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01. Februar 2016, 10:01 Uhr

Hilfe vom WG-Psychologen

"Ich hab Heimweh und will einfach nur heulen"

Neue Stadt, neue WG, neue Uni: Das erste Semester stresst Katrin sehr. Sie fühlt sich allein und niedergeschlagen, weint oft. Ihre Mitbewohnerin ist von den Gefühlsausbrüchen genervt. Was tun?

Katrin* schreibt:

Lieber Herr Büter,

seit Oktober studiere ich im ersten Semester, und seitdem wohne ich auch in einer WG. Das Ankommen in der neuen Stadt und das Studium haben mir anfangs ziemlich zu schaffen gemacht - und tun es ehrlich gesagt heute noch. Ich weine viel und fühle mich niedergeschlagen.

Dass ich häufig traurig oder schlecht drauf bin, nervt allerdings meine Mitbewohnerin. Inzwischen versuche ich schon, meine schlechte Stimmung vor ihr zu verbergen, um Ärger zu vermeiden.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es ist anstrengend, dauernd so zu tun, als ginge es mir gut. Andererseits kann ich die Gereiztheit meiner Mitbewohnerin auch nachvollziehen. Was raten Sie mir?

* Name geändert

WG-Psychologe Ludger Büter antwortet:

Liebe Katrin!

Was Sie an Heimweh erleben, berichteten mir junge Leute oft, wenn sie sich in fremder Umgebung wie aus dem Nest gefallen fühlten. Was andere mit Ungeduld erwarten, verursacht bei Ihnen derzeit noch Trauer um Zurückgelassenes und vielleicht auch Angst vor dem Neuen. Das ist als Durchgangsphase normal, als Dauerzustand natürlich nicht.

Um letzteren zu verhindern, nutzen Sie alle Brücken, die Ihnen die gewählte Fakultät anbietet, um dort anzukommen: Einführungsveranstaltungen und Rundgänge ebenso wie auch mal eine Party. Öffnen Sie sich den Mitstudenten zum gemeinsamen Klagen über Pleiten, Pech und Pannen. Das gehört zum akademischen Ritual und verbindet Lernende immer.

Feiern Sie erfolgreiche Semesterabschnitte auch mit Ihrer Mitbewohnerin. Es wird Sie einander näherbringen, ohne dass Sie ihr oder sich selbst etwas vorspielen müssen. Das setzt allerdings voraus, Erfolge als solche auch wahrzunehmen und anzuerkennen.

Sehr wichtig ist auch dieses: Betrachten Sie Ihre Universitätsstadt nicht länger als Verbannungsort, dem Sie so oft wie möglich entfliehen müssen. Auf diese Weise verfestigen Sie nur ihre Abneigung, Fluchttendenz und alles, was dazugehört. Machen Sie sich stattdessen systematisch vertraut mit den Vorzügen dieser Stadt, die Ihr Heimatort nicht bietet.

Auch hierbei könnten Sie Ihrer Mitbewohnerin eine helfende, vielleicht sogar dankbare, Rolle zuordnen. Ihr Umdenken und "Umfühlen" geschieht zwar nicht auf bloßen Beschluss, aber nur mit einem solchen sowie entsprechenden Initiativen öffnen Sie sich den Weg dorthin.

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