Wehrhafte Präsidentin Eine Frau reformiert die Bundeswehr-Uni

Kein zackiger Ton, aber gesundes Selbstvertrauen: Merith Niehuss ist Bayerns einzige Uni-Präsidentin und leitet die Universität der Bundeswehr in München. 4000 Zeitsoldaten will die Historikerin vorbereiten - auf die Zeit ohne Uniform.


Im zackigen Kommandoton spricht Merith Niehuss nicht, sie hat eine ruhige, fast sanfte Stimme. Gedient hat sie nicht - ihre Erfahrung mit Waffen beschränkt sich auf einen Jagdschein, den sie vor Jahren erwarb. Das ist nicht das einzig Ungewöhnliche an der Präsidentin der Universität der Bundeswehr in München: Die 54-Jährige ist die einzige Uni-Präsidentin in Bayern.

Die Präsidentin: Merith Niehuss steht an der Spitze der Bundeswehr-Uni
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Die Präsidentin: Merith Niehuss steht an der Spitze der Bundeswehr-Uni

Und mit Niehuss steht ausgerechnet eine Geisteswissenschaftlerin an der Spitze einer technisch orientierten Hochschule, der nach außen bisweilen noch der Ruf einer Militärakademie anhaftet. Dass die Professorin über Frauen und Familie habilitiert hat, ist ein weiterer Aspekt, der innerhalb der Bundeswehr ziemlich ungewöhnlich sein dürfte.

"Man braucht ein breites Kreuz"

Nun wäre es aber zu banal anzunehmen, dass Niehuss mit den sogenannten Waffen einer Frau die Hochschule mit 4000 Studenten führt. "Man braucht ein breites Kreuz", sagt sie. Niehuss hat in bisher drei Jahren ihrer sechsjährigen Amtszeit einiges umgekrempelt. Im Bundeswehr-Unibetrieb kennt sie sich seit Jahren aus - von 1999 bis 2003 war sie bereits Vizepräsidentin und zuvor seit 1994 als Professorin am Lehrstuhl für neuere Geschichte tätig.

Niehuss musste nicht nur die schwierige Umstellung auf Bachelor und Master begleiten. Sie hat dazu beigetragen, dass die Hochschule in Neubiberg bei München auch gesellschaftspolitisch gut aufgestellt ist. So findet man in München nicht nur Experten für Raumfahrttechnik oder Satellitennavigationssysteme, sondern auch Völkerrechtler, die sich mit den Problemen der modernen Piraterie an der Küste Somalias beschäftigen oder die Hintergründe weiblicher Selbstmordattentäter im internationalen Terrorismus ausforschen.

Diese Themenbreite hat auch mit der neuen Realität der Absolventen viel zu tun. Denn jeder der 4000 Studenten, die sich als Zeitsoldaten verpflichtet haben, könnte nach dem Studium in Afghanistan oder anderen Krisengebieten, in denen die Bundeswehr stationiert ist, eingesetzt werden. Nach dem drei- oder vierjährigen Studium beenden die Absolventen ihre Offiziersausbildung für den Rest der Dienstzeit in der Truppe.

Niehuss hat neue Schwerpunkte gesetzt, um die Studenten auf die verstärkten Auslandseinsätze vorzubereiten. Bei einem Besuch der Truppe in Masar-i-Scharif in Afghanistan traf die Präsidentin im Mai dieses Jahres etliche ihrer ehemaligen Studenten und Doktoranden wieder.

Auslandseinsätze bedrücken die Studenten

"Die Leute sind in großer Sorge", sagt sie. "Das ist schließlich kein normaler Übungseinsatz, das ist ein Krieg, der sehr ungleich geführt wird." Das wirke sich auch auf das Klima an der Münchner Uni aus und bedrücke die Studenten. "Die Gefährdung ist da, ich merke das auch hier an den Studierenden."

Ziel der Uni ist vor allem, den Absolventen nach Ende ihrer Dienstzeit den Weg in das zivile Leben zu ebnen. 80 Prozent der Bundeswehr-Offiziere sind Zeitsoldaten, sie scheiden nach 12 bis 13 Jahren aus der Bundeswehr aus.

So sind viele Absolventen der Uni erst Anfang 30, wenn sie die Uniform ablegen. Das Studium bei der Bundeswehr ist kürzer als an anderen Unis, die Studenten wohnen auf dem Campus, und sie werden als Zeitsoldaten bezahlt, müssen also nicht jobben. Niehuss wirbt auch mit dem Betreuungsverhältnis von 18 Studenten auf einen Wissenschaftler, das an Landes-Universitäten bei 60:1 liegt.

Der Frauenanteil an der Bundeswehr-Uni ist dagegen recht bescheiden und macht nur etwa zehn Prozent aus. Auch die Zahl der Professorinnen ist überschaubar. "Von den 165 Professoren kann man die Frauen an gut zwei Händen abzählen", sagt Niehuss.

Von Dorothea Hülsmeister, dpa



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