WG-Rat über Integration "Man muss sich total anstrengen"

Können auch kurzbehoste Deutsche mit Sandalen und weißen Socken liebenswert sein? Dürfen Lehrerinnen Kopftuch tragen? Und wie schwer haben es Ausländer hier? Diesmal diskutieren die Küchenphilosophen vom WG-Rat, selbst ein bunter Haufen, wie sich Multikulti anfühlt.


UniSPIEGEL: Die Integrationsdebatte ist ein Dauerbrenner in Deutschland. In eurer WG stammen bis auf Lars alle aus dem Ausland. Auch Röya ist nicht deutsch. Wie gut fühlt ihr euch integriert?

Emmanuelle: Soll ich ehrlich sein? Ich habe nur eine deutsche Freundin. Und die habe ich in meinem Heimatland kennengelernt, im Senegal. Das spricht nicht unbedingt für die Aufgeschlossenheit der Deutschen.

Röya: Als ich hier ankam, fand ich die Leute auch erst einmal total zurückhaltend. Ich habe sechs Monate in Kassel studiert und mich isoliert gefühlt. Seitdem ich ins Heidelberger Wohnheim gezogen bin, ist das aber viel besser geworden.

Veronica: Es kommt eben auch immer darauf an, was man selbst dafür tut. Ich habe viel unternommen, damit ich Deutsche kennenlerne. Ich bin Wohnheimsprecherin geworden und oft ins Uni-Sportzentrum gegangen.

Röya: Man darf einfach nicht so schnell aufgeben.

Emmanuelle: Das ist aber doch das Schlimme, dass man sich total anstrengen muss. Im Senegal beispielsweise hat Gastfreundschaft Tradition. Wenn sich ein Ausländer nicht zurechtfindet, sind gleich fünf Leute zur Stelle, die ihm helfen wollen. Wisst ihr, wie oft es mir schon passiert ist, dass ich jemanden hier nach dem Weg gefragt habe und er so getan hat, als hätte er mich nicht gehört?

UniSPIEGEL: Lars, was sagst du denn als einziger Deutscher hier in der Runde dazu?

Lars: Hm. Ich dachte immer, wir Deutschen seien sehr liebenswert ... (grinst).

Emmanuelle: Ja, klar. Manche. Du zum Beispiel (grinst zurück).

Lars: Im Ernst. Ich glaube, dass das kein rein deutsches Problem ist. Als ich für ein Jahr in Frankreich war, ging mir das genauso. Es hat eine Weile gedauert, bis ich Anschluss gefunden habe. Das lag aber nicht an den Franzosen. Das ist einfach normal, wenn man in ein fremdes Land kommt.

Emmanuelle: Aber es gibt Orte, da wird es einem leichter gemacht, und Orte, wo das eben nicht so ist.

Lars: Okay. Wir sind vielleicht nicht gerade das warmherzigste Volk auf Erden. Aber wir geben uns Mühe. Ausländer haben hier auch viele Vorteile.

UniSPIEGEL: Zum Beispiel?

Röya: Die ganzen Stipendien für Gaststudenten etwa. Ich könnte ansonsten gar nicht hier sein.

Emmanuelle: Es gibt den Deutschen Akademischen Austausch Dienst und viele Stiftungen, von denen man finanzielle Unterstützung bekommt. Das ist super.

Veronica: Ich glaube nicht, dass man es in Italien als Gaststudent in dieser Hinsicht so einfach hat wie hier. In Italien sind übrigens auch nicht alle Ausländer willkommen - obwohl wir als sehr herzlich gelten.

UniSPIEGEL: Woran machst du das fest?

Veronica: Viele Italiener haben Vorurteile gegenüber Osteuropäern, vor allem gegenüber Albanern und Slowenen. Aber auch Afrikaner haben es nicht immer leicht.

Lars: Wie sieht es aus mit Vorurteilen gegenüber Deutschen?

Veronica: (lacht) Oh ja. Die gibt es auch. Ihr tragt im Sommer immer kurze Hosen mit weißen Socken und Sandalen. Und ihr esst ständig Kartoffeln und Kraut. Meine italienischen Freunde fragen manchmal, ob ich das jetzt auch mache.

Lars: Und? Bist du noch 100-Prozent-Italienerin oder schon zu zehn Prozent deutsch?

Veronica: Weiße Socken und Sandalen? Nein. Aber ich habe mittlerweile schon ein paar deutsche Angewohnheiten.

Lars: Jetzt bin ich aber gespannt.

Veronica: Ich schmiere Margarine aufs Brot und esse Nudeln und Fleisch vom selben Teller. So etwas macht man in Italien nicht.

UniSPIEGEL: Ist das der Schlüssel zur Integration? Anpassung? Kraut statt Kebab?

Emmanuelle: So ein Quatsch. Warum sollen sich die Leute nicht ihre eigene Kultur und ihre Sitten bewahren?

Röya: Ich finde schon, dass man sich anpassen muss. Es ist wichtig, die Sprache zu lernen und die Regeln zu kennen und zu achten.

Emmanuelle: Das heißt, wenn ein Deutscher nach Aserbaidschan kommt, willst du ihn in aserbaidschanische Landestracht stecken und ihn zum Muslim machen, oder was?

Röya: Das habe ich doch gar nicht gesagt. Das wäre Assimilation. Davon spreche ich nicht. Ich rede von Integration.

Emmanuelle: Aber du findest, dass man ein Stück weit auch deutsch werden sollte.

Röya: Nein. Ich sage nur, dass man Regeln und Sitten achten und kennen muss. Ein Beispiel: In Deutschland darf man sich einfach auf der Straße schnäuzen ...

Lars: In Aserbaidschan nicht?

Röya: Auf keinen Fall. Wenn du das tust, hast du keine Manieren. Letzthin war ein Freund von mir aus Österreich in Baku zu Besuch. Als er auf offener Straße in ein Taschentuch prustete haben uns alle angestarrt. Das war seltsam.

Emmanuelle: Ich frage mich, warum man den Leuten nicht einfach ihre Freiheit lassen kann. In meinem Land sprechen die wenigsten Ausländer Wolof, die gängige Sprache. Nicht einmal Französisch, die Amtssprache. Und es ist trotzdem kein Problem.

UniSPIEGEL: Du hast doch auch Deutsch gelernt.

Emmanuelle: Ja. Aber weil ich es selbst wollte und nicht, weil man es mir vorgeschrieben hat.

Veronica: Ohne Kenntnisse der Landessprache findet man doch gar keinen Job. Das kann ja auch nicht Sinn der Sache sein.

Emmanuelle: Für manche ist es aber auch sehr schwer, Deutsch zu lernen. Das ist nicht so leicht wie Englisch oder Französisch.

Veronica: Allerdings: Es gibt zum Beispiel keine Regeln dafür, ob ein Wort männlich, weiblich oder sächlich ist. Ich habe da auch noch ganz schön viel zu lernen.

Emmanuelle: Deutsch ist jedenfalls keine Sprache für Faule.

UniSPIEGEL: Was haltet ihr von der Kopftuchdebatte? Darf eine gläubige muslimische Grundschullehrerin mit Kopftuch unterrichten?

Emmanuelle: Da spricht nichts dagegen. Das ist ihre eigene Sache.

Lars: Sicher? Als Lehrerin hast du eine Vorbildfunktion. Du könntest die Kleinen dazu animieren, sich selbst ebenfalls zu verhüllen.

Emmanuelle: Kinder sind doch nicht auf den Kopf gefallen. Es gibt Möglichkeiten, ihnen zu erklären, dass es verschiedene Religionen und Kulturen gibt.

Lars: Es geht aber auch um muslimische Mädchen, die auf diese Weise unter Druck gesetzt werden könnten, selbst Kopftuch zu tragen.

Emmanuelle: Meine Angst ist aber, dass sich solche Einschränkungen immer weiter fortsetzen. Erst darfst du kein Kopftuch tragen. Dann werden Miniröcke verboten. Homosexuelle müssen draußen bleiben. Und so weiter.

Lars: So darf es natürlich nicht kommen. Aber staatliche Neutralität ist wichtig.

Emmanuelle: Darüber kann ich jetzt nur lachen. Neutralität in Deutschland? Hier treibt der Staat doch sogar Steuern für die Kirche ein.

Lars: Habt ihr im Senegal keine Kirchensteuern?

Emmanuelle: Ne, ne, ne. So was gibt es da nicht. In der Türkei beispielsweise sind Kirche und Staat doch auch strikt getrennt.

Lars: Und wie soll sich die Kirche dann finanzieren?

Emmanuelle: Über Spenden. Und wenn du einen Pfarrer brauchst für eine Hochzeit oder eine Beerdigung, dann musst du ihn halt bezahlen.

UniSPIEGEL: In eurer WG prallen viele Kulturen aufeinander: Senegal, Italien, Deutschland und Österreich. Röya ist aus Aserbaidschan und kommt oft zu Besuch. Ihr könnt alle Deutsch. Gibt es trotzdem manchmal Verständigungsschwierigkeiten?

Veronica: Nein, eigentlich nicht. Nur manchmal geht es mit den Sprachen ein bisschen drunter und drüber. Zum Beispiel, wenn ich mit meiner Schwester auf Italienisch telefoniere, währenddessen Lars etwas auf Deutsch zurufe und er sich gerade auf Französisch mit Emmanuelle unterhält.

Emmanuelle: Kommunikationsprobleme haben wir nicht. Aber ich fühle mich von Vero meistens am besten verstanden. Das liegt daran, dass mir die italienische Kultur näher liegt als die deutsche oder österreichische.

Lars: Ich hingegen habe den besten Draht in der WG zu Leo. Aber nicht, weil er Österreicher ist, sondern weil er ein Mann ist (lacht).

INTERVIEW: KATRIN ELGER



© UniSPIEGEL 3/2008
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