Hilfe vom WG-Psychologen Meine Mitbewohnerin liebt einen dreisten Chaoten

Das am wohl weitesten verbreitete Problem von WG-Bewohnern: der Freund der Mitbewohnerin. Was tun, wenn er ein fauler Tunichtgut ist, der sich einfach auf Dauer einquartiert? Ein neuer Fall für WG-Psychologe Ludger Büter.

Hier bin ich Gast, hier darf ich sein: Wie werde ich den Freund der Mitbewohnerin los?
Corbis

Hier bin ich Gast, hier darf ich sein: Wie werde ich den Freund der Mitbewohnerin los?


Wohngemeinschaften sind eine tolle Erfindung. Das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie spülen nicht ab, leeren fremde Nutella-Gläser, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Was tun?

WG-Krach ist für Ludger Büter Alltag. Der 61-jährige Psychologe schlichtet im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der UniSPIEGEL-Leser. Schreibt uns, was euch in den Wohnwahnsinn treibt (wg-kummer@spiegel.de).

Thessa schreibt:

Sehr geehrter Herr Büter,

ich wohne seit etwas über einem Monat mit einer alten Schulfreundin in einer WG zusammen. Für mich ist es nicht die erste WG, für sie schon. Sie arbeitet, ich studiere. Mit den üblichen Dingen - Putzen, Einkaufen - funktioniert es recht gut, das pendelt sich mit Sicherheit noch ein.

Das große Aber: Ihr bester Freund ist jedes Wochenende bei uns, von Donnerstagabend bis Sonntagabend. Er macht keinerlei Anstalten, sich an den Strom-, Wasser- oder Lebensmittelkosten zu beteiligen. Ganz im Gegenteil, er futtert selbst meine Sachen ungefragt weg. Er denkt nicht einmal daran, seinen eigenen Dreck wie Pizzaschachteln zu beseitigen oder sonst mitzuhelfen.

Als ich um seine Füße herum gestaubsaugt habe, kommentierte er das so: "Stört dich nicht, wenn ich dir beim Putzen zusehe, oder? Kannst dich schon mal dran gewöhnen!". Ich habe ihn dann dazu verdonnert, den Müll rauszubringem - seine erste und bislang letzte Tätigkeit in Sachen "Aufräumen".

Ich weiß einfach nicht, wie ich meine Mitbewohnerin darauf ansprechen kann, ohne sie zu verletzen. Oder wie ich ihn dazu bringen könnte, mit anzupacken. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war, wie er einem Kumpel erzählte, er wohne "jetzt am Wochenende immer kostenlos, voll geil ey". Können Sie mir vielleicht einen Tipp geben? Wie kläre ich das? Ist es überhaupt legitim, sich darüber aufzuregen?

WG-Doktor Ludger Büter antwortet:

Liebe Thessa!

So, wie Sie Ihr Problem schildern, ist es weit verbreitet: Der Freund einer Mitbewohnerin kommt als zusätzliches Mitglied zur WG hinzu, verhält sich aber als Gast, der ungefragt alle Vorrechte für sich beansprucht, das heißt die Einladung zur Verpflegung und selbstverständlich die Freistellung von allem, was mit Hygiene zu tun hat.

Die Art wie er es vor Ihnen und nach außen vertritt und "feiert", ist dreist und respektlos. Sie haben also allen Grund, empört zu sein und sich gegen diese Situation zu wehren.

Sie selbst empfinden die Freundin als ersten Adressaten für eine Klärung. Darin gebe ich Ihnen recht. Es gehört zu den Grundregeln des WG-Lebens, als Gastgeber von Dritten für diese verantwortlich zu sein und die WG gegebenenfalls vor ihnen zu schützen. Wenn ich Sie bitte, Ihre und des Freundes Pflichten im Gespräch mit ihr einzufordern, empfehle ich Ihnen vielleicht, was Ihnen sehr schwerfällt. Für Ihre bisherige freundliche Zurückhaltung ist der - noch unausgesprochene - Konflikt eine Herausforderung.

Es ist gut möglich, dass der missliebige Gast diese Freundlichkeit, eine Art Vakuum in Ihrer Gruppendynamik, als willkommene Hilflosigkeit von Ihrer Seite bemerkt hat und "missversteht", ich könnte auch sagen: ausnutzt.

Es führt also kein Weg daran vorbei, Ihre Freundin mit Ihrer Unzufriedenheit zu konfrontieren und sie zu bitten, dem Freund die Grenzen eines Gastes und Ihrer Gastlichkeit aufzuzeigen. Sie wird Ihnen nicht die Freundschaft entziehen, nur weil Sie sich von einer ungewohnten Seite zeigen. Freundlichkeit einerseits, Nachdruck und Selbstbehauptung andererseits sind keine Gegensätze, die sich ausschließen.

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divStar 21.11.2013
1. Deswegen kommt eine WG für mich z.B. nie mehr in Frage...
Ich bin zwar nicht auf den Mund gefallen - im Gegenteil: ich nenne die Sachen gerne bei ihren Namen. Aber was sich andere WG-Mitglieder und insbesondere deren Freunde bzw. Freundinnen so erlauben, ist einfach unglaublich. Da fragt man sich was zur Hölle das soll und ob der Vertrag nur eine Formalie ist. Nicht nur, dass man störende Stöhngeräusche aus dem Nebenzimmer nachts hört - und das Badezimmer länger besetzt ist: aufräumen ist für die Gäste meist ein Fremdwort weil sie sich fälschlicher Weise immer noch als Gäste verstehen (was im Bezug auf die Beteiligung an Kosten und Aufräumarbeiten stimmt). Irgendwann war mir einfach klar, dass ich keine Lust habe hinter anderen zu putzen oder mich jeden Tag mit denen anzulegen. Insofern: nie wieder. Die Menschen, die ich in WGs erlebt habe, sind meist egoistisch und eigennützig sowie meist alles andere als Pflichtbewusst. Und von guten Manieren im Hinblick auf Dreistsein haben auch nur die wenigsten gehört.
Oskar ist der Beste 21.11.2013
2. optional
Das Thema ist insofern schwierig, weil man ja in eine Wohngemeinschaft einzieht in der Annahme, dass dort nur eine bestimmte Anzahl von Leuten wohnt. Wenn nun aber regelmäßig andere Leute sind, dann ist das ein NO NO. Das sollte immer vor Einzug geregelt werden. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, daß man kaum eine Grenze ziehen kann. (Sind 2 Nächte erträglich oder nicht, z.b.). Wenn diese Thematik zum Problem wird, ist es meistens schon zu spät, weil dann auch so Themen wie "Nachspionieren", "übermäßige Neugier oder gar Eifersucht" eine Rolle spielen.
tomboygö 21.11.2013
3. Unselbständig
Zitat von sysopCorbisDas am wohl am weitesten verbreitete Problem von WG-Bewohnern: der Freund der Mitbewohnerin. Was tun, wenn er ein fauler Tunichtgut ist, der sich einfach auf Dauer einquartiert? Ein neuer Fall für WG-Psychologe Ludger Büter. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/wg-psychologe-bueter-was-tun-wenn-der-freund-der-mitbewohnerin-nervt-a-933235.html
Ich finde es erstaunlich, dass es erwachsene Menschen gibt, die derart unreif und unselbständig sind, dass sie einen WG-Psychologen zur Lösung des Problems brauchen. Mein Güte!
daemmm1 21.11.2013
4. optional
Der Rat ist ja mal absolut unzureichend. Wer so unfassbar dreist ist, inkl. der Freundin, hat mehr verdient als nur Anschiss. Ab zur Rechtsberatung. Soll die mal schön für die zusätzl. Kosten aufkommen. Man merkt, wie viele Leute nicht wissen, was Freundschaft ist. Sowas ist keine Freundschaft, sondern bullshit.
zabbel 21.11.2013
5.
Was der eine als "dreist" empfindet, ist für den anderen Selbstverwirklichung....
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