Weißrussland Kritische Masse unerwünscht

Seit Mai grenzt Weißrussland an die EU. Doch in der letzten Diktatur des Kontinents weht der europäische Geist nur flau. Per "Kündigung wegen Eigenbedarfs" setzt Präsident Lukaschenko jetzt die einzige unabhängige Universität des Landes vor die Tür.

Von Julian Hans


Lässt Uni unter Beschuss nehmen: Autokrat Lukaschenko
DPA

Lässt Uni unter Beschuss nehmen: Autokrat Lukaschenko

Bildungspolitik liegt dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko offenbar so am Herzen, dass er sich persönlich um die Lehrpläne kümmert. Auf Geheiß des einstigen Kolchosechefs wurde "Nationale Ideologie" letztes Jahr zum Pflichtfach an Schulen und Hochschulen. Grund: "Wir verlieren sonst unsere Jugend", so Lukaschenko.

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die Europäisch-Humanistische Universität Minsk (EHU) ins Visier des Staatschefs geriet. Dort studieren rund 1000 Studenten, unter anderem an einer vom französischen Außenministerium geförderten Fakultät für Europäische Integration. 60 Gastlektoren aus Europa und den USA kommen jedes Jahr nach Minsk. Im März startete der deutschsprachige Studiengang "Master in Internationalem Management" in Zusammenarbeit mit der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Offenbar zu viel Internationalität und europäischer Geist für ein Land, in dem der Staat die Medien kontrolliert, die Opposition drangsaliert und Dissidenten verschwinden lässt.

Harte Zeiten: Ehu in Minsk
EHU

Harte Zeiten: Ehu in Minsk

Lukaschenkos Präsidialverwaltung kündigte der Hochschule kurzerhand die Räume, in denen die Studenten der EHU seit sieben Jahren lernen. Offizieller Grund für die Kündigung: Die Präsidialverwaltung brauche mehr Platz für Büros unterschiedlicher Regierungsbehörden. Im Anschluss entzog jetzt das Bildungsministerium der EHU die Hochschul-Lizenz, weil geeignete Räume für einen Lehrbetrieb fehlen.

Bereits im Januar hatte die Regierung den Druck auf die Universität und den Rücktritt ihres liberalen Rektors gefordert. Professor Anatoli Michailow hatte zu offen von seinem Wunsch gesprochen, an der EHU eine "kritische Masse" auszubilden. Die Studenten, so Michailow, sollten lernen, sich differenziert mit ihrer Umgebung und Geschichte auseinanderzusetzen und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.

Wohnzimmer als Hörsäle?

Als sich Studenten und Professoren nach der Rücktrittsforderung geschlossen hinter ihren Rektor stellten und sogar die EU-Botschafter in Minsk protestierten, griff die Regierung jetzt zum Trick der Eigenbedarfskündigung. Nachdem er wiederholt Drohanrufe erhalten hatte, kehrte Rektor Michailow zunächst nicht von einer USA-Reise zurück.

Rektor Michailow (2. von rechts): "Kritische Masse" ausbilden
EHU

Rektor Michailow (2. von rechts): "Kritische Masse" ausbilden

Nicht zum ersten Mal setzt der weißrussische Staat unbequeme Bildungseinrichtungen einfach vor die Tür. Weil die Lehrer am Jakub-Kolas-Lyzeum Zivilcourage und Eigenständigkeit unter ihren Schülern gefördert hatten, wurde das Schulgebäude im vergangenen Jahr kurzerhand geschlossen - angeblich wegen Renovierung. Die Schüler pauken seitdem in Privatwohnungen.

In der EHU packen Professoren und Studenten Bücher und Computer in Kisten. Bis zum 5. August muss sie das Gebäude verlassen haben, sonst droht die Zwangsräumung. Der Masterstudiengang der Viadrina solle weiter betrieben werden, erklärte ein Vertreter des DAAD vor Ort. Wo ist allerdings noch unklar. Unter Alexander Lukaschenko könnten nun auch Wohnzimmer zu Hörsälen werden.



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