WG mit Opa 20 Stunden Arbeit für 20 Quadratmeter Zimmer

Wohnen für Hilfe, Staubsaugen statt Kaltmiete - die Idee klingt simpel: Junge wohnen mit alten Menschen zusammen, unterstützen sie im Haushalt, leisten Gesellschaft. Dafür logieren Studenten zu Konditionen, von denen sie im Wohnheim nur träumen können.


Eine preiswerte Studentenbude in einer Vorstadtvilla oder in einer repräsentativen Innenstadtwohnung - für Studenten bleibt das meist ein Traum. Muss es nicht: Vermittelt werden solche Zimmer auch von den Studentenwerken in den Universitätsstädten oder sozialen Einrichtungen. Einzige Voraussetzung: Der Bewerber ist bereit, mit einem älteren Menschen unter einem Dach leben.

"Wohnen für Hilfe" heißt eine Idee, die in England schon seit vielen Jahren bestens funktioniert und auch in Deutschland allmählich Fuß fasst. Senioren, die nach dem Auszug der Kinder oder dem Tod des Partners allein weiter in ihrer großen Wohnung leben, vermieten ein Zimmer an einen Studenten oder Azubi. "Gerade in Regionen mit einem hohen Mietniveau ist das eine Möglichkeit, an eine bezahlbare Unterkunft zu kommen", heißt es beim Münchener Mieterverein.

Endlich wieder Leben in Omas guter Stube

Damit das Zusammenleben im Alltag reibungslos klappt, gibt es klare Regeln: Die Kaltmiete wird statt mit Geld mit Arbeitsstunden bezahlt, ganz oder teilweise. Dafür werden vor allem Haus- oder Gartenarbeiten erledigt. Als Richtwert gilt, dass für einen Quadratmeter Wohnraum eine Stunde Hilfe pro Monat im Haushalt geleistet wird. Für ein 20 Quadratmeter großes Zimmer sind es also 20 Stunden. Dazu kommt eine Nebenkostenpauschale für Wasser, Strom und Heizung.

Das Modell "Wohnen für Hilfe" wird bereits in vielen Universitätsstädten praktiziert. Dazu zählen Aachen, Berlin, Frankfurt am Main, Freiburg, Köln, München und Münster. Es hat für beide Seiten Vorteile. Für die jungen Leute schlägt nicht nur die günstige Miete zu Buche. Die meisten sind gerade von zu Hause weggezogen und froh, nicht allein in der fremden Stadt zu sein. Die älteren Menschen wissen die Hilfe im Haushalt zu schätzen, aber besonders das Gefühl, dass wieder Leben im Haus ist.

Zwar gilt bei diesem Vermietungsmodell das normale Mietrecht. Im Interesse des häuslichen Friedens sollten sich aber beide Partner im Voraus zusätzlich über bestimmte Dinge verständigen, zum Beispiel, wie laut die Musik sein sollte, wie oft Besuch kommt, wie lange telefoniert wird - und ob man Bad, Küche, Garten gemeinsam nutzt. Vorab geklärt werden sollte auch die Haltung von Tieren und wie man's mit dem Rauchen hält.

Ohne gegenseitigen Respekt geht es nicht

Damit keine Missverständnisse aufkommen, sollten Art und Umfang der gewünschten Hilfeleistungen genau beschrieben sein. Pflegerische Leistungen sind generell ausgeschlossen. Am häufigsten vereinbart werden Gartenarbeit, Hilfe im Haushalt und Kinderbetreuung, aber auch die Erledigung von Behördengängen, Einkäufen, Fahrdienste und Unterstützung im Schriftverkehr oder am Computer.

Manche Senioren freuen sich aber auch einfach nur über die Gesellschaft der jungen Leute und haben Spaß an einem Plausch. Wichtig ist jedoch, dass beide Seiten in dem Projekt mehr sehen als nur ein gegenseitiges Geschäft. Alt und Jung sollten einander Interesse und Achtung entgegenbringen. Es haben sich schon echte Freundschaften und sogar Ersatzoma-Enkel-Beziehungen entwickelt.

Ältere Menschen, die Studenten ein Zimmer in ihrem Haus anbieten wollen, können sich an das Studentenwerk in ihrer Region wenden. Das vermittelt den Kontakt. Im Internet sind Ansprechpartner unter wohnenfuerhilfe.infozu finden. Auch beim Sozialverband Deutschland gibt es Informationen über das Projekt.

Reiner Fischer, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.