günstiger.

Ben bütün Izmir'i ve Izmirlileri severim! - "Ich liebe Izmir und alle seine Bewohner", eine Sympathieerklärung, die einen schnell in die Herzen der Kommilitonen befördern wird. Auch, weil dieser Satz Staatsgründer Kemal Atatürk zugeschrieben wird, der in den Dreißigern häufig in Izmir residierte.

Serefe! - Wird so ähnlich ausgesprochen wie der Sheriff, hat aber keine Verbindung zum Wilden Westen: Mit diesem Wort wird in der Türkei zu Bier, Raki oder sonstigen alkoholischen Getränken angestoßen. Wer ein süffiges Souvenir aus der Türkei mitbringen will, der sollte für rund 7 Euro eine Flasche Obstwein erwerben, der im Dörfchen Sirince neben Izmir produziert wird. Den Wein gibt es aus Aprikosen, Quitten oder Kirschen - und er schmeckt so unverschämt süß, dass er sich besonders als Geschenk für Naschkatzen eignet.

Dört gözle bekliyorum - Damit drückt man aus, dass man sich auf etwas so sehr freut, dass man "mit vier Augen darauf wartet". Zum Beispiel darauf, mit Freunden an der der Hafenpromenade den Sonnenuntergang zu betrachten. Oder sich mit der hübschen Kommilitonin zum großen Frühstücksbüfett mit Çay und Meneme (einer Art flüssiges Omelett) zu treffen. Oder auch nur von der Fähre aus Möwen mit Brotkrumen zu füttern und dabei die Seeluft zu riechen.

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