Hilfe von der Therapeutin "Ich will eine Zweck-WG, meine Mitbewohner nicht"

Samuels Mitbewohner wollen ihn schon nach einer Woche wieder loswerden. Das Problem: Er will eine Zweck-WG, die anderen einen geselligen Mitbewohner. Was kann Samuel tun?

Samuel* schreibt:

"Ich wohne erst seit einer Woche in einer WG, doch meine Mitbewohner wollen schon jetzt, dass ich ausziehe. Die Probleme fingen an, als mir meine Mitbewohnerin sagte, sie hätte wechselnde Geschlechtspartner und ich daraufhin antwortete, dass dies die Definition einer Schlampe sei.

Als meine Mitbewohner meinten, ich solle ausziehen, drohte ich mit einem Anwalt. Nun darf ich erst einmal bleiben.

Ich glaube, ich passe hier einfach nicht rein. Ich will eine Zweck-WG, meine Mitbewohner offenbar nicht. Dabei ist doch jede WG eine Zweck-WG, allein schon weil man Kosten spart, wenn man sich eine Wohnung teilt. Ich gehe meinen Mitbewohnern auch nicht auf die Nerven, versuche nett und freundlich zu sein.

Aber wenn ich mal etwas sage, dann kommen motzige Antworten zurück. Sie warfen mir auch vor, dass ich sie angelogen hätte, als ich mich vorgestellt habe. Dabei hatte ich klar gesagt, dass ich nicht gern in Kneipen gehe.

Du hast WG-Kummer?
Foto: Silja Götz

Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de . Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Nun haben wir vereinbart, dass ich bleiben darf, bis ein Apartment des Studentenwerks frei ist. Ein Wohnheimplatz wäre für mich eine Zumutung, da ich schon 32 Jahre alt bin.

Trotzdem meinten sie neulich, es sei eine Wohnung für 500 Euro frei. Aber, hallo?! Ich bin ein armer Student. Die anderen beiden gehen arbeiten. Dann sollen sie doch dort hinziehen. Studentischer Wohnraum ist ohnehin schon knapp. Und die beiden nehmen Studenten die Zimmer weg und wollen mich dann auch noch rausschmeißen. Wie können die nur denken, sie seien im Recht?

Außerdem haben sie mich ja auch ausgewählt. Wie können sie nur sagen, ihnen sei es egal, dass mir das Studium wichtig ist?

Vielleicht hätte ich ihnen auch nicht erzählen sollen, dass ich Mathe erotisch finde?"

*Name geändert

Zur Person
Foto: Amac Garbe

Sabine Stiehler lindert den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.

Sabine Stiehler antwortet:

"Lieber Samuel,

Sie haben völlig recht, jede WG ist auch eine Zweck-WG, weil man Kosten spart. Darüber hinaus wollen viele Mitbewohner noch gemeinsam etwas unternehmen. Da Sie nicht gern in Kneipen gehen, werden Sie wahrscheinlich nicht so sympathisch gefunden.

Auf mich wirken Sie so, als seien Sie sehr auf sich bezogen. Vielleicht hilft es, wenn Sie sich vorher konkret überlegen, was Sie sagen wollen und wie es ankommt. Auch wenn Sie Situationen kommentieren wollen, halten Sie erst einmal inne und überlegen sich, was das auslösen kann.

Jemanden als Schlampe zu bezeichnen, ist nun einmal ziemlich verletzend. Auch, dass Sie Mathe erotisch finden, ist so eine Anmerkung, die man vielleicht nur schwer nachvollziehen kann.

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Teilen Sie Ihren Mitbewohnern mit, welche Schwierigkeiten Sie in der WG haben. Die Mitarbeiter werden dann sicher schauen, ob sie einige Vorgänge beschleunigen können. Sie können sich auch gern an die psychologische Beratung wenden, vielleicht können sich die Berater auch für Sie bei der Wohnheimverwaltung im Studentenwerk einsetzen."